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Franz König

Pro Oriente

Wien: Byzantinische Liturgie im Stephansdom zum Gedenken an den Märtyrer der „Brester Union“

Vor 100 Jahren – 1916 – wurden auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs die Reliquien des Heiligen Josafat Kuncewytsch aus dem umkämpften Galizien nach Wien gebracht – Kardinal Christoph Schönborn und der ukrainische griechisch-katholische Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk laden am 12. November zu einem Festtag im Geist des Einheitsappells Jesu ein



Wien, 18.10.16 (poi) Am 12. November findet im Wiener Stephansdom zur Erinnerung an die Übertragung der Reliquien des Heiligen Josafat Kuncewytsch nach Wien vor 100 Jahren eine pontifikale Göttliche Liturgie im byzantinischen Ritus statt. Der Heilige Josafat Kuncewytsch (1580-1623) war der große Märtyrer der „Brester Union“, in deren Rahmen viele orthodoxe Christen in der „Rzeczpospolita“, der polnisch-litauischen Doppelrepublik (die damals auch große Teile der Ukraine und Weißrusslands umfasste), die volle Kirchengemeinschaft mit dem Papst in Rom wiederaufnahmen. Die Übertragung der Reliquien nach Wien erfolgte 1916 – auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs – aus dem österreichischen Galizien, das damals Kriegsgebiet war, auf Drängen österreichischer staatlicher und kirchlicher Verantwortungsträger. Die Reliquien verblieben bis 1947 in der Wiener ukrainischen griechisch-katholischen Zentralpfarre St. Barbara bis man – wieder aus politischen Befürchtungen – die Reliquien aus der damals von den vier Besatzungsmächten gemeinsam kontrollierten Wiener Innenstadt bei Nacht und Nebel nach Rom transferierte. Seit dem 25. November 1963 ruhen die Reliquien des Heiligen Josafat im Petersdom in Rom.

In Erinnerung an die Übertragung der Reliquien des Heiligen vor 100 Jahren laden Kardinal Christoph Schönborn (als Ordinarius für die Katholiken des byzantinischen Ritus in Österreich) und der ukrainische griechisch-katholische Großerzbischof von Kiew und Halytsch, Swjatoslaw (Schewtschuk), für den 12. November zu einem Festtag ein. Im Rahmen des Festtags sprechen ab 15:20 Uhr – nach dem Stundengebet im byzantinischen Ritus in der Andreaskapelle des Erzbischöflichen Palais - der Kirchenhistoriker Prof. Oleg Turij aus Lemberg (Lwiw) und der Pfarrer von St. Barbara, Taras Chagala, über die Verehrung des Heiligen Josafat Kuncewytsch. Die Göttliche Liturgie mit Kardinal Schönborn und Großerzbischof Swjatoslaw im Stephansdom folgt um 18 Uhr. Kardinal Schönborn und Großerzbischof Swjatoslaw stellen die Einladung zum Gedenkfest an die Reliquien-Übertragung in das Zeichen der im Johannes-Evangelium überlieferten Abschiedsreden Jesu: „Alle sollen eins sein“.

Als die Reliquien des Heiligen Josafat Kuncewytsch 1947 nach Rom gebracht wurden, durfte St. Barbara den bischöflichen Ornat des Heiligen behalten. Kardinal Christoph Schönborn brachte bei seiner Weißrussland-Mission im Juli das „Epigonation“ des Ornats (ein rautenförmiges, mit Ikonen besticktes Tuch, das von ostkirchlichen Bischöfen auf der rechten Körperseite unterhalb der Hüfte getragen wird) als Geschenk an die griechisch-katholische Kirche des Landes mit, in dem der Heilige geboren wurde und gewirkt hat.

Josafat Kuncewytsch (dessen Name auf polnisch, weißrussisch, ukrainisch, russisch marginal unterschiedlich transkribiert wird) wurde 1580 im wolhynischen Wladimir in der heutigen Ukraine geboren. Er entstammte einer adeligen orthodoxen Familie. Schon als Kind fiel er durch seine Frömmigkeit auf. Die verarmten Eltern schickten ihren Sohn zu einem Kaufmann in die Lehre, der ihn gern zu seinem Erben gemacht hätte. Aber seine Berufung führte ihn zu den Basilianer-Mönchen im litauischen Wilno (heute: Vilnius), wo er 1604 den Namen Josafat annahm. Als Mönch lebte er in strenger Askese und widmete sich dem Studium der Liturgie und der Kirchenväter. Fünf Jahre nach seinem Eintritt in das Kloster empfing er die Priesterweihe. Bereits im Kloster war er ein energischer Befürworter der „Union von Brest“ von 1596. Seine Predigten zogen viele Menschen aus allen Teilen der „Rzeczpospolita“ an.

1617 wurde er zum Bischof von Witebsk und 1618 zum Erzbischof von Polock befördert. Trotz seines Engagements für die Union mit Rom blieb seine Spiritualität ganz ostkirchlich. Das Jesus-Gebet war ihm so wichtig und selbstverständlich wie das Atmen. Seine Predigten und Schriften wirkten so stark für die Union, dass seine Gegner ihn den „Seelenräuber“ nannten. Dabei befand sich der Erzbischof von Polock in einem Zweifrontenkampf: Auf der einen Seite bekämpften ihn die Orthodoxen, auf der anderen Seite die römisch-katholischen Polen, die am liebsten die weiten östlichen Gebiete der „Rzeczpospolita“ latinisiert hätten.

Als er am 12. November 1623 zu einer Visitation in Witebsk war, wurde die Wohnung des „Papisten“ von Unionsgegnern gestürmt. Josafat stellte sich schützend vor die Seinen und wurde niedergemacht, während er für seine Feinde betete. Der Leichnam wurde durch die Stadt geschleift und, mit Steinen beschwert, an einer besonders tiefen Stelle des Flusses Dwina versenkt. Er wurde nach sechs Tagen aus dem Wasser geholt, blieb aber bis zur feierlichen Beisetzung ein Jahr später unverwest. 1643 wurde Josafat selig- und 1867 heiliggesprochen. Aus Anlass des 300. Jahrestages seines Martyriums verfasste Papst Pius XI. die Enzyklika „Ecclesiam Dei admirabili“ vom 12. November 1923. (ende)