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Franz König

Pro Oriente

Orthodox-katholischer Arbeitskreis St. Irenäus diskutierte über Primat und Synodalität in der Kirche

Unter dem Vorsitz von Erzbischof Job (Getcha) wurden zwölf Thesen erarbeitet – Vorbereitung einer gemeinsamen Studie zum zentralen Thema des theologischen Dialogs zwischen katholischer und orthodoxer Kirche

Lyon, 08.11.16 (poi) Auf Einladung der Gemeinschaft von Taize hielt der gemeinsame orthodox-katholische Arbeitskreis St. Irenäus seine 13. Jahrestagung in dem ökumenischen Kloster in Burgund ab. Die Tagung stand unter der Leitung des orthodoxen Ko-Präsidenten des Arbeitskreises, Erzbischof Job (Getcha) von Telmessos, Vertreter des Ökumenischen Patriarchats beim Weltkirchenrat in Genf. Das diesjährige Treffen konzentrierte sich auf Reflexionen über die hermeneutischen (die Textinterpretation betreffenden), historischen und systematischen Dimensionen von Primat und Synodalität in der Kirche mit dem Ziel, eine gemeinsame Studie vorzubereiten, die in naher Zukunft abgeschlossen werden soll. Die Vorträge befassten sich mit der Dogmenhermeneutik, dem Zeitalter der Konfessionalisierung (16.-18. Jahrhundert) und mit der Autorität in der Kirche aus systematischer Sicht. Bei der Eröffnungssitzung am 2. November traf der Arbeitskreis mit dem Prior der Gemeinschaft von Taize, Bruder Alois, zusammen. Im Laufe der Tagung beteiligten sich die Mitglieder des Arbeitskreises an verschiedenen Aspekten des Lebens der Gemeinschaft von Taize. Am Sonntag feierten sie die Göttliche Liturgie in der alten Kapelle von Taize und nahmen an der katholischen Eucharistiefeier in der Kirche der Versöhnung teil.

Die Ergebnisse der diesjährigen Jahrestagung wurden von den Mitgliedern in den folgenden Thesen zusammengefasst:

Thesen zur Dogmenhermeneutik

1. Die Kirche hat wichtige Aspekte ihres Glaubens in Worten definiert, die als Abgrenzungen (horoi) dienen, um kontroverse Punkte zu klären. Obwohl die Dogmen Gottes Offenbarung in menschlichen Worten artikulieren, bringt ihre Sprachform die göttlichen Mysterien nicht erschöpfend zum Ausdruck. Diese Artikulation des Glaubens bezieht den ganzen Menschen in seiner schöpferischen Dimension ein. Daher ist eine ernsthafte Anerkennung des menschlichen Aspekts – wie etwa Geschichte, Sprache, Kultur, Erfahrungsvielfalt – in der hermeneutischen Erschließung von Dogmen notwendig.

2. Die Dogmenhermeneutik hat die Aufgabe, die verschiedenen Entfaltungen (anaptyxeis) des apostolischen Erbes im Laufe der Geschichte unter Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes zu beurteilen und zu entscheiden, inwieweit diese Entfaltungen legitime Ausdrucksformen des Glaubens sind, wie er in den Quellen artikuliert ist.

3. Die hermeneutische Arbeit am Glaubensgut der Kirche und an dogmatischen Ausdrucksformen kann zu neuen Einsichten führen. Im Leben der Kirche sind diese Erkenntnisse insofern von Bedeutung, als sie sich auf die Erlösung der Menschen beziehen.
4. Die hermeneutische Arbeit an Dogmen umfasst nicht nur die theoretische Ebene, sondern kann auch dazu beitragen, das kirchliche Leben und die kirchliche Praxis zu evaluieren.

Thesen zum Zeitalter der Konfessionalisierung (16.-18. Jahrhundert)

5. Während der Reformation suchten die Lutheraner Unterstützung bei den Orthodoxen, wie später auch die Anglikaner. Obwohl die Orthodoxen diese Annäherungsversuche ablehnten, wurden sie vom Protestantismus inspiriert, indem sie das Modell der „Bekenntnisschriften“ übernahmen. Diese schöpften nicht nur aus traditionell orthodoxen, sondern auch aus protestantischen und/oder katholischen Quellen. Im 20. Jahrhundert kritisierte Georgij Florowskij diese Entwicklungen heftig als eine Abweichung („Pseudomorphose“) – eine These, die von Historikern und Theologen weiterhin diskutiert wird.

