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Franz König

Pro Oriente

Nach drei Jahren konnte der chaldäische Patriarch erstmals wieder Mosul besuchen

Begegnung mit dem Oberkommandierenden der bei der Befreiung der Tigris-Metropole eingesetzten irakischen Truppen - Mar Louis Raphael Sako ersuchte um Sicherung des Eigentums der geflüchteten Christen in allen Teilen der Ninive-Ebene

Bagdad-Mosul, 11.06.17 (poi) Der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako konnte am Freitag – genau drei Jahre nach der Eroberung von Mosul durch die IS-Terroristen – die Tigris-Metropole zum ersten Mal seit 2014 wieder besuchen. Mitglieder der Delegation des Patriarchen beim Lokalaugenschein in den bereits befreiten Stadtteilen am linken Tigris-Ufer waren der chaldäische Erzbischof von Teheran, Ramzi Garmou, der chaldäische Erzbischof von Basra, Habib al-Nawfali, und der chaldäische Auxiliarbischof Basil Salim Yaldo sowie Funktionäre der Verwaltung der Provinz Ninive. Der Patriarch und seine Begleiter besuchten verschiedene Kirchen und Klöster am linken Tigris-Ufer, die sämtlich von den Terroristen während ihrer Schreckensherrschaft verwüstet, geplündert oder demoliert worden waren: Die chaldäische Heiligengeistkirche, das chaldäische Georgskloster, die syrisch-orthodoxe Kirche Mar Aphrem und die syrisch-katholische Verkündigungskirche. In den Kirchen und Klöstern hielt der Patriarch mit seiner Delegation jeweils ein Reinigungsgebet ab.

Im Verlauf des Besuchs traf Mar Louis Raphael Sako auch mit dem Oberkommandierenden der bei der Befreiung Mosuls eingesetzten irakischen Streitkräfte, Generalmajor Najim Abdullah al-Juburi, zusammen. Der Generalmajor brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die aus der Stadt geflüchteten christlichen Bewohner von Mosul „möglichst bald“ zurückkehren mögen. Ohne die Christen würde die Tigris-Metropole „ihre Farbe und ihre ursprüngliche Identität verlieren“, sagte al-Juburi. Zugleich betonte der Generalmajor den Einsatz seiner Truppen für die Sicherheit der Kleinstädte und Dörfer in der Ninive-Ebene, um die Rückkehr der zumeist christlichen Einwohner zu ermöglichen, die dort vor dem Einmarsch der IS (Daesh)-Terroristen ansässig waren. Der chaldäische Patriarch unterstrich seinerseits die Notwendigkeit des Schutzes des Eigentums der geflüchteten Christen. In diesem schwierigen Augenblick bestehe die Gefahr, dass das Eigentum der Christen vor allem in den Dörfern des Südteils der Ebene von „bewaffneten Gruppen, die sich dort unkontrolliert bewegen“, illegal enteignet werde. Offensichtlich bezog sich der Patriarch auf die Aktivitäten schiitischer Volksmilizen, die bei der Vertreibung der IS-Terroristen aus der Ninive-Ebene zum Einsatz kamen.

Der Mosul-Besuch des Patriarchen wurde von den regionalen christlichen Medien ausführlich dokumentiert. Der Patriarch und die Bischöfe hätten feststellen können, dass sich das Alltagsleben in den bereits befreiten Stadtteilen Mosuls langsam normalisiere, obwohl nach wie vor der Geschützlärm von den Kämpfen der irakischen Armee mit den IS-Terroristen zu hören sei, heißt es in einem Bericht der katholischen Nachrichtenagentur „Fides“.

Unklare politische Zukunft

Nach wie vor ist die politische Zukunft der Ninive-Ebene – wie auch die von Mosul – ungeklärt. Mit der offiziellen Ankündigung eines Referendums über die Unabhängigkeit der autonomen kurdischen Region für den 25. September ist die Situation noch komplizierter geworden. Der Beschluss zur Abhaltung des Referendums war am 7. Juni bei einem Treffen zwischen Präsident Masud Barzani und den Mitgliedern der Regionalregierung getroffen worden.
Auch unter den Christen der Region gibt es in Sachen Unabhängigkeit der kurdischen Region und politische Zukunft der Ninive-Ebene unterschiedliche Standpunkte. So bezeichnete die assyrische „Al Nahrain”-Partei die Referendums-Initiative als „unzureichend und unangemessen“, eine politische und institutionelle Veränderung des nördlichen Irak müsse mit der Regierung in Bagdad und der internationalen Gemeinschaft abgestimmt werden. Die Repräsentanten der kleinen assyrischen Partei, die mit einem Abgeordneten im irakischen Parlament und mit einem Abgeordneten im kurdischen Regionalparlament vertreten ist, erinnern daran, dass die Menschen im Norden des Irak nach den dramatischen Vorgängen der jüngsten Vergangenheit jede Art politischer Initiative, „die weiteres Leid mit sich bringen könnte“, für unangemessen halten. Vielmehr müsse man sich um die Rückführung der Vertriebenen, unter ihnen zahllose Christen, bemühen, die ihre Heimat nach der Eroberung durch die IS-Terroristen verlassen mussten. Noch vor der offiziellen Bekanntgabe des Unabhängigkeits-Referendums hatten die chaldäischen Bischöfe – ebenfalls am 7. Juni - am Rande ihrer Versammlung in Erbil unter dem Vorsitz von Mar Louis Raphael Sako alle Christen aufgefordert, konfessionelle Spaltungen auf politischer