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Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Patriarchat von Moskau und ganz Russland

  • Gläubigeca. 120 Millionen Gläubige
  • SitzMoskau (Russland)
  • Diözesen138, davon 37 in der Ukraine, 11 in Weißrussland und 7 in der westlichen Welt
  • Statusautokephal
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheKirchenslawisch
  • Kalenderjulianisch
  • Titel des ErsthierarchenPatriarch von Moskau und ganz Russland
  • e-mailcs@mospatr.ru

Moskau Auferstehungskirche Kadaschi DetailansichtDie Gläubigen der Russischen Orthodoxen Kirche. Ihre Gläubigen leben nicht nur auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, sondern auch in der weltweiten Emigration: So sind es allein im deutschsprachigen Raum mehrere Hunderttausende. Diese starke Präsenz ist sicher auch der Grund dafür, dass in der westlichen Welt mit „orthodox“ oftmals die Russische Orthodoxe Kirche assoziiert wird. In der Tat ist die Kirche von Russland wohl eine der bedeutendsten Kirchen innerhalb der Gesamtorthodoxie, was nicht nur in ihrer zahlenmäßigen Größe sondern auch in ihrer theologisch-denkerischen Produktivität begründet liegt.

Weitere Informationen über das Patriarchat von Moskau und ganz Russland

Das Patriarchat von Moskau verstand sich als Bewahrerin des orthodoxen Glaubens, nachdem 1453 Konstantinopel („Zweites Rom“) von den Muslimen erobert wurde und „Altrom“ schon früher seine eigenen getrennten Wege der lateinischen Tradition gegangen ist. Es wird in der Rangfolge der Orthodoxen Kirchen unmittelbar nach den altkirchlichen Patriarchaten folgend an Position fünf geführt.

1988 – inmitten der Phase des politischen Umbruchs in Osteuropa – konnte das Moskauer Patriarchat die Tausendjahrfeier der Taufe der Kiewer Rus’ begehen: Großfürst Vladimir von Kiew ließ sich 988 taufen, und seine Frau Anna und viele Mönche christianisierten in der Folge die Völker der Kiewer Rus’: die heutigen Ukrainer, Weißrussen und Russen. Dabei hatte sich der Großfürst bewusst für das Christentum byzantinischer Prägung entschieden, wie die im 12. Jahrhundert entstandene oft zitierte Nestorchronik zu berichten weiß.

Bis hinein in das 13. Jahrhundert erlebte die Orthodoxe Kirche mit Sitz in Kiew einen enormen Aufschwung. 1237 eroberten die Mongolen das Kiewer Reich und zerstörten die Hauptstadt. Ein Großteil der Bevölkerung floh nach Norden und der Metropolit von Kiew verlegte 1326 seinen Sitz nach Moskau. Unmittelbar zuvor war Kiew von Litauen eingenommen worden und die Gebiete der späteren Ukraine und Weißrusslands kamen für dreihundert Jahre unter polnisch-litauische Herrschaft.

Unterstand die Kirche von Russland Jahrhunderte lang jurisdiktionell dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, so kam es Mitte des 15. Jahrhunderts zu einer Wende. Auslösepunkt war das Unionskonzil von Ferrara-Florenz (1438/39), an dem der Kiewer Metropolit (mit Sitz in Moskau) teilgenommen hatte und dessen Beschlüsse er umsetzen wollte, worauf er von der Synode abgesetzt wurde und 1448 ein neues Oberhaupt gewählt wurde, jedoch ohne die Zustimmung des Ökumenischen Patriarchen. Daher gilt das Jahr 1448 als Geburtsstunde der Autokephalie der Russischen Orthodoxen Kirche.

Als schließlich im Jahr 1453 Konstantinopel von den Osmanen erobert wurde, während Russland sich einige Jahre später von der Fremdherrschaft der Mongolen befreien konnte und ein unabhängiger Staat wurde, sah sich die Kirche von Russland in der Rolle der Bewahrerin des wahren orthodoxen Glaubens. Unterstützung in diesen Bestrebungen erfuhr die Kirche hierbei durch den Zaren. Seit 1461 nannte sich das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche „Metropolit von Moskau und ganz Russland“ bis ihm 1589 vom Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel der Patriarchentitel verliehen wurde.

Die Kirche von Russland erlebte in den folgenden Jahrzehnten eine zweite große Blütezeit, die durch zahlreiche Klostergründungen in den entlegenen Regionen des Riesenreiches zum Ausdruck kamen, wobei durch den damit verbundenen Zuzug von vielen Handwerkern und Arbeitern diese Landstriche urbar gemacht und besiedelt wurden. Durch die Angliederung Weißrusslands und der Ukraine an das russische Zarenreich im 17. Jahrhundert konnte der Moskauer Patriarch seinen großen geistlichen und gesellschaftlichen Einfluss auch auf diese Länder ausdehnen.

Einen Einschnitt für die Kirche von Russland markierte die Politik Zar Peters des Großen (1682–1725), dessen Reformen unter anderem 1712 die Verstaatlichung des Kirchenbesitzes vorsahen. Als die Kirche sich nicht bereit zeigte, die Reformen mitzutragen, löste 1721 der Zar das Patriarchat auf und leitete die mehr als 200-jährige Periode der Synodalverwaltung ein: Die Kirche wurde nur insofern vom Staat gefördert, als sie dem Staat dienen konnte, so stand sie aber vollständig unter der Kontrolle des staatlichen Oberprokurators, eines Laien, der die Kirchenleitung zusammen mit dem aus Bischöfen bestehenden Heiligen Synod ausübte. Die Bischöfe mussten von nun an einen Treueid auf den Zaren ablegen und wie Staatsbeamte den Weisungen des Oberprokurators Folge leisten.

Dennoch war diese Zeit nicht eine Niedergangsperiode, da gerade im 18. und 19. Jahrhundert starke theologische und spirituelle Impulse vom Mönchtum ausgingen: Die russischen Theologen dieser Zeit beeinflussten sogar ihre Zeitgenossen aus Philosophie und Literatur. Neben den herausragenden Theologen, wie etwa Tichon von Sagorsk oder Metropolit Gavril von St. Petersburg, sind die zahlreichen Starzen dieser Zeit hervorzuheben, wie Seraphim von Sarov und die Mönche von Optina Pustyn’. Bei ihnen handelte es sich um begnadete geistliche Väter, die junge Menschen in die Tugenden des mönchischen Lebens einführten, aber auch zu geistlichen Begleitern und Ratgebern für Vertreter aller gesellschaftlichen Schichten wurden.

Im August 1917, kurz nach dem Sturz des Zaren, berief die Russische Orthodoxe Kirche ein Landeskonzil ein, auf welchem das Moskauer Patriarchat restituiert und innerkirchliche Reformen beschlossen wurden. Doch noch vor dem Ende des Konzils wurde der Metropolit von Kiew ermordet und es begann eine Zeit der staatlichen Repressionen gegenüber der Kirche: orthodoxe Bischöfe, Priester und Laien, die sich nicht dem neuen Sowjetregime gefügig zeigen wollten, wurden verfolgt, erschossen oder in den berüchtigten GULAGS interniert. Bis 1923 wurden allein 28 Bischöfe und etwa 1200 Priester hingerichtet. Der Patriarch von Moskau wurde inhaftiert und starb sehr bald 1925. Eine Wahl seines Nachfolgers wurde verhindert.

1927 gab die Russische Orthodoxe Kirche eine erzwungene Loyalitätserklärung gegenüber den Sowjets ab, welche aber die weiterhin brutale Verfolgung durch den Staat nicht aufhalten konnte. 1937/38 wurden über 100.000 Geistliche erschossen und über 150.000 inhaftiert, alle Klöster und geistliche Lehranstalten geschlossen. Diese Loyalitätserklärung führte aber zur Abspaltung zahlreicher russischer Emigranten von der Russischen Orthodoxen Kirche, die sich mit der „Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland“ eine eigene Kirchenstruktur schufen.

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg lockerten sich die Bedingungen für die Russische Kirche, da Stalin beim „Großen Vaterländischen Krieg“ nicht auf die moralische Unterstützung seitens der Kirche verzichten wollte. 1943, als nur mehr 3 Bischöfe im Amt waren, gestattete der Staat der Kirche, wieder einen Patriarchen zu wählen. Nach 1945 erlaubte das Sowjetregime der Kirche, sich im begrenzten Ausmaß wieder seelsorgerlich zu betätigen, indem einige wenige Kirchengebäude wieder als Gottesdiensträume genutzt werden durften – viele sind zweckentfremdet worden und wurden zu Schwimmbädern oder ähnlichem umfunktioniert –, wohingegen katechetische und sozial-karitative Tätigkeiten weiterhin untersagt blieben. Auch theologischer und geistlicher Nachwuchs durfte nur in begrenztem Maße herangezogen und ausgebildet werden.

Durch den Beitritt der Russischen Orthodoxen Kirche zum Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) 1961 und die dadurch entstehenden Netzwerke ökumenischer Beziehungen konnte verhindert werden, dass die sowjetischen Machthaber allzu offen die Kirche in Russland verfolgten.

Mit der von Michail Gorbatschow eingeleiteten Perestrojka und dem endgültigen Zusammenbruch der UdSSR Ende 1991 erlangte die Russische Orthodoxe Kirche ihre volle kirchliche Freiheit wieder und konnte mit einem umfassenden Aufbauprozess beginnen. Zahlreiche Klöster und Kirchenbauten wurden der Kirche wieder zurückgegeben und der neue Russische Staat erwies sich nicht mehr als Gegner, sondern als Partner und Förderer der Orthodoxie.

Zurzeit sieht sich die Kirche in Russland in dieser neuen, bis heute andauernden, Phase besonders mit dem Problem der zum Teil aggressiven Missionstätigkeit zahlreicher Sekten und neureligiöser Bewegungen aus den USA und Asien konfrontiert. Diese Situation fördert in manchen Kreisen der Russischen Orthodoxen Kirche die generelle Skepsis auch gegenüber der Ökumenischen Bewegung. Gleichzeitig ist die Kirche finanziell zum Großteil von privaten Sponsoren abhängig. Nur in wenigen Regionen ist Religionsunterricht an Schulen zugelassen.

Als ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche hat sich das Himmelfahrtsfest 2007 erwiesen: Nach Jahrzehnten der Trennung und gegenseitiger Verurteilung der Russischen Orthodoxen Kirche und der unkanonischen „Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland“ haben sich beide Kirchen versöhnt und wieder zu einer Kirche vereinigt, wobei die Auslandskirche jurisdiktionell als ein „sich selbst verwaltender Zweig“ innerhalb der Russischen Orthodoxen Kirche geführt wird. Somit konnte die volle kirchliche Einheit fast aller orthodoxen Gläubigen russischer Tradition wieder hergestellt werden.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB