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Franz König

Pro Oriente

Papst-Appell für Jerusalem und für wahren Frieden

Umgeben von den Patriarchen und Metropoliten, mit denen er zuvor in der Nikolausbasilika „hinter verschlossenen Türen“ verhandelt hatte, hielt Papst Franziskus auf dem Vorplatz der Basilika in Bari eine packende Friedensansprache

Bari, 07.07.18 (poi) Die Identität und Berufung Jerusalems, der „Stadt für alle Völker, der einmaligen und für Christen, Juden, Muslime in aller Welt heiligen Stadt“ muss jenseits aller „Streitigkeiten und Spannungen“ bewahrt werden. Dies betonte Papst Franziskus am Samstag nach der Begegnung mit den Patriarchen und Metropoliten der östlichen Kirchen „hinter verschlossenen Türen“ beim Gruß an die Gläubigen vom Vorplatz der Nikolausbasilika in Bari aus. Der Papst trat für die Respektierung des Status der Heiligen Stadt gemäß den Beschlüssen der internationalen Gemeinschaft ein, wie es von den christlichen Kirchen im Heiligen Land wiederholt gefordert worden sei. Nur die von der Staatengemeinschaft entschieden gewollte „Verhandlungslösung zwischen Israelis und Palästinensern“ könne zu einem stabilen und dauerhaften Frieden führen und die Koexistenz von zwei Staaten für zwei Völker garantieren.

Im Nahen Osten würden nicht von „Mauern und Kraftproben“ gestützte Waffenstillstände den Frieden bringen, sondern der „wirkliche Wille zum Hören und zum Dialog“, unterstrich Papst Franziskus. Die Begegnung müsse an die Stelle der „Strategien der Konfrontation“ treten, die Kraft von Zeichen der Hoffnung an die Stelle der Zurschaustellung von bedrohlichen Machtsymbolen. Nur so und wenn dafür gesorgt sei, dass niemandem „Brot und Arbeit, Würde und Hoffnung“ fehlen, könne sich das Kriegsgeschrei in Gesänge des Friedens verwandeln.

Die Präsenz der Christen im Nahen Osten werde umso prophetischer sein, je mehr sie Jesus als „Fürsten des Friedens“ bezeuge, betonte der Papst. Zugleich warnte er davor, sich von der „Logik dieser Welt“ verführen zu lassen und wies darauf hin, dass die mangelnde Übereinstimmung von Glaube und Leben das Zeugnis für das Evangelium verdunkelt. „Wir spüren, dass wir uns noch einmal zum Evangelium bekehren müssen, der Garantie der wahren Freiheit, und dass wir dies rasch tun sollen, in dieser Nacht des Nahen Ostens in Agonie“, sagte Papst Franziskus wörtlich.

Auch im Nahen Osten müsse der Weg zum gleichen Bürgerrecht für alle führen, forderte der Papst: „Die Christen sind vollberechtigte Bürger, mit gleichen Rechten, und sie sollen es sein“. Entschieden wies Papst Franziskus jede Instrumentalisierung der Religion zurück. Viele Konflikte seien von Formen des Fundamentalismus und des Fanatismus geschürt worden, die unter angeblich religiösem Vorwand nichts anderes seien als Lästerungen des Namens Gottes, der Friede ist.

Wer die Macht habe, müsse sich endgültig und entschlossen in den wahren Dienst des Friedens und nicht der eigenen Interessen stellen, so der Papst: „Schluss mit den Vorteilen der wenigen auf dem Rücken der vielen! Schluss mit den Landbesetzungen, die die Völker zerreißen! Schluss damit, dass der Nahe Osten für Profite außerhalb des Nahen Ostens benutzt wird!“

Scharf rechnete Papst Franziskus auch mit der Großmachtpolitik des 20. Jahrhunderts ab. Die Lektionen von Hiroshima und Nagasaki dürften nicht vergessen werden, der Orient, wo das „Wort des Friedens“ erschienen sei, dürfe nicht in eine „düstere Zone des Schweigens“ verwandelt werden. Es müsse Schluss sein mit der Gewinnsucht, die sich um nichts kümmere, nur um sich die Lagerstätten von Erdgas und Erdöl anzueignen, „ohne Skrupel im Hinblick darauf, dass der Energiemarkt das Gesetz des Zusammenlebens der Völker diktiert“. Man dürfe nicht die Stimme erheben, um vom Frieden zu sprechen und zugleich insgeheim ein hemmungsloses Wettrüsten veranstalten.

Die Menschheit solle auf den Schrei der Kinder hören, die die Herrlichkeit Gottes verkünden, rief der Papst. Die Hoffnung habe das Antlitz der Kinder. Seit Jahren müssten Kinder im Nahen Osten um ihre gewaltsam getöteten Angehörigen weinen und mitansehen, wie ihr Geburtsland hinterlistig verwüstet wird – oft mit der einzigen Perspektive des Zwanges zur Flucht. Die Augen zu vieler Kinder hätten den größten Teil ihres Lebens statt Schulen Trümmer gesehen, statt dem fröhlichen Lärm der Spiele hätten die Kinder die dumpfen Einschläge der Bomben gehört. Die Welt könne ihre Würde nur wiedergewinnen, wenn sie die Tränen dieser Kinder trockne. Mit diesem Gedanken an die Kinder ließen der Papst und die Patriarchen Tauben als Friedenszeichen aufsteigen. Abschließend sagte der Papst: „Geliebter Naher Osten, mögen sich die Finsternisse des Krieges, der Macht, der Gewalt, der Fanatismen, der ungerechten Gewinne, der Ausbeutung, der Armut, der Ungleichheit und der fehlenden Anerkennung der Rechte von dir entfernen. ‚Der Friede sei mit dir‘, in dir Gerechtigkeit, auf dich komme der Segen Gottes herab“.

Wortlaut der Papstrede

Umgeben von den Patriarchen und Metropoliten, mit denen er zuvor in der Nikolausbasilika „hinter verschlossenen Türen“ verhandelt hatte, hielt Papst Franziskus auf dem Vorplatz der Basilika eine packende Friedensansprache:

„Ich bin sehr dankbar für die Gnade dieses Austauschs, den wir erleben durften. Wir haben uns gegenseitig geholfen, unsere Präsenz als Christen im Nahen Osten wiederzuentdecken. Sie wird umso prophetischer sein, je mehr sie Jesus, den Fürsten des Friedens (Jes 9,5), bezeugt. Er greift nicht zum Schwert, sondern verlangt von seinen Jüngern, es wieder in die Scheide zu stecken (Joh 18,11). Auch unser Kirche-Sein wird von der Logik dieser Welt, der Logik der Macht und des Gewinnstrebens, der Logik eines oberflächlichen Opportunismus gefährdet. Und dann ist da unsere Sünde, der Widerspruch zwischen Glaube und Leben, der das Zeugnis verdunkelt. Wir spüren, dass wir uns noch einmal zum Evangelium bekehren müssen, der Garantie der wahren Freiheit, und dass wir dies rasch tun sollen, in dieser Nacht des Nahen Ostens in Agonie. Wie in der quälenden Nacht von Getsemani wird nicht die Flucht (Mt 26,56) oder das Schwert (Mt 26,52) den strahlenden Ostermorgen vorwegnehmen, sondern die Selbsthingabe in der Nachfolge des Herrn.

Die gute Nachricht des aus Liebe gekreuzigten und auferstandenen Jesus, die aus den Ländern des Nahen Ostens zu uns gelangt ist, hat das Herz des Menschen durch die Jahrhunderte ergriffen, weil sie nicht mit den Mächten der Welt, sondern mit der Ohnmacht des Kreuzes verbunden ist. Das Evangelium verpflichtet uns zu einer täglichen Umkehr zu den Plänen Gottes, dazu, allein in ihm Sicherheit und Bestärkung zu finden und es allen und trotz allem zu verkünden. Der Glaube der einfachen Menschen, der im Nahen Osten sehr tief verwurzelt ist, ist ein Quell, aus dem wir schöpfen können, um unseren Durst zu stillen und uns zu reinigen. So geschieht es, wenn wir zu den Ursprüngen zurückkehren und uns als Pilger nach Jerusalem, ins Heilige Land oder zu den Heiligtümern in Ägypten, Jordanien, im Libanon, in Syrien, in der Türkei und zu den anderen heiligen Orten in dieser Region begeben.

Unter gegenseitiger Ermutigung haben wir einen brüderlichen Dialog geführt. Er war ein Zeichen dafür, dass Begegnung und Einheit immer gesucht werden müssen, ohne Angst vor den Unterschieden. So ist es auch mit dem Frieden: Er muss selbst auf dem dürren Boden der Gegensätze gepflegt werden, denn trotz allem gibt es heute keine Alternative zum Frieden. Nicht die durch Mauern und Machtproben gestützten Waffenstillstände werden Frieden bringen, sondern der wirkliche Wille zum Hören und zum Dialog. Wir verpflichten uns dazu, diesen Weg zu gehen, dafür zu beten und zu arbeiten, und wir bitten darum, dass die Kunst der Begegnung sich gegenüber den Strategien der Konfrontation durchsetzt, dass auf die Zurschaustellung bedrohlicher Zeichen der Macht die Kraft der Zeichen der Hoffnung folgt: Menschen guten Willens und verschiedenen Glaubens, die keine Angst davor haben, miteinander zu sprechen, fremde Gedanken zuzulassen und sich umeinander zu kümmern. Nur so, und wenn dafür gesorgt ist, dass niemandem „Brot und Arbeit, Würde und Hoffnung“ fehlen, wird sich das Kriegsgeschrei in Lieder des Friedens verwandeln.

Dazu ist es unerlässlich, dass sich die Machthabenden endlich entschlossen in den Dienst des Friedens stellen und nicht ihren eigenen Interessen dienen. Schluss mit den Vorteilen der wenigen auf dem Rücken der vielen! Schluss mit den Landbesetzungen, die die Völker zerreißen! Schluss damit, dass parteiische Wahrheiten über den Hoffnungen der Menschen stehen! Schluss damit, dass der Nahe Osten für Profite außerhalb des Nahen Ostens benutzt wird!

