Pro Oriente Logo

Wenn wir uns nicht bald
einig werden, gehen wir
gemeinsam unter.

Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Maronitische Kirche

  • Gläubigeca. 3,3 Millionen (davon über die Hälfte in der weltweiten Diaspora außerhalb des Libanons, besonders in Lateinamerika)
  • SitzBkerké bei Beirut (Libanon)
  • Diözesen23 Diözesen und 2 Patriarchalexarchate
  • Rituswestsyrisch
  • LiturgiespracheArabisch/Altsyrisch (Aramäisch)
  • Kalendergregorianisch
  • Titel des ErsthierarchenPatriarch von Antiochien der Maroniten
  • e-mailjtawk@bkerke.org.lb

Die Maronitische – oder auch Syrisch-Maronitische Kirche – ist eine Ausnahmeerscheinung unter den Katholischen Ostkirchen: Sie ist die älteste der mit Rom in voller Communio stehenden Ostkirchen und die einzige, die als ganze vollständig die Gemeinschaft mit Rom aufgenommen hat; es gibt zu ihr kein von Rom getrenntes Pendant. Anders ausgedrückt: Jeder Gläubige der Maronitischen Kirche ist Katholik. Sie ist heute die Mehrheitskirche im Libanon und hat einen nicht unerheblichen Einfluss auf die libanesische Gesellschaft.

Weitere Informationen über die Maronitische Kirche

Etwa 1,5 Millionen Einwohner des Zedernstaates bekennen sich zu ihr; damit repräsentiert sie mit Abstand die größte christliche Gemeinschaft des Libanon. Der Patriarch der Maroniten genießt nicht nur als religiöses Oberhaupt, sondern auch als Figur des öffentlichen Lebens in der libanesischen Politik und Gesellschaft ein hohes Ansehen, das als Sprachrohr der christlichen Bevölkerung im Libanon wahrgenommen und geachtet wird. Die bis heute gültige konfessionalistische Verfassung des Libanon aus dem Jahr 1920 regelt, dass das Staatsoberhaupt, der Staatspräsident, stets ein Maronit sein muss.

Der Name dieser Kirche rührt vom Kloster Mar Maron her, das am Orontes in der Nähe des antiken Apameia, zwischen Aleppo und Antiochien lag. Als sein Gründer und Patron wurde der syrische Einsiedlermönch und Asket, der um 410 gestorbene heilige Maron verehrt. Diese Keimzelle der heutigen Maronitischen Kirche ist seit ihrer Zerstörung 925 nur noch eine Ruine. Das Kloster Mar Maron war das wichtigste Bollwerk innerhalb des syrischen Mönchtums, das die Beschlüsse des Konzils von Chalkedon von 451 entschieden in den christologischen Auseinandersetzungen der Folgezeit verteidigte. Im Jahr 517 erlitten 350 Mönche des Maron-Klosters und anderer chalkedonensischer Klöster Syriens auf einer Pilgerfahrt zum Simeonskloster nach einem Überfall durch gegnerische Gruppen den Martyrertod: Die Erinnerung an dieses Ereignis wird in der Maronitischen Kirche bis heute durch einen eigenen liturgischen Gedenktag lebendig gehalten.

Im 7. Jahrhundert gerieten die Maroniten zwischen die kirchlichen Großfronten. Der byzantinische Kaiser Herakleios (576–641) versuchte mit Hilfe der Lehre des Monotheletismus, nämlich dass es in der Person Christi nur einen einzigen Willen gäbe, einen Kompromiss zwischen Anhängern und Gegnern des Konzils von Chalkedon von 451 zu erreichen, um so die Miaphysiten wieder in die Reichskirche zu integrieren. Die Mönche des Maron-Klosters wurden die prominentesten Verfechter dieser Lehre. Sie hielten an ihr auch dann noch fest, als das sechste Ökumenische Konzil (das III. Konstantinopolitanische Konzil) von 681 den Monotheletismus verurteilte. Durch die Invasion der Araber konnte jedoch kein Vertreter des Monotheletismus aus Syrien an diesem Konzil teilnehmen, so dass historisch gesehen keine Ablehnung dieser Konzilsbeschlüsse durch die Maroniten vorlag, sondern schlichte Unkenntnis, die sogar noch für das 11. Jahrhundert nachweisbar ist.

Als Monotheleten wurden sie ab Ende des 7. Jahrhunderts nun von zwei Seiten als Ungläubige verfolgt: einerseits von den Gegnern des Konzils von Chalkedon von 451 und andererseits von der kaisertreuen Reichskirche, die mit den Beschlüssen des III. Constantinopolitanum den Monotheletismus verworfen hatte. Zusätzlich bedrängt durch die Abbassiden suchten die Maroniten entweder Schutz im unwegsamen Bergland des Libanon oder flohen nach Zypern, wo sie bis heute mit 10.000 Gläubigen vertreten sind.

Zum offiziellen Bruch mit der Reichskirche kam es um etwa 745 als der Patriarchenstuhl von Antiochien nach langjähriger Vakanz wieder erneut mit einem vor Ort residierenden „melkitischen“ Patriarchen besetzt wurde: Die Maroniten hatten während der Zeit der Vakanz nämlich inzwischen mit einigen benachbarten Bischöfen einen eigenen Patriarchen von Antiochien gewählt. Der Maronitischen Eigentradition nach war der Name dieses ersten Maroniten-Patriarchen Johannes Maron, dem ab dem 16. Jahrhundert mehrere Werke zugeschrieben wurden.

In der Kreuzfahrerzeit haben die Maroniten mit den Lateinern kooperiert, da sie ihrem Selbstverständnis nach nie von der Römisch-Katholischen Kirche getrennt gewesen waren. 1182 wurde die vollständige Kirchengemeinschaft der Maronitischen Kirche mit der Kirche von Rom offiziell formell bestätigt. Diese vollständige Communio zwischen den beiden Kirchen ist seitdem ununterbrochen. Auf dem IV. Laterankonzil von 1215 nahm mit Patriarch Jeremias II. Al-Amshitti (1199–1230) erstmals ein Maronitischer Patriarch als Konzilsvater an einem Konzil teil.

Nach der Vertreibung der Kreuzfahrer wurden die Maroniten von den Mameluken zunächst verfolgt, erlangten jedoch später ab dem 16. Jahrhundert im Osmanischen Reich eine gewisse Freiheit und Autonomie. 1860 kam es nach einer Revolte zu einem Massaker an Tausenden von Maroniten durch Drusen, worauf Frankreich in der Region militärisch intervenierte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden der Libanon und Syrien französisches Mandatsgebiet. Seit 1944 ist der Libanon ein souveräner Staat, dessen konfessionalistische Verfassung aus dem Jahr 1920 jedoch noch aus französischer Zeit herrührt.

Wie fragil die politische Situation im Zedernstaat in Wirklichkeit jedoch ist, wurde der Welt in den Jahren des libanesischen Bürgerkriegs von 1975 bis 1992 bewusst: Viele Maroniten flohen in diesen Jahren aus ihrer Heimat und bildeten den Grundstock für riesige Diasporagemeinden. So leben heute in Argentinien etwa 700.000 Maroniten, in Brasilien fast 500.000, in Australien und Mexiko jeweils 150.000 und in Kanada und in den USA jeweils etwas über 80.000.

Das 1584 gegründete Maronitische Kolleg in Rom und die Maronitische Heilig-Geist-Universität in Kaslik (Libanon) legen beredtes Zeugnis für den hohen Bildungsstand des Maronitischen Klerus ab. Auch das Mönchtum, das auf eine jahrhundertealte lebendige Tradition zurückblicken darf – stand es doch quasi am Anfang der Maronitischen Kirche –, spielt bis heute in ihr eine gewichtige nicht zu unterschätzende Rolle: Die Klöster im Bergland des Libanon sind nicht nur für die Christen bis heute wichtige geistliche Zentren.

Nach starken Latinisierungstendenzen im 18. und 19. Jahrhundert, besinnt die Maronitische Kirche sich im Zuge des II. Vatikanischen Konzils (1962–1965) wieder vermehrt auf ihre eigenen Traditionen und bemüht sich in ihren neueren liturgischen Büchern um eine stärkere Würdigung ihrer westsyrischen Wurzeln.

Nikodemus C. Schnabel OSB