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Franz König

Pro Oriente

100 Jahre nach der Oktoberrevolution: Kirchen für Reue und Vergebung

Repräsentanten der orthodoxen, katholischen und evangelisch-lutherischen Kirche aus allen Nachfolgestaaten der einstigen Sowjetunion berieten bei der 5. Vollversammlung des „Christlichen Interkonfessionellen Konsultativkomitees“ in St. Petersburg über die Lehren aus der Geschichte

St. Petersburg, 30.04.17 (poi) Zu Reue und Vergebung haben die Repräsentanten der orthodoxen, der katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche aus den 15 Nachfolgestaaten der einstigen Sowjetunion bei der 5. Vollversammlung des „Christlichen Interkonfessionellen Konsultativkomitees“ im Hinblick auf die Ereignisse im damaligen Russischen Reich vor 100 Jahren – Februarrevolution, Oktoberrevolution, Bürgerkrieg, „Roter Terror“, bolschewistische Christenverfolgung – aufgerufen. Die 5. Vollversammlung der Kirchenvertreter aus den 15 Staaten fand im Konstantinpalast in St. Petersburg statt; Ko-Vorsitzende des „Christlichen Interkonfessionellen Konsultativkomitees“ sind Metropolit Hilarion (Alfejew), der katholische Erzbischof in Moskau, Paolo Pezzi, und Erzbischof Dietrich Brauer, das Oberhaupt der russischen evangelisch-lutherischen Kirche. Das Thema der Vollversammlung lautete „Der Glaube und die Überwindung der gesellschaftlichen Konfrontation: Lehren aus dem 100-Jahr-Gedenken“.

In ihrer Abschlussbotschaft erinnerten die orthodoxen, katholischen und evangelischen kirchenleitenden Persönlichkeiten aus den 15 Staaten daran, dass die tragischen Ereignisse vor 100 Jahren nicht nur politische, soziale und wirtschaftliche Ursachen hatten, sondern vor allem durch eine tiefe spirituelle Krise der Gesellschaft ausgelöst wurden. Die auf der Bereitschaft zur Befolgung der Gebote Gottes beruhenden Prinzipien, die das Leben der Menschen geprägt hatten, seien in Frage gestellt worden. Der Zusammenstoß von absolut gesetzten politischen Ideen habe zum blutigen brudermörderischen Krieg und Massenverfolgungen geführt, „die das Leben von Millionen Menschen betrafen“. Die Wunden dieser Ereignisse seien noch immer sichtbar. Um sie zu heilen, sei nicht nur Zeit nötig, sondern die „geistliche Anstrengung von Reue und Vergebung“.

Vor 100 Jahren habe jede Konfliktpartei ihre eigene „Wahrheit“ verteidigt, heißt es in der Abschlussbotschaft weiter. Die Geschichte lehre, dass die Absolutsetzung dieser „Wahrheiten“ zu einer Explosion in der Gesellschaft führt, durch die sowohl die Grundlagen der staatlichen Ordnung als auch die gesellschaftlichen Beziehungen zerstört werden. Mit dem Aufruf zu Reue und Vergebung könnten die Christen bezeugen, dass es eine höhere Wahrheit gibt, „die Wahrheit der Akzeptanz, der Nächstenliebe und des gegenseitigen Dienstes“. In der Befolgung dieser Wahrheit liege die Basis des „friedlichen und kreativen Lebens der Menschen und der Nationen“.

Die Repräsentanten der drei Kirchen aus den 15 unabhängigen Staaten machten sich den Appell des Moskauer Patriarchen Kyrill I. in seiner Botschaft an die Vollversammlung des Konsultativkomitees zu eigen, dass es Aufgabe der Kirchen und ihrer Bischöfe sei, „dem Frieden und der Eintracht in der Gesellschaft zu dienen“. Die Wiederholung der Tragödien der Vergangenheit sei vermeidbar, wenn „die Lehren der Geschichte gut verstanden werden“.

Metropolit Hilarion hatte in seinem Grundsatzreferat daran erinnert, dass vor 100 Jahren in den Seelen vieler Menschen etwas geschehen sei, das „die Stimme des Gewissens, der Vernunft, der Compassion erstickt hat“. Die tragischen Ereignisse von damals seien ein Hinweis, dass ideologische oder andere Unterschiede niemals zu Feindschaft, Kriegen und Blutvergießen führen dürfen. Keine menschliche Wahrheit könne über die göttliche Wahrheit gestellt werden. Es könne aber auch keine Gewalt den Glauben an Gott auslöschen, während jede Macht, die eine Gesellschaft ohne Gott errichten will, fallen müsse, weil ein „auf Sand gebautes Haus“ keinen Bestand haben kann, wie das Christus-Wort in Matthäus-Evangelium betone. Nach Metropolit Hilarion ergriffen auch Erzbischof Pezzi und der lutherische Bischof des lettischen Daugavpils (Dwinsk), Einars Alpe, das Wort.

Vor Journalisten sagte Metropolit Hilarion, die Teilnehmer der 5. Vollversammlung des „Christlichen Interkonfessionellen Konsultativkomitees“ seien aus verschiedenen Staaten gekommen, aber geeint im Glauben an Christus. Alle seien überzeugt, dass die Zukunft ihrer Heimatländer im Christentum liege. Die Erinnerung vor allem an die Oktoberrevolution zeige, dass jede Gesellschaft, die kein religiöses Fundament habe, zu schwerwiegenden Übeln verurteilt sei. Das habe sich 1917 gezeigt, als die bolschewistischen Machthaber der Religion den Krieg erklärten. Die Konsequenzen seien bis heute spürbar. (ende)