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Franz König

Pro Oriente

Christen wollen im Nahen Osten bleiben

Syrisch-orthodoxer und maronitischer Patriarch unterstreichen in Bari die Bedeutung der christlichen Präsenz im Orient

Bari, 07.07.18 (poi) Das Friedensgebet von Bari beweise, dass die kirchlichen Führungspersönlichkeiten im Gebet für den Frieden und das Wohlergehen aller Bewohner des Nahen Ostens vereint sind, betonte der syrisch-orthodoxe Patriarch Mor Ignatius Aphrem II. im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR. „Wir sind hier, um zu zeigen, dass wir im Gebet vereint sind, dass wir alle den Frieden in der Welt und vor allem im Nahen Osten wollen und dass wir sicher sein möchten, dass die Christen mit Gottes Hilfe in dieser Region bleiben“, sagte der Patriarch.

In dem Interview ging Mor Ignatius Aphrem II. auch auf die Situation der beiden entführten Aleppiner Metropoliten – Mor Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi – ein: „Wir haben die Hoffnung, dass sie am Leben sind. Wir wissen nichts Genaues, wir haben keine Nachrichten. Aber wir haben die Hoffnung und wir beten. Und daher möchten wir allen sagen: Tut alles, was ihr könnt, für die Befreiung der beiden Bischöfe“. Dieser Aufruf gelte auch für Pater Paolo Dall’Oglio (der entführt wurde, als er mit Kapos der IS-Terroristen über die Freilassung der beiden Metropoliten verhandeln wollte), für die entführten Priester und christlichen Laien. Wörtlich sagte der Patriarch in diesem Zusammenhang: „Wir haben das Gefühl, dass die Welt all diese Menschen vergessen hat. Niemand tut genug für sie. Wir haben Kontakt mit vielen Regierungen aufgenommen, mit Amerikanern, Russen, Europäern. Aber niemand hilft uns. Nur der Heilige Stuhl ist hilfreich. Papst Franziskus geht das Schicksal dieser unserer Brüder zu Herzen“.

Seine Botschaft an die internationalen Politiker laute, dass sie sich um das Schicksal der Menschen im Nahen Osten annehmen müssten, betonte der syrisch-orthodoxe Patriarch: „Unser Schicksal liegt in ihren Händen, aber sie wenden uns nicht genug Aufmerksamkeit zu“. Was jetzt im Nahen Osten geschehe, zwinge viele orientalische Christen dazu, weg zu gehen und das schade sowohl den Christen wie auch den Muslimen. Wer den Frieden im Nahen Osten und in Europa wolle, müsse den Christen helfen, daheim bleiben zu können.

Der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, betonte im Gespräch mit SIR, der Appell ergehe an die internationale Gemeinschaft, damit sie den Kriegen ein Ende setze und sich mit den Ärmsten und den Opfern der Gewalt solidarisch zeige. Die Rückkehr der syrischen Flüchtlinge in sichere Zonen des Landes müsse gefördert werden. Die Gebets- und Solidaritätsinitiative des Papstes in Bari sei überaus bedeutsam, sagte der Kardinal. Dieses Ereignis werde zweifellos auch politische Auswirkungen haben. Die Millionen von Vertriebenen hätten das Recht auf Rückkehr. Die Christen seien die ursprünglichen Bewohner dieser Gebiete, „wir waren 600 Jahre vor der Ankunft des Islam da“. 1.400 Jahre hätten Christen und Muslime im Nahen Osten zusammengelebt, es habe „gute“ und „schlechte“ Zeiten gegeben. Auf keinen Fall könnten die orientalischen Christen ihre Heimatgebiete im Stich lassen.

Das Gebet rüttle die Gewissen auf, aber es sei auch notwendig, die internationale Politik und die „aufgedrängten Kriege“ anzuprangern, betonte der maronitische Kardinal. Zugleich erinnerte er daran, dass im Libanon 1,7 Millionen syrische und 400.000 palästinensische Flüchtlinge leben. Der Libanon habe die höchste Bevölkerungsdichte der Welt: 600 Einwohner pro Quadratkilometer. Seit 1948 zahle der Libanon den Preis für den israelisch-palästinensischen Konflikt, in den letzten Jahren auch den Preis für die Kriege im Irak und in Syrien. Wörtlich stellte der Kardinal-Patriarch in diesem Zusammenhang fest: „Wir verschließen aus Gründen der Menschlichkeit für niemanden die Tür. Aber wir stehen vor einer überaus gravierenden politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und Sicherheits-Krise“. Auch das religiöse Moment spiele eine Rolle, das Risiko von Manipulationen sei hoch. Viele syrische Flüchtlinge seien sunnitische Muslime, sie könnten im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung mit den Schiiten manipuliert werden. Der Libanon könne nicht den Preis für die Auseinandersetzung zwischen Saudiarabien und dem Iran zahlen. Wenn der Libanon zusammenbrechen sollte, wäre dies eine „Katastrophe für den ganzen Nahen Osten“. Der Libanon sei das einzige Land, in dem Muslime und Christen imstande gewesen seien, Religion und Staat zu trennen, das Resultat sei demokratisch gewesen. (ende)

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