Der Krieg ist die Plage, die diese geliebte Region auf tragische Weise heimsucht. Die Hauptopfer sind arme Menschen. Denken wir an das gemarterte Syrien. Krieg wird von Macht und Armut gezeugt. Er wird durch den Verzicht auf die Logik der Vorherrschaft und durch die Beseitigung der Wurzeln der Armut überwunden. Viele Konflikte sind auch durch Formen des Fundamentalismus und Fanatismus geschürt worden, die unter angeblich religiösem Vorwand in Wirklichkeit den Namen Gottes, der Friede ist, lästerten und den Bruder verfolgten, mit dem man immer in Nachbarschaft gelebt hat. Doch Gewalt wird immer durch Waffen angeheizt. Man kann nicht seine Stimme erheben, um über den Frieden zu sprechen, während man heimlich ein hemmungsloses Wettrüsten veranstaltet. Das ist eine sehr ernste Verantwortung, die schwer auf dem Gewissen der Nationen, insbesondere der mächtigsten Länder, lastet. Man vergesse nicht das letzte Jahrhundert, man vergesse nicht die Lehren aus Hiroshima und Nagasaki, man verwandle die Länder des Orients, aus denen das Wort des Friedens hervorging, nicht in eine dunkle Zone des Schweigens. Schluss mit sturen Gegensätzen, Schluss mit der Gewinnsucht, die sich um nichts kümmert, nur um sich Gas- und Erdölvorkommen anzueignen, ohne Rücksicht auf das gemeinsame Haus und ohne Skrupel im Hinblick darauf, dass der Energiemarkt das Gesetz des Zusammenlebens der Völker diktiert.

Um Wege des Friedens zu erschließen, möge man stattdessen den Blick auf diejenigen richten, die voller Sehnsucht danach sind, brüderlich mit anderen zusammenzuleben. Man schütze das Daseinsrecht aller, nicht nur das der Mehrheit. Auch im Nahen Osten muss der Weg zum gleichen Bürgerrecht für alle führen. Die Christen sind vollberechtigte Bürger, mit gleichen Rechten, und sie sollen es sein.

Sehr bedrückt, aber nie ohne Hoffnung, richten wir unseren Blick auf Jerusalem, eine Stadt für alle Völker, eine einzigartige und heilige Stadt für Christen, Juden und Muslime in aller Welt. Jerusalems Identität und Berufung muss über die verschiedenen Streitigkeiten und Spannungen hinaus bewahrt werden und es ist unerlässlich, dass sein Status eingehalten wird gemäß den Beschlüssen der internationalen Gemeinschaft, was von den christlichen Gemeinschaften des Heiligen Landes wiederholt gefordert wurde. Nur eine Verhandlungslösung zwischen Israelis und Palästinensern, die von der Gemeinschaft der Nationen nachdrücklich gewollt und gefördert wird, kann zu einem stabilen und dauerhaften Frieden führen und die Koexistenz zweier Staaten für zwei Völker gewährleisten.

Die Hoffnung hat das Gesicht von Kindern. Im Nahen Osten beweinen seit Jahren erschreckend viele Kinder gewaltsame Todesfälle in ihren Familien und sehen ihre Heimat bedroht, oft bleibt ihnen keine andere Perspektive als die Flucht. Das ist der Tod der Hoffnung. Die Augen zu vieler Kinder haben die meiste Zeit ihres Lebens Trümmer statt Schulen gesehen, die dumpfen Einschläge von Bomben gehört anstatt des fröhlichen Lärmens beim Spiel. Möge die Menschheit – darum bitte ich euch – auf den Schrei der Kinder hören, deren Mund die Herrlichkeit Gottes verkündet (Ps 8,3). Wenn sie die Tränen der Kinder trocknet, wird die Welt ihre Würde wiedererlangen.

An die Kinder denkend, werden wir gleich zusammen mit einigen Tauben unseren Wunsch nach Frieden in die Lüfte aufsteigen lassen. Die Sehnsucht nach Frieden möge sich über alle dunklen Wolken hinaus erheben. Mögen unsere Herzen vereint bleiben, auf den Himmel gerichtet sein und wie in den Tagen der Flut darauf warten, dass der zarte Zweig der Hoffnung zurückkehrt (Gen 8,11). Der Nahe Osten möge nicht länger ein Bogen des Krieges sein, der sich über die Kontinente spannt, sondern eine Arche des Friedens, die Völker und Religionen willkommen heißt. Geliebter Naher Osten, mögen sich die Finsternisse von Krieg, Macht, Gewalt, Fanatismus, unfairen Gewinnen, Ausbeutung, Armut, Ungleichheit und fehlender Anerkennung von Rechten von dir entfernen. ‚Der Friede sei mit dir‘ (Ps 122,8), in dir Gerechtigkeit, auf dich komme der Segen Gottes herab“. (ende)

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