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Franz König

Pro Oriente

Appell der Christen, Juden, Muslime aus Israel gegen Antisemitismus und Fremdenhass

Shoah-Gedenkreise der Mitglieder des „Rates der religiösen Führungspersönlichkeiten in Israel“ nach Polen zu den Gedenkstätten der NS-deutschen Vernichtungslager – Orthodoxer Patriarch von Jerusalem: Menschliche Familie hat die „oberste Pflicht“, dafür Sorge zu tragen, dass das Böse, das in Auschwitz sichtbar geworden ist, aus der Welt ausgerottet wird

Warschau, 05.11.16 (poi) Die Mitglieder des „Rates der religiösen Führungspersönlichkeiten in Israel“ haben zum Abschluss ihrer Shoah-Gedenkreise nach Polen zu den Gedenkstätten der NS-deutschen Vernichtungslager einen gemeinsamen Appell gegen den Antisemitismus veröffentlicht. Wörtlich heißt es darin: „Wir appellieren an die Verantwortungsträger in aller Welt, damit sie sich in ihren Ländern und in der UNO mit ungebrochener Entschlossenheit gegen den Antisemitismus und gegen den Hass ‚gegen die Anderen‘ engagieren, der die modernen Gesellschaften neuerlich leiden macht“. Die religiösen Führungspersönlichkeiten – Juden, Christen, Muslime, Drusen – gedachten in Auschwitz mit einem interreligiösen Gebet der Opfer. In ihrer Abschlusserklärung unterstreichen die religiösen Führungspersönlichkeiten ihre Verpflichtung zur Zusammenarbeit; sie wollen alles tun, um im Heiligen Land die Harmonie und das Verständnis zwischen den Religionsgemeinschaften zu verstärken. Um Frieden und gegenseitigen Respekt zwischen der Religionsgemeinschaften „in aller Welt und in unserem Heimatland“ zu fördern, verpflichten sie sich, ihre Gemeinschaften – „und vor allem die Kinder“ – so zu erziehen, dass „Beleidigungen der Gefühle und Glaubensüberzeugungen der anderen“ vermieden werden. Im Blick auf die Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten in Auschwitz unterstreichen die Mitglieder des „Rates der religiösen Führungspersönlichkeiten in Israel“ die Heiligkeit des menschlichen Lebens, die Zurückweisung des Rassismus, des Fanatismus und des Extremismus, vor allem wenn dieser vorgibt, „im Namen der Religion“ zu handeln.

Unter den Teilnehmern der Shoah-Gedenkreise des „Rates der religiösen Führungspersönlichkeiten in Israel“ waren u.a. der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem, Theophilos III., der Apostolische Administrator des Lateinischen Patriarchats, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, der armenisch-apostolische Patriarch Nourhan Manougian, der anglikanische Erzbischof Suheil Dawani, der aschkenazische Großrabbiner David Baruch Lau, Rabbiner David Rosen, der drusische Scheich Mowafaq Tarif sowie die sunnitischen Imame von Beer-Sheva bzw. der beiden galiläischen Kleinstädte Majd-al-Kurum und Jadeidi.

Tiefen Eindruck hinterließ die Predigt von Patriarch Theophilos III. beim interreligiösen Gebet in Auschwitz, bei dem auch der katholische Erzbischof von Krakau, Kardinal Stanislaw Dziwisz, anwesend war. Auschwitz sei ein Symbol sowohl des NS-Terrors wie auch eine schreckliche Erinnerung in „unseren Tagen“ an den Abgrund, in den die Inhumanität abstürzen kann. Unaussprechliche Grausamkeiten seien hier verübt worden bis hin zur Vernichtung eines ganzen Volkes. Vor dem, was in Auschwitz geschehen sei, müsse im Grunde jedes Wort verstummen, so der orthodoxe Patriarch von Jerusalem. Und doch müsse der Begriff Auschwitz weiterhin sprechen, die notwendigen Worte müssten gefunden werden, weil das Böse, das sich in Auschwitz manifestiert habe, auch in der Welt von heute lebendig sei. In vielen Teilen der Welt – einschließlich des europäischen Kontinents – nehme der Antisemitismus zu. Die Verfolgung von Menschen auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihrer religiösen Überzeugung breite sich aus, vor allem im Nahen Osten, wo „in das Altertum zurückreichende Gemeinschaften vor der Auslöschung stehen“. Millionen Menschen seien in einem Ausmaß, wie man es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr kannte, aus ihren Heimstätten vertrieben worden.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs habe sich –so Theophilos III. - am Stacheldrahtzaun eines Konzentrationslagers die Aufschrift gefunden „Wo war Gott?“ In anderer Handschrift sei darunter gestanden: „Wo war der Mensch?“ In der abrahamitischen Tradition werde Gott als derjenige bekannt, der sich als Schöpfer und Erhalter um den Menschen sorge. In diesem Zusammenhang stellte der orthodoxe Patriarch von Jerusalem fest: „Wir wissen, dass Gott den Menschen in seiner Not nicht verlässt. Aber wir wissen auch, dass die Menschen mitunter ihre Bestimmung als Geschöpfe nach dem Bild Gottes verfehlen, die gegen Gewalt, Unrecht, Vorurteil und Verfolgung aufstehen müssen“. Die menschliche Familie habe die „oberste Pflicht“, dafür Sorge zu tragen, dass das Böse, für das Auschwitz bis heute ein „stilles, aber verurteilendes Zeugnis“ ist, aus der Welt ausgerottet wird. Wörtlich fügte der Patriarch hinzu: „Die Gebote Gottes sind klar. Unsere Antwort muss genauso klar sein“.

Die religiösen Führungspersönlichkeiten aus dem Heiligen Land hätten eine besondere Verantwortung in diesem Zusammenhang, betonte Theophilos III., nicht zuletzt deshalb, weil „einige der schlimmsten Grausamkeiten sozusagen an unserer Türschwelle stattfinden“. Jeder inhumane Akt gegen einen anderen Menschen sei nicht nur ein Verbrechen, sondern auch eine Beleidigung Gottes. Gewalt entmenschliche alle, die Opfer und die Täter. Es sei der „moralische Imperativ“ für alle, die eine neue Zukunft für die menschliche Gemeinschaft auf der Basis von gegenseitigem Respekt und friedlicher Koexistenz wollen, alles in ihrer Macht stehende zu unternehmen, um den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen, wo immer er sich manifestiert.

Das Gedenken an jene unzähligen Menschen, die in Auschwitz auf so tragische Weise ums Leben kamen, sei eine Inspiration für heute, so der Patriarch. Den Opfern gelte der Wunsch nach „ewigem Gedenken“; für die Lebenden von heute gehe es um den Widerstand gegen Verfolgung und Vorurteil, um den Einsatz für Vergebung und Versöhnung als feste Grundlage der menschlichen Gesellschaft. (ende).