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Franz König

Pro Oriente

Der 11. November soll ein „Carnuntum-Tag“ im Zeichen der Religionsfreiheit werden

„Art Carnuntum“-Intendant Piero Bordin feilt an neuem Konzept für das internationale Kulturprojekt „Die Kaiser von Carnuntum veränderten die Welt“ – Von der Kaiser-Konferenz des 11. November 308 gingen vermutlich die Weichenstellungen für die Edikte über die Religionsfreiheit aus

Carnuntum, 11.11.16 (poi) Einen alljährlichen „Carnuntum-Tag“ am 11. November plant der Intendant von „Art Carnuntum“, Piero Bordin: „Es geht mir darum, dass ein großes welthistorisches Ereignis auf heute österreichischem Boden, bei dem Weichen für die Zukunft gestellt wurden, die Kaiser-Konferenz vom 11. November 308, ins allgemeine Bewusstsein gerückt wird“. Vor acht Jahren – am 11. November 2008 – startete Bordin das internationale Kulturprojekt „Die Kaiser von Carnuntum veränderten die Welt“. Der durch seine Zusammenarbeit mit dem Londoner „Globe Theatre“ international bekannte Theatermann Bordin hat das Ereignis vom 11. November 308 und seine Wirkungsgeschichte bis heute im Theaterstück „The Summit/Der Gipfel“ gerafft dargestellt, das am 21. August im römischen Amphitheater in Petronell-Carnuntum uraufgeführt wurde. Die symbolhafte und spektakuläre Zeitreise mit einem großartigen Gerald Gross in zentraler Rolle begeisterte das Publikum. Bordin will das Stück im kommenden Jahr wieder auf die Bühne des Amphitheaters bringen – auch als Beitrag zum 70-Jahr-Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, in der die Religionsfreiheit eine ausschlaggebende Bedeutung hat, jene Religionsfreiheit, die bei der Kaiserkonferenz am 11. November 308 nach Überzeugung des „Art Carnuntum“-Intendanten erstmals in den Mittelpunkt der politischen Diskussion gerückt wurde. Mit „The Summit/Der Gipfel“ zeichnet Piero Bordin nach, was mit der Kaiser-Konferenz von Carnuntum am 11. November 308 begonnen hat: Die politische Neustrukturierung des Römischen Reiches („Tetrarchie“), die offensichtlich auch den Weg zur Proklamierung der Religionsfreiheit zunächst durch Kaiser Galerius im Jahr 311 in Nikomedia und dann durch die gemeinsame Mailänder Vereinbarung der Kaiser Konstantin und Licinius im Jahr 313 eröffnete. Aber er bleibt nicht in der Antike stehen, sondern führt das Geschehen bis in die Gegenwart weiter. Weil es um „News“ im wahrsten Sinn des Wortes geht, entschloss sich Bordin, den langjährigen „Zeit im Bild“-Moderator und ORF-Journalisten Gerald Gross als Zentralgestalt einzusetzen, um Fakten „seriös und glaubwürdig“ zu vermitteln.

Piero Bordin geht es im kommenden Jahr nicht nur darum, „The Summit/Der Gipfel“ wieder aufführen, er feilt an einem umfangreichen neuen Konzept für das Kulturprojekt „Die Kaiser von Carnuntum veränderten die Welt: „Es geht um Geschichte als sichtbares Zeichen, Weltgeschichte im wahrsten Sinn des Wortes zum Be-Greifen, zum Anfassen und zum Mit-Erleben“. Deshalb peilt der griechisch-venezianisch-österreichische Theatermann Bordin – ein engagierter orthodoxer Christ – etwas wie einen „Carnuntum-Tag im Zeichen der Religionsfreiheit“ an. Er ist fasziniert von der brennenden Aktualität der Vorgänge des 11. November 308 und der folgenden Jahre bis zum 13. Juni 313, als die „Vereinbarung von Mailand“ unterzeichnet wurde: „Wir leben in einer Zeit, in der wir tagtäglich von Christenverfolgungen hören, davon, dass Menschen wegen ihrer religiösen Überzeugung verfolgt, benachteiligt, an den Rand gedrängt, ja getötet werden. In der Antike ist von Carnuntum – nach ähnlichen Entwicklungen – ein Programm des Respekts vor religiösen Überzeugungen ausgegangen, für viele Jahrzehnte öffnete sich das Fenster der Religionsfreiheit. Auch wenn es später wieder geschlossen wurde, kann man doch davon ausgehen, dass der Impuls der Freiheit und des Respekts nicht erloschen ist“. Viele Repräsentanten aus Politik, Kultur und Kirchen – an der Spitze der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I., der 2014 in Carnuntum war – beteiligen sich an den Initiativen Bordins, die internationale Beachtung finden. 2014 erhielt Carnuntum von der Europäischen Kommission das erste “Europäische Kulturerbe-Siegel”, das Projekt „Die Kaiser von Carnuntum veränderten die Welt“ war – wie das ebenso von Piero Bordin ins Leben gerufene Welt-Theater-Festival von „Art Carnuntum“ - dafür mit ausschlaggebend.

