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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Der Papst und die internationale Friedenskonferenz an der Al-Azhar-Universität

Auch der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I., der koptisch-orthodoxe Papst-Patriarch Tawadros II. und die anderen orientalischen Patriarchen sind Teilnehmer – Ziel ist eine „Friedensbotschaft an die ganze Welt“

Kairo, 21.04.17 (poi) Der Pastoralbesuch von Papst Franziskus in Ägypten fällt mit der internationalen Friedenskonferenz zusammen, zu der der Großimam der Al-Azhar-Universität, Ahmed al-Tayyeb, eingeladen hat. Das ist kein Zufall. Die Weichen dafür dürften beim Besuch des Großimams bei Papst Franziskus am 23. Mai des Vorjahres gestellt worden sein, als der Papst einen Mehrstufenplan vorschlug, um die Beziehungen zwischen christlicher und islamischer Welt auf eine neue Basis des Vertrauens zu stellen. Nur dann könne eine internationale christlich-islamische Friedenskonferenz auf ägyptischem Boden stattfinden. Dies scheint nun gegeben zu sein.

Als Veranstalter der Friedenskonferenz zeichnet Scheich Ahmed al-Tayyeb in doppelter Funktion: Als Großimam der Al-Azhar und als Präsident des „Muslim Council of Elders“, das während des Ramadan 2014 als Friedens-Vereinigung muslimischer Wissenschaftler und Experten begründet wurde, die „sich durch Weisheit, Gerechtigkeitssinn, Unabhängigkeit und Mäßigung auszeichnen“. Bei der Friedenskonferenz in Kairo wird nicht nur Papst Franziskus einen wesentlichen Beitrag leisten, auch das Oberhaupt der Weltorthodoxie, der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I., wird anwesend sein, ebenso wie der koptisch-orthodoxe Papst-Patriarch Tawadros II. Offensichtlich sind aber auch alle anderen orientalischen Patriarchen nach Kairo eingeladen, ebenso politische und kirchliche Persönlichkeiten aus aller Welt, unter ihnen auch „Pro Oriente“-Präsident Johann Marte.

der Einladung zur internationalen Friedenskonferenz wird daran erinnert, dass „Frieden“ einer der „erhabensten“ der „schönen Namen Gottes“ in der islamischen Frömmigkeit ist. Umso mehr sei die menschliche Sehnsucht nach Frieden heute von besonderer Bedeutung, da schwerwiegende Tragödien stattfinden, wie „blutige Kriege, äußerste Armut, sinnlose Konflikte, die Millionen Leben fordern“, und darüberhinaus die Opfer von „Terrorismus, Unwissenheit und Krankheiten“. All dies habe dazu geführt, zu einer internationalen Friedenskonferenz auf der Basis „religiöser Überzeugungen, menschlicher Werte und geschichtlicher Erfahrungen“ einzuladen. Das Ziel der Konferenz sei es, eine Friedensbotschaft an die ganze Welt auszusenden, Gewalt und Diskriminierung zu verurteilen und die „hohen Werte von Barmherzigkeit, Toleranz und Nächstenliebe“ zu unterstreichen. Es sei die „gemeinsame Pflicht“ aller religiösen Menschen, einen gerechten Frieden für die Menschheit zu erreichen und die Wurzeln von Gewalt, Hass, Armut und Krankheit auszureißen. Wörtlich heißt es weiter: „Das höchste Ziel dieser weltweiten Konferenz ist die Übereinkunft über allgemein menschliche Prinzipien, die allen Menschen den Frieden sichern können, unabhängig von Religion, philosophischer Überzeugung, Sprache, Geschlecht“. Dieses Ziel könne nur erreicht werden, wenn die Führungspersönlichkeiten aus dem religiösen, wissenschaftlichen und kulturellen Bereich und die Entscheidungsträger der internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten.

Der internationalen Friedenskonferenz sind wichtige „vertrauensbildende Maßnahmen“ vorausgegangen. So hat Ahmed al-Tayyeb in feierlicher Weise zum Abschluss eines interreligiösen internationalen Kongresses an der Al-Azhar Ende Februar betont, dass sich der Islam mit dem religiösen Pluralismus verträgt: Der Kongress hatte sich auf Einladung der islamischen Universität mit Fragen der Laizität des Staates, der Gleichheit der Staatsbürger vor dem Gesetz sowie dem „Respekt für die Diversität“ beschäftigt. Das Prinzip der staatsbürgerlichen Gleichheit sei dem Islam nicht fremd, sondern Teil seiner Grundlagen, so der Großimam. Im Staat gebe es auf der Grundlage der Verfassung das Prinzip der Gleichheit der Rechte und Pflichten von Muslimen und Nichtmuslimen.

In der Schlusserklärung des Kongresses – an dem auch christliche Spitzenrepräsentanten aus Politik und Kirche teilgenommen hatten – wurde jede Form der Gewaltanwendung im Namen der Religion verurteilt. Ebenso wurde jede Diskriminierung zwischen Nichtmuslimen und Muslimen zurückgewiesen. U.a. wurde in der Schlusserklärung darauf verwiesen, dass das „Konzept der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung“ im Islam verwurzelt sei. Es finde sich bereits in der Zeit Mohammeds in Medina und in den Verträgen, die die Beziehungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen regelten. Daher handle es sich nicht um einen „Import“ aus dem Westen, sondern um eine Aktualisierung der Praxis der ursprünglichen islamischen Gesellschaft. Diese Praxis habe keinerlei Diskriminierung vorgesehen, sondern sei von der Gleichheit der Rechte und Pflichten ausgegangen. Daher würden die arabischen und islamisch geprägten Gesellschaften ein reiches Erbe des Zusammenlebens im Kontext einer von „Diversität, Pluralismus und gegenseitiger Anerkennung“ charakterisierten Gesellschaft besitzen. Die Anerkennung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung bedeute zugleich eine Verurteilung jener, die „im Gegensatz zur islamischen Scharia auf der Diskriminierung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen bestehen“. Der wichtigste Faktor des Miteinanders sei der auf der Verfassung beruhende Staat, der sich auf die Prinzipien der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung und des Rechtsstaates stütze.

Der Kongress unter dem Titel “Freiheit und Bürgerschaft, Diversität und Integration” besiegelte eine Entwicklung, die an der Al-Azhar 2012 mit einem Dokument unter dem Titel „Die bürgerliche Gleichberechtigung und die Zukunft Ägyptens“ begonnen hatte. Ahmed al-Tayyeb hatte damals betont, dass der Islam nicht den religiösen, sondern den zivilen Staat unterstütze. 2014 folgte ein Dokument, in dem ausdrücklich auch auf die Religions- und Gewissensfreiheit Bezug genommen wurde. Schließlich betonte der Großimam am 13. Jänner in seinem allwöchentlichen TV-Auftritt am Freitag, die Kopten, die ägyptischen Christen, seien keine „dhimmi“ ( „Schutzbefohlene“, in der klassischen islamischen Definition die Christen als Bürger zweiter Klasse), sie dürften auch nicht als „Minderheit“ angesehen werden, weil diese Bezeichnung einen „negativen Beigeschmack“ habe. Allerdings wurde von islamischen und christlichen Teilnehmenden bedauert, dass beim Kongress die ausdrückliche Bezugnahme auf den zivilen und laikalen Staat sowohl in den Ausführungen al-Tayyebs als auch in der Schlusserklärung gefehlt habe. Weiterhin sei nur vom „vaterländischen Staat“ (dawla watania) die Rede gewesen, nicht von einem Staat, in dem alle Religionen im Rahmen des Prinzips der „Staatsbürgerschaft“ auf gleicher Ebene stehen.

Immerhin sei aber bei der Tagung in Kairo in „so umfassender Weise wie noch nie in der arabischen Welt“ über die Gestaltung des zivilen Staates diskutiert worden, der all seinen Bürgern – unabhängig von Religionsbekenntnis und ethnischer Zugehörigkeit – gleiche Rechte sichert, betonte der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai. Er sei erfreut, dass man bei dem Kongress eine „gemeinsame Sprache“ gefunden habe, „die Sprache einer Welt, die Atemluft braucht, Freiheit, Diversität und Komplementarität“. Besonders bedeutsam sei für ihn, dass jetzt das Wort „Minderheit“ aus dem Vokabular gestrichen werden müsse und durch „Bürgerschaft“ zu ersetzen sei.

„Haben nichts mit Dschihadismus zu tun“

Die Al-Azhar-Universität wehrt sich entschlossen gegen Kritik und Anschuldigungen ägyptischer Politiker und Intellektueller, nach deren Ansicht die Lehrpläne der islamischen Universität die ideologische Haltung des dschihadistischen Terrors unterstützen. In einer offiziellen Verlautbarung betonte die Leitung der Universität, dass “die Scharia jede Art von Angriff auf Menschen verbietet, unabhängig von deren Religion oder Glauben” und dass der Islam die Muslime auch dazu verpflichtet, die Gotteshäuser anderer Religionsgemeinschaften zu schützen und wohlwollend zu betrachten. Die Lehrpläne der Al-Azhar-Universität seien “die einzigen, die den Islam lehren, der Frieden und friedliches Zusammenleben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen fördert“. Dies zeige auch die Tatsache, dass viele der Studienabgänger als Anwälte für Frieden und Brüderlichkeit tätig sind. Wenn man das Lehrgut der Al-Azhar-Universität als Aufruf zum Terrorismus bezeichne, dann handle es sich dabei um eine “Verzerrung der Geschichte Ägyptens und Verrat am Gewissen der Ägypter“, heißt es in der Verlautbarung, die von der katholischen Nachrichtenagentur „Fides“ zitiert wurde. (forts mgl)