Pro Oriente Logo

Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Generalsekretäre von Weltkirchenrat und US-Kirchenrat für Ende der israelischen Besetzung im Westjordanland

Internationale Kirchentagung in Arlington bei Washington im Hinblick auf das bevorstehende 50-Jahr-Gedenken des Sechstagekrieges – „Teufelskreis der Gewalt muss durchbrochen werden“ – Besorgnis über Maßnahmen gegen israelische und palästinensische Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen

Washington, 15.09.16 (örkö) Ein Ende der israelischen Besetzung im Westjordanland sowie der Einrichtung israelischer Dörfer auf „besetztem Gebiet“ haben der Generalsekretär des Weltkirchenrats, Pfarrer Olav Fykse Tveit, und der Generalsekretär des „National Council of the Churches of Christ in the USA“ (NCCCUSA), Jim Winkler, in einer am Mittwoch in Washington vorgestellten gemeinsamen Erklärung gefordert. Fykse Tveit und Winkler erinnern daran, dass sich die israelische Besetzung der palästinensischen Gebiete in der Folge des Sechstagekrieges von 1967 der 50-Jahr-Grenze nähert. In diesem Zusammenhang verweisen sie auf das Buch „Leviticus“ des Ersten Testaments (Kapitel 25, Vers 10): „Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus“. Die beiden kirchlichen Generalsekretäre verlangen „Respekt und Schutz“ für alle Verteidiger der Menschenrechte im Heiligen Land, „für das Recht, die Wahrheit zu sagen und Sorge auszudrücken und demokratische, nicht gewalttätige Aktionen für Gerechtigkeit und Frieden zu unternehmen“. Sie sind „zutiefst besorgt“ über „legislative und andere Maßnahmen in Israel“, die auf eine Beschränkung der Tätigkeit israelischer und palästinensischer Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen hinauslaufen, aber auch über die „mangelnde Transparenz“ bei Untersuchungen über die Aktivität internationaler (einschließlich religiös inspirierter) humanitärer Organisationen im Gaza-Streifen.

Fykse Tveit und Winkler äußerten sich bei einer Pressekonferenz zum Abschluss einer internationalen kirchlichen Konsultation, die in Arlington (Bundesstaat Virginia) von 12. Bis 14. September stattgefunden hatte. An der Konsultation nahmen mehr als 60 Kirchenvertreterinnen und –vertreter aus allen Teilen der Welt teil. Wie ausdrücklich betont wurde, habe man den Blick nicht nur auf den israelisch-palästinensischen Konflikt gerichtet, sondern auf die Situation der ganzen nahöstlichen Region, die von Krieg und Gewalt heimgesucht wird.

Die Generalsekretäre des Weltkirchenrats und des NCCCUSA) unterstrichen, dass niemand – „keine Einzelperson und keine Regierung“ – schuldlos sei. Verbrechen und Verheerungen geschähen immer wieder, aber der „Teufelskreis der Gewalt“ müsse durchbrochen werden. Eine ganze Bevölkerung in einem geschlossenen Gebiet, wie im Gaza-Streifen, unter gefängnisähnlichen Bedingungen festzuhalten, sei ein „schwerwiegendes und nicht aufrecht zu erhaltendes“ Faktum.

Im Hinblick auf die Situation im Heiligen Land habe Israel, weil es die Besatzungsmacht sei, die „besondere Verantwortung, die Initiative zu ergreifen“, betonten Fykse Tveit und Winkler und zitierten aus der Bergpredigt nach Matthäus: „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden“. Dieses Wort aus dem Evangelium sei keine leere Rhetorik. Alle, die den Weg des Friedens gehen, seien nicht nur im Himmel gesegnet; alle, die den Konflikt im Heiligen Land zu beenden versuchen, könnten auch auf die Unterstützung der Christen rechnen.

Das Treffen der Kirchenvertreter im Hinblick auf das 50-Jahr-Gedenken des Sechstagekrieges habe in Arlington stattgefunden, weil die Vereinigten Staaten „ungeheure Macht“ hätten, „mutige Schritte zum Frieden“ zu setzen oder den Status quo zu unterstützen. Ebenso hätten die christlichen Kirchen in den USA große Möglichkeiten, die US-Regierung dazu zu veranlassen, „viel mehr für die Sicherung eines gerechten und dauerhaften Friedens“ für Israel und Palästina zu tun, so Fykse Tveit und Winkler. Die in Arlington versammelten Kirchenvertreter hätten zwei zentrale Anliegen zum Ausdruck gebracht: Die Forderung an Washington, „mit der Bewaffnung staatlicher und nichtstaatlicher Akteure im Nahen Osten aufzuhören und vor allem das geplante neueste militärische Hilfsprogramm für Israel zu überdenken“ sowie die Beendigung der „legislativen Bemühungen zur Verfolgung gewaltloser wirtschaftlicher Maßnahmen zur Beeinflussung der israelischen Politik“ (offensichtlich ein Hinweis auf das „Boycott, Divestment and Sanctions Movement“/BDS, das von offizieller israelischer Seite als antisemitisch betrachtet wird). Fykse Tveit und Winkler meinten, dass solche Strategien von den Kirchen auch bisher benutzt worden seien, um die Rechte von Menschen zu fördern (vom Autobus-Boycott in Montgomery bis zur Auseinandersetzung mit der Apartheid in Südafrika).

De beiden kirchlichen Generalsekretäre bedauerten , dass Religion zu oft zur Begründung für Unterdrückung herangezogen worden sei. Christen, Juden und Muslime hätten Religion benützt, um Hass und Gewalt zu unterstützen. Wörtlich stellten sie fest: „Wir haben den Missbrauch von Religion in unzähligen anderen Fällen gesehen, wir stellen Parallelen zwischen der Krise in Israel und Palästina und den Kämpfen für Rassengleichheit in den Vereinigten Staaten und für die Überwindung der Apartheid in Südafrika fest“. Die derzeitige Situation in Israel und Palästina verlange umgehendes Handeln: „Man kann nicht ein ganzes Volk viele Jahre hindurch Druck und Gewalt aussetzen und erwarten, dass es keine gewaltsame Reaktion gibt. Wir heißen Gewalt nicht gut, aber wir wissen, dass die Leute die Hoffnung und den Glauben an die Wirksamkeit gewaltloser Mittel verlieren“.

Fykse Tveit und Winkler appellierten an die Kirchen in aller Welt, die „Weltwoche für Frieden in Israel und Palästina“ (18. bis 24. September) unter dem Motto „Gott hat die trennenden Mauern niedergerissen“ zu unterstützen und sich im kommenden Gedenkjahr an Aktionen für einen gerechten Frieden zu beteiligen. Wörtlich stellten sie abschließend im Sinn des Römerbrief Worts über Abraham („Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt“) fest: „Als Jünger Christ und als Menschen der abrahamitischen Tradition sind wir durch den andauernden Hass und die Feindschaft zwischen Juden, Christen und Muslimen geistlich verwundet. Wir sehnen uns nach einem neuen Zeitalter des Friedens, der Harmonie und Zusammenarbeit, sodass das Land, das wir alle ‚heilig‘ nennen, von allen, die hier leben, gemeinsam bewohnt und betreut wird“. (ende)