Piero Bordin kann in Sachen „Kaiser-Konferenz in Carnuntum“ auf eine ordentliche Erfolgsbilanz seit 2008 zurückblicken. Im Rahmen dieses Projekts setzte der Intendant von „Art Carnuntum“ außer in Carnuntum selbst Akzente in Wien, in Nis (der Heimatstadt von Kaiser Konstantin), in Nikomedia (dem heutigen Izmit in der Türkei), in Mailand und in Rom. U.a. entwarf Bordin drei Denkmäler, die an historisch bedeutenden Stätten in Österreich (Carnuntum), in der Türkei (Nikomedia/Izmit) und in Serbien (Nis) errichtet wurden. Piero Bordin ist geprägt davon, dass sich in Carnuntum vor 1.700 Jahren die Welt für immer verändert hat: „Ich wollte als Künstler und als überzeugter ‚Carnuntiner’ etwas aufgreifen, das im allgemeinen Bewusstsein übersehen wurde. Carnuntum ist ein Ort großer Weltgeschichte“.

Dabei blickt Bordin durchaus nüchtern auf die historischen Fakten: 308 wurde die Macht im Römischen Reich neu verteilt, als Herrscher im Osten wurden Galerius als Augustus und Maximinus als Caesar bestimmt, im Westen Licinius als Augustus und Konstantin als Caesar. Galerius war es, der schon zweieinhalb Jahre später - am 30. April 311 - das Toleranzedikt von Nikomedia erließ und damit erstmals das Christentum duldete. Zwei Jahre danach verfassten Konstantin und Licinius gemeinsam die "Vereinbarung von Mailand", welche die Freiheit der Glaubensentscheidung für alle Religionen bedeutete – und ein zeitlich beschränktes „Fenster der umfassenden Religionsfreiheit“ eröffnete, das am Ende des 4. Jahrhunderts wieder geschlossen wurde, als das Christentum zunehmend die Rolle der neuen Staatsreligion übernehmen musste.

2011 brachte Bordin aus Anlass des 1.700-Jahr-Gedenkens Feiern für das „Edikt von Nikomedia“ in Gang – u.a. gab es am 30. April 2011 einen von Weihbischof Helmut Krätzl geleiteten eindrucksvollen ökumenischen Gottesdienst im Stephansdom. Es gelang Bordin auch, in Nikomedia selbst, das heute Izmit heißt und wo es offiziell seit 1923 keine Christen mehr gibt, ein Gedenken unter Einbeziehung der politischen Elite (und mit Errichtung eines „Toleranz-Denkmals“) zu veranstalten; führende Politiker aus Nikomedia waren bei dem Gedenkgottesdienst im Stephansdom anwesend.
Bei dem ökumenischen Gottesdienst im Stephansdom sprach Weihbischof Krätzl von einem „epochalen Anlass“ und verwies darauf, dass mit dem „Edikt von Nikomedia“ die damals noch ungeteilte Christenheit in ein neues Verhältnis zur Gesellschaft und zum Staat getreten sei. Die Bestimmung des Verhältnisses von Kirche und Staat sei immer wieder eine große Herausforderung. Daher sei auch die Erinnerung an Nikomedia nicht nur eine Frage des Gedenkens, sondern auch ein Anstoß, neu über das Verhältnis von Christentum und Gesellschaft nachzudenken. Der evangelische Bischof Michael Bünker bezeichnete in seiner Predigt die Toleranzedikte - bis hin zum berühmten Edikt Josephs II. von 1781, das in den habsburgischen Staaten evangelischen und orthodoxen Christen sowie Juden Toleranz gewährte - als einen "Strom in der Geschichte Europas". Freilich sei dieser Strom immer wieder auch unterbrochen worden. Die christliche Kirche sei von der verfolgten Kirche über die geduldete Kirche zur selbst verfolgenden Kirche geworden. Immer gehe es darum, den Wahrheitsanspruch des Evangeliums so zu leben, dass er nicht zur tödlichen Gefahr für Andersdenkende wird, unterstrich Bischof Bünker. Denn die Wahrheit könne sich nicht anders auswirken als in der Liebe. Erst die amerikanische und die französische Revolution hätten aus der als Gnadenakt gewährten Toleranz ein Grundrecht gemacht, betonte der evangelische Bischof. Für die Christen aller Konfessionen bedeute Religionsfreiheit heute ein "uneingeschränkt gültiges" Menschenrecht, das in der Würde des von Gott geschaffenen Menschen begründet sei. Daher gehe es auch nicht mehr um bloße "Duldung", sondern um "Respekt" und "Anerkennung". Christen sollten in der Auffassung von der Wahrheit über die Unterschiede zu Andersgläubigen oder Nichtglaubenden nicht "hinwegsehen", sondern diese Unterschiede vielmehr als Ausdruck der Vielfalt der Schöpfung schätzen.

Das „Edikt von Nikomedia“ markiert das eigentliche Ende der Christenverfolgungen im Römischen Reich. Es wurde von Kaiser Galerius in Nikomedia herausgegeben, nachdem dieser zusammen mit seinem „Caesar“ (Stellvertreter) Maximinus Daia die von Diokletian 303 eingeleitete Christenverfolgung anfänglich fortgesetzt hatte. Das Edikt wurde am 30. April 311 in Nikomedia bekannt gegeben. Galerius war zuvor schwer an Krebs erkrankt; diese Erkrankung wurde von den christlichen Apologeten als der Auslöser seines inneren Wandels zur Duldung des Christentums angesehen. Der Kaiser hatte dabei aber politische Beweggründe; er war um die Stabilität des Reiches besorgt. Er war zur Einsicht gekommen, dass die Christen von der Verfolgung nicht entscheidend getroffen worden waren; vor allem in der Osthälfte des Römischen Reichs – in Syrien, Ägypten, Anatolien - waren die Christen zahlreich.

Das Dekret enthält keine Bevorzugung der Christen, aber es erlaubte ihnen die Wiederherstellung ihrer Kirchen sowie ihre Zusammenkünfte, soweit sie die öffentliche Ordnung nicht störten. Außerdem forderte es die Christen auf, für das Wohl des Staates zu beten. Durch das Edikt wurde die Christenverfolgung beendet und das Christentum zugleich zur „religio licita“ (erlaubte Religion), d. h. es wurde zum ersten Mal das Christentum in gewisser Weise gesetzlich anerkannt. Mit der Erhebung zur „religio licita“ war, ebenso wie bei den Juden, eine Befreiung vom Kaiseropfer und den Opfern an die römischen Staatsgötter verbunden, was sie zuvor von der Bekleidung öffentlicher Ämter ausgeschlossen hatte. Galerius starb nur kurze Zeit nach Herausgabe des Edikts.

Piero Bordin ist stolz darauf, dass es im Zug der Initiative „Die Kaiser von Carnuntum veränderten die Welt“ in den letzten Jahren gelungen ist, „Kontakte und freundschaftliche Verbindungen“ über nationale und konfessionelle Grenzen hinweg zu knüpfen. Im Zeichen der Toleranz seien Österreicher, Serben und Türken, katholische, evangelische und orthodoxe Christen und Muslime einander nähergekommen. Ein Hinweis sei u.a. die neue Städtepartnerschaft zwischen Nis und Izmit (dem einstigen Nikomedia in Bithynien), wo 311 das erste Toleranzedikt für die Christen veröffentlicht wurde. (Piero Bordin, Tel.: 0664/392 34 00, E-Mail: pb@artcarnuntum.at). (ende)