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Franz König

Pro Oriente

Ein Frieden der Akzeptanz des Anderen und des Dialogs für das Heilige Land

Neuer Apostolischer Administrator des lateinischen Patriarchats von Jerusalem, Erzbischof Pizzaballa, bei seiner Bischofsweihe in Bergamo: „Ich bin für eine offene Straße, auf der die Angst und der Verdacht dem Kennenlernen, der Begegnung und dem Vertrauen weichen“

Bergamo-Jerusalem, 11.09.16 (poi) Mit bewegenden Worten hat der neue Apostolische Administrator des lateinischen Patriarchats von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, am Samstagabend bei seiner Bischofsweihe im Alexanderdom von Bergamo seine Vision des Friedens für das Heilige Land dargelegt. Mit vielen Menschen bitte er um Frieden für Jerusalem, sagte Pizzaballa in seiner Dankansprache am Schluss des Weihegottesdienstes, es gehe vor allem um jenen Frieden, der vom „Cenacolo“, dem Saal des Letzten Abendmahls und des Pfingstereignisses, ausgehe. Wörtlich stellte der Erzbischof fest: „Dieser Friede unterdrückt die Unterschiede nicht, er ist nicht ein Waffenstillstand oder ein durch Abkommen oder Trennungen garantierter Pakt der Nichtkriegsführung. Ich möchte einen Frieden, der herzliche und aufrichtige Annahme des Anderen ist, zäher Wille zum Zuhören und zum Dialog, eine offene Straße, auf der die Angst und der Verdacht dem Kennenlernen, der Begegnung und dem Vertrauen weichen, wo die Unterschiede Anlass zur Begleitung und nicht Vorwand für die gegenseitige Ablehnung sind“. Durch seinen Dienst wolle er sich dafür einsetzen, dass dieser „Friede von Jerusalem“ für die Menschen im Heiligen Land wirksam wird.

Pizzaballa, der aus Cologno al Serio in der Diözese Bergamo stammt, wurde vom Präfekten der vatikanischen Ostkirchenkongregation, Kardinal Leonardo Sandri, zum Bischof geweiht. Mitkonsekratoren waren der emeritierte Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal, und der Bischof von Bergamo, Francesco Beschi. Rund 20 Bischöfe, darunter mehrere Apostolische Nuntien, konzelebrierten. An der Bischofsweihe nahmen zahlreiche kirchliche Persönlichkeiten aus dem Heiligen Land und aus Italien teil, unter ihnen der Nachfolger Pizzaballas als Franziskaner-Kustos des Heiligen Landes, P. Francesco Patton, Erzbischof Nektarios (Selalmadzidis) als Abgesandter des griechisch-orthodoxen Patriarchats von Jerusalem, der maronitisch-katholische Erzbischof von Haifa, Moussa El Hage, sowie der Generalgouverneur des Grabesritter-Ordens, Prof. Agostino Borromeo. In seiner Dankansprache wandte sich Erzbischof Pizzaballa in herzlichen Worten auf arabisch an Fouad Twal und die zahlreichen Priester des Patriarchats, die zur Bischofsweihe nach Bergamo gekommen waren. Am Beginn des Gottesdienstes hatte Bischof Beschi dem neuen Administrator des Jerusalemer Patriarchats eine Kopie des Kreuzes des Heiligen Proculus, eines der ersten Bischöfe von Bergamo in frühchristlicher Zeit, überreicht.

In seiner Dankansprache berichtete Erzbischof Pizzaballa auch, wie sehr ihn nach seiner Ankunft im Heiligen Land vor 26 Jahren die Begegnung mit der Heiligen Schrift durch die Studien am „Studium BIblicum“ der Franziskaner und an der Hebrew University fasziniert hatte. Auch das Erlebnis der „Komplexität der Wirklichkeit“ als Lebensform sei prägend gewesen. Diese „Komplexität“ komme schon in der franziskanischen „Kustodie des Heiligen Landes“ mit ihren Mitgliedern aus aller Welt zum Ausdruck, aber auch in der für Jerusalem so charakteristischen Begegnung der christlichen Kirchen und der monotheistischen Religionen sowie in den so schwierigen politischen und sozialen Verhältnissen.

Auch Kardinal Sandri nahm in seiner Predigt auf die schwierige Situation im Heiligen Land Bezug und interpretierte sie theologisch. Mit dem Psalmisten könnten alle sagen, „auch wir sind hier geboren“. Im Glauben gelte es, das Bewusstsein zu erneuern, dass an den Orten des Heiligen Landes „unter den Trümmern als Folge der Sünden, der Gewalttaten und der Kurzsichtigkeiten vieler Menschen und vieler Mächte dieser Welt“ die Quelle Gottes sprudle. Priester und Gläubige sollten unter Führung des Bischofs jeden Tag den Mut haben, unter den Geschehnissen der Geschichte tiefer zu schürfen, um Christus zu finden, der „Herr der Geschichte“ sei. Dann könne die christliche Gemeinschaft, die sich nach Bewahrung, Unterstützung und Schutz sehne, weiterhin ein Geschenk für alle sein, „für jene, die seit Jahrhunderten diese Gegenden bewohnen, aber auch für die Pilger und für die Tausenden von Arbeitsmigranten, die jetzt ständig Bestandteil des Heiligen Landes sind“. Wörtlich fügte der Kardinal-Präfekt hinzu: „Das einzige Instrument in unseren Händen, um zu verhindern, dass die Christen aus dem Nahen Osten emigrieren oder durch unklare Projekte zum Verlassen gezwungen werden, besteht darin, immer neue und alte Formen einer Kirche auf dem Weg zu sein, der es ein Herzensanliegen ist, Räume der Begegnung und der Versöhnung zur Verfügung zu stellen“.
Viele Menschen im Heiligen Land – und vor allem auch im lateinischen Patriarchat von Jerusalem – „dürsten nach Gerechtigkeit und Frieden“, so Kardinal Sandri. Es handle sich um „fundamentale Dimensionen“ des menschlichen Lebens: „Bevor wir sie als Recht von den anderen fordern, müssen sie in den Beziehungen innerhalb der Kirche und mit den anderen Kirchen, mit den jüdischen und muslimischen Gläubigen verwirklicht werden“.

Das lateinische Patriarchat von Jerusalem betreut rund 100.000 Katholiken des lateinischen Ritus in Israel, im Westjordanland, in Jordanien, dem Gaza-Streifen und Zypern. Als Apostolischer Administrator hat Erzbischof Pizzaballa volle Amtsbefugnisse im Patriarchat. Dass Pizzaballa nicht zum Patriarchen ernannt wurde, ist Gegenstand vieler Spekulationen. Offensichtlich hatte er selbst darum gebeten, seinen episkopalen Dienst als Apostolischer Administrator leisten zu dürfen. Nach der Wiedererrichtung des lateinischen Patriarchats 1847 waren alle Patriarchen Italiener gewesen, erst mit Michel Sabbah (1987-2008) und Fouad Twal (2008-2016) kamen Palästinenser zum Zug. Das lateinische Patriarchat war in den letzten Jahren durch eine doppelte – ökumenische und politische – Problematik belastet: Von orthodoxer Seite wurde die Existenz des lateinischen Patriarchats als Herabwürdigung des orthodoxen Patriarchats von Jerusalem als „Mutter aller Kirchen des Erdkreises“ kritisiert, durch die Einsetzung palästinensischer Patriarchen ergaben sich Spannungen und Auffassungsunterschiede mit der israelischen Regierung. (forts mgl)