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Franz König

Pro Oriente

Ausstellung über die heilig gesprochene Märtyrer-Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna in Wien

Die 1918 von Bolschewiki ermordete Prinzessin und Ordensgründerin war eine Zentralgestalt beim Aufbau des russischen Roten Kreuzes

Wien-Moskau, 12.02.17 (poi) Eine Ausstellung über das Russische Rote Kreuz und die heilig gesprochene Märtyrerin Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna wird derzeit in der Wiener UNO-City gezeigt. Die Ausstellung unter dem Titel „Barmherzigkeit in der Geschichte: Der Beitrag der Großherzogin Jelisaweta Fjodorowna zu den Aktivitäten der Russischen Gesellschaft vom Roten Kreuz“ umfasst hunderte Fotos, Texte und Gegenstände aus den ersten Jahrzehnten des Roten Kreuzes in Russland. „Die Geschichte der karitativen und philanthropischen Aktivitäten in Russland beruht auf der christlichen Tradition, die russische Kaiser und den Adel des Landes zur großzügigen Unterstützung der umfangreichen humanitären Initiativen medizinischer, sozialer und religiöser Institutionen veranlasst hat“, betont die Kuratorin der Ausstellung, Anna Gromowa, die auch Vorsitzende der 2011 begründeten Gesellschaft ist, die sich dem Andenken von Jelisaweta Fjodorowna und ihres 1905 bei einem Attentat getöteten Gatten Großfürst Sergij widmet. Die russische Gesellschaft vom Roten Kreuz sei eine der ältesten Rot-Kreuz-Organisationen der Welt, ihre frühe Geschichte sei eng mit der Familie Romanow und dem russischen Adel verbunden, so Anna Gromowa. Sie hofft, dass die Ausstellung über die Märtyrerin auch in anderen europäischen Hauptstädten gezeigt werden kann.

Das russische Rote Kreuz entstand aus der 1867 von Kaiser Alexander II. begründeten „Gemeinschaft für die Sorge um die kranken und verwundeten Soldaten“. Von Anfang an beteiligten sich viele Mitglieder der adeligen Familien an den Aufgaben der Gemeinschaft. In der jetzt in Wien gezeigten Ausstellung wird aber deutlich, dass Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna (geborene Prinzessin Elisabeth Alexandra von Hessen-Darmstadt und bei Rhein und damit eine Enkelin der britischen Königin Victoria) entscheidend zum Ausbau der karitativen Organisation beigetragen hat. Sie war die Vorsitzende des Frauenkomitees des Roten Kreuzes und übernahm bald die Verantwortung für die ganze Rot-Kreuz-Organisation im Moskauer Gebiet, wo hunderte Mediziner und Freiwillige sich um tausende Hilfsbedürftige kümmerten. Wie Anna Gromowa betont, sorgte die Großfürstin dafür, dass auch die Sorge um die Betroffenen von Naturkatastrophen wie Hochwasser oder Epidemien in den Aufgabenkatalog des russischen Roten Kreuzes einbezogen wurden.

Jelisaweta Fjodorowna war 1891 zur russisch-orthodoxen Kirche konvertiert. Nach der Ermordung ihres Mannes (der Gouverneur von Moskau war) 1905 wandte sie sich verstärkt der Kirche zu, sie teilte ihren gesamten Besitz auf und behielt nicht einmal ihren Ehering. Sie gründete das Martha-Maria-Kloster an der Ordynka in Moskau und stand ihm als Äbtissin vor. Diese Ordensgemeinschaft nahm sich in besonderer Weise um die an den Rand gedrängten Menschen an. Die Großfürstin hatte die Vision eines neuen Schwesterntyps, der Gebet und Sozialarbeit nach dem Vorbild der Diakonissen vereinigte. Man warf ihr daraufhin protestantisierende Tendenzen vor. In den angepassten Regeln für die Schwesternschaft wurde auf umstrittene Punkte wie die Diakonissenweihe gänzlich verzichtet, die Zweifel konnten ausgeräumt werden. So entstand die Gemeinschaft der „Schwestern der Liebe und Barmherzigkeit“. Das Martha-Maria-Kloster der Barmherzigkeit begann mit seiner Tätigkeit am 10. Februar 1909. Zum Kloster gehörte ein Krankenhaus, in dem Bedürftige kostenlos behandelt wurden, eine Apotheke, ein Waisenhaus sowie eine Bibliothek. Die Schwestern versorgten Kranke unentgeltlich mit Medikamenten und speisten Arme und Bedürftige.

Die politischen Umbrüche des Jahres 1917 hatten auf das Leben im Kloster zunächst keinen Einfluss. Jelisaweta Fjodorowna sorgte sich aber um ihre Verwandten, die im Alexanderpalast in Zarskoje Selo unter Hausarrest standen. Sie hielt mit ihrer Schwester Alexandra – der Zarin - Kontakt, auch noch in deren Tobolsker Verbannung, allerdings unter erheblich erschwerten Bedingungen. Folgen für das Kloster ergaben sich erst mit der Machtergreifung der Bolschewiki in der Oktoberrevolution von 1917. Die Bolschewiki betrachteten das Kloster als „Brutstätte des Aberglaubens“. Bald sahen sich das Kloster und seine Äbtissin Schikanen ausgesetzt. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. versuchte, die Großfürstin zur Flucht aus Russland zu bewegen, aber sie lehnte ab.

Während des beginnenden Russischen Bürgerkriegs wurde sie im April 1918 zuerst nach Perm und anschließend nach Jekaterinburg verbannt. Dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees des örtlichen Sowjets, Alexander Beloborodow, waren im Mai 1918 zu viele Romanows in der Stadt, und so ließ er einige nach Alapajewsk verlegen, unter ihnen auch Jelisaweta Fjodorowna. Dort ließ man sie mit fünf anderen Verwandten der Zarenfamilie in einer kleinen Schule wohnen. Der in Perm unter Hausarrest stehende Großfürst Michail wurde am 13. Juli von Agenten der neuen kommunistischen Geheimpolizei „Tscheka“ erschossen.

Am späten Abend des 17. Juli 1918, einen Tag nach der Ermordung der Zarenfamilie in Jekaterinburg, ermordete die „Tscheka“ auch die Romanows in Alapajewsk sowie die Nonne Warwara Jakowlewa, die mit ihrer Äbtissin die Verbannung geteilt hatte. Die Todgeweihten wurden zu einer stillgelegten Grube gebracht und in einen Schacht gestoßen. Die letzten Worte, die Elisabeth Fjodorowna noch zu ihren Mördern gesagt haben soll, war jener Vers aus der Bibel, den sie schon auf den Grabstein ihres Mannes Sergij hatte setzen lassen:„Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“.
Die erhaltenen Gebäude des Konvents an der Ordynka wurden 1992 der Kirche zurückgegeben. Nach langen Auseinandersetzungen um Grundstück und Gebäude konnten die ersten Schwestern im Mai 1994 den Konvent neu gründen; sie erhielten 1995 den Segen des Patriarchen Aleksij II. Das Kloster ist heute eine Gedenkstätte für Jelisaweta Fjodorowna, aber auch ein Zentrum sozialer und karitativer Arbeit. Bereits 1949 hatte ihre Nichte Alice von Battenberg, die Mutter von Prinz Philip, auf der griechischen Insel Tinos eine Martha-Maria-Schwesternschaft nach dem Vorbild ihrer Tante gegründet. Das Heiligenbildnis von Jelisaweta Fjodorowna ist eines von zehn Märtyrerbildern des 20. Jahrhunderts, die über dem Westportal der Londoner anglikanischen Westminster Abbey angebracht wurden. (ende)