6. Im Gefolge der protestantischen Reformation übernahmen sowohl Katholiken als auch Orthodoxe immer mehr das Modell eines konfessionellen Selbstverständnisses. Trotz dieser problematischen Verkürzung kirchlicher Identität auf konfessionelle Formeln gab es in diesem Zeitraum auch kreative Entwicklungen in den Kirchen.

7. Diese Epoche war vor allem durch Entwicklungen in der Spiritualität und gegenseitige Einflüsse zwischen Ost und West gekennzeichnet. So schöpfte beispielsweise Ignatius von Loyola stark aus östlich-patristischen Quellen. Auf östlicher Seite edierte Nikodemos Hagiorites solche Klassiker wie „Der geistliche Kampf“ des Theatinerpaters Lorenzo Scupoli. Und die von Nikodemos und Makarios von Korinth erarbeitete und zuerst in Venedig veröffentlichte „Philokalie“ wurde bald ins Slawische übersetzt und übt noch immer einen großen Einfluss in Ost und West aus.

8. Während die Theologie in diesem Zeitraum weitgehend polemisch war, drückten Theologen wie der Orthodoxe Maximos Margounios und der Katholik Leo Allatius offen die substanzielle Konvergenz der beiden Kirchen aus. Der polemische Kontext, in dem sich die Kirchen befanden, führte zur Entwicklung von Systemen der Hochschulbildung, wie die Akademie von Peter Mogila in Kiew oder die Jesuitenakademien in ganz Europa.

9. Orthodoxe Apologeten verwendeten oft katholische Argumente gegen die Protestanten, wie im Streit um die Eucharistie, und protestantische Argumente gegen die Katholiken, wie in ihrer Auseinandersetzung mit dem päpstlichen Primat. Auf ähnliche Weise verwendeten Katholiken orthodoxe Argumente gegen die Protestanten; zum Beispiel wurden die Aussagen von Nikolaos Kabasilas zur Realpräsenz in der Eucharistie vom Konzil in Trient zitiert.

Thesen zur Autorität in der Kirche

10. Die in jeder menschlichen Gesellschaft vorhandenen Vorstellungen von Autorität und Macht haben in der Kirche eine besondere Bedeutung. Macht (dynamis) erscheint zuerst als Attribut Gottes. Die biblischen Texte zeigen seine Macht über alle „Götter“ und über die Schöpfung. In diesem Sinn kann seine höchste Macht mit Gottes Herrlichkeit identifiziert werden. Diese Macht bezieht sich immer auf seine Liebe zu Israel und zur gesamten Menschheit, seine Gabe der Erlösung, seine Vergebung und vor allem seine Barmherzigkeit. Das Neue Testament betrachtet Gottes Macht als handelnd in Jesus. Der auferstandene Christus, der von Gott alle Autorität (exousia) empfangen hatte, ermächtigte die Apostel in und mit seinem Heiligen Geist. Gemäß dem Gebot Jesu darf Autorität in der Kirche nicht als Herrschaft verstanden werden, sondern als Dienst am Volk Gottes, der auf der Kraft des Kreuzes basiert.

11. Da Christus das Haupt der Kirche ist, ist er die Quelle aller Autorität innerhalb der Kirche. Die Autorität einer Synode und desjenigen, der ihr vorsteht, wurzelt im Geheimnis der Kirche als dem Leib Christi im Heiligen Geist.

12. Die Synodalität, die eine wesentliche Dimension der Kirche ist, spiegelt ihr Geheimnis wider und ist als solche mit der Autorität des ganzen Volkes Gottes verbunden, das durch den vom Heiligen Geist erweckten und getragenen „sensus fidelium“ (Glaubenssinn der Getauften) in der Lage ist zu erkennen, was wirklich von Gott ist.

Dem orthodox-katholischen Arbeitskreis St. Irenäus gehören 26 Theologen, 13 Orthodoxe und 13 Katholiken, aus mehreren europäischen Ländern und den USA an (aus Österreich der Wiener Ostkirchen-Experte und Vizepräsident der Stiftung „Pro Oriente“ Prof. Rudolf Prokschi und der Grazer Theologe Prof. Pablo Argarate). Der Arbeitskreis wurde 2004 in Paderborn (Deutschland) gegründet und hat sich seither in Athen (Griechenland), Chevetogne (Belgien), Belgrad (Serbien), Wien (Österreich), Kiew (Ukraine), Magdeburg (Deutschland), Sankt Petersburg (Russland), Bose (Italien), Saloniki (Griechenland), Rabat (Malta) und Chalki (Türkei) getroffen. In Taize wurde vereinbart, die nächste Tagung des Arbeitskreises im Oktober 2017 im Caraiman-Kloster in Rumänien abzuhalten. (ende)