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Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Übrige Orthodoxe Kirchen

Bei den bislang vorgestellten Orthodoxen Kirchen handelt es sich um die sogenannten kanonischen Kirchen, also um Kirchen, die miteinander in voller Gemeinschaft stehen und deren Status unumstritten ist. Dabei sind die meisten von ihnen autokephale Kirchen, das heißt sie sind bei der Regelung ihrer innerkirchlichen Belange vollkommen unabhängig und wählen auch ihr Oberhaupt selbständig aus dem Kreis ihrer Bischöfe.

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Zwei der Kirchen genießen einen so genannten autonomen Status, das bedeutet, dass sie zwar ihre innerkirchlichen Belange ebenfalls selbständig regeln können, sie jedoch einer autokephalen Kirche unterstehen, die Mitspracherecht bei der Wahl ihres Oberhauptes hat.
Es handelt sich bei den beiden autonomen Kirchen einerseits um die Kirche von Finnland, die dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel untersteht und andererseits um die Kirche auf dem Sinai, die unter der Jurisdiktion des Patriarchats von Jerusalem steht.
Neben diesen kanonischen Kirchen gibt es eine Reihe von anderen Kirchen, die sich von ihrem Selbstverständnis her als orthodoxe Kirchen verstehen, aber nicht als solche von der Gesamtorthodoxie anerkannt werden. Aus Gründen der ökumenischen Sensibilität sollen und können sie hier nicht in der Breite wie die kanonischen Kirchen dargestellt werden. Sie sollen nur kurz Erwähnung finden.
Bei den nun folgenden Kirchen ist es wiederum wichtig zwischen den außerkanonischen bzw. Kirchen mit umstrittenen Status auf der einen Seite und den unkanonischen bzw. Kirchen mit irregulärem Status auf der anderen Seite zu unterscheiden. Bei den erstgenannten handelt es sich um Kirchen, die nur von einem Teil der Gesamtorthodoxie als kanonisch anerkannt werden: Sie sind von ihrer Mutterkirche in die Autokephalie oder Autonomie entlassen worden, ohne dass dieser Schritt von allen anderen Kirchen als legitim erachtet wurde. Die unkanonischen Kirchen hingegen stehen mit keiner der kanonischen Kirchen in Kommuniongemeinschaft. Sie haben sich von ihrer Mutterkirche einseitig abgespalten und sich selbst für autokephal erklärt, meist aufgrund von Differenzen in der Jurisdiktion oder der Kalenderfrage. Sie stehen außerhalb der Gesamtorthodoxie.

Als Kirchen mit umstrittenen Status sind zu nennen:
• Die dem Ökumenischen Patriarchat unterstehende autonome Orthodoxe Kirche von Estland, der die autonome Estnische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats gegenübersteht.
• Die Orthodoxe Kirche in Amerika, die 1970 vom Moskauer Patriarchat in die Autokephalie entlassen wurde.
• Die Kirche in der Ukraine, die Kirche in Weißrussland, die Kirche von Japan, die Kirche von China, die Kirche von Kasachstan und die Kirche in Moldawien, denen vom Moskauer Patriarchat jeweils der Status einer autonomen, dem Moskauer Patriarchat unterstehenden Kirche zuerkannt wurde.

Als Kirchen mit irregulärem Status sind zu nennen (keine vollständige Aufzählung):
• Die Kirche der Altgläubigen in Russland, die sich bereits im 17. Jahrhundert wegen einer Liturgiereform von der Russischen Orthodoxen Kirche getrennt hat – die Altgläubigen sind ihrerseits wiederum in einen priesterlosen und einen „priestertreuen“ Zweig gespalten.
• Die Altkalendarier in Griechenland, die sich 1924 aufgrund der Einführung des gregorianischen Kalenders von der Orthodoxen Kirche von Griechenland abgespalten haben.
• Die Altkalendarier in Rumänien, die in Kommuniongemeinschaft mit den Altkalendariern in Griechenland stehen und etwa zur selben Zeit als Abspaltung von der Rumänischen Orthodoxen Kirche entstanden sind.
• Die Mazedonische Orthodoxe Kirche, die sich 1967 einseitig für autokephal erklärte, was jedoch bis heute von keiner anderen Orthodoxen Kirche anerkannt wird.
• Die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche und die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats, die sich nach dem Zerfall der Sowjetunion vom Moskauer Patriarchat losgesagt haben, um eine nationale ukrainische Orthodoxie zu etablieren – sie stehen der außerkanonischen autonomen Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats gegenüber.
• Die Montenegrinische Orthodoxe Kirche, die sich im Zuge der staatlichen Unabhängigkeitsbestrebungen Montenegros im Jahr 1993 vom Orthodoxen Patriarchat von Serbien losgesagt hat.

Es wäre bedauerlich, wenn durch die soeben erfolgte Aufzählung der Eindruck erweckt würde, als ob es in der Orthodoxie eine Vielzahl von Spaltungen und innerkirchlichen Verwerfungen gäbe, die in jüngerer Geschichte eher zu- als abnähmen. Diesem Klischee soll hier in keiner Weise Vorschub geleistet werden, daher sei unbedingt auf zwei bedeutende Ereignisse der letzten Jahre hingewiesen:
• Im September 1998 hat das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel die Autokephalie der Kirche von Tschechien und der Slowakei bestätigt und damit eine lange Phase beendet, in dem sich diese Kirche in einem umstrittenen Status befand: Im Dezember 1951 war sie vom Moskauer Patriarchat einseitig in die Autokephalie entlassen worden. Heute ist diese Kirche ein lebendiger und integraler Bestandteil der Gesamtorthodoxie.
• Am Fest Christi Himmelfahrt 2007 hat sich die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland, die sich in den 1920-er Jahren vom Moskauer Patriarchat aufgrund von Differenzen in der Frage des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat in Russland abgespalten hatte und sich seit dem in einem unkanonischen Status befand, wieder mit ihrer Mutterkirche vereinigt, so dass ihre Bischöfe und Gläubigen wieder in voller Kirchen- und Kommuniongemeinschaft mit der Gesamtorthodoxie stehen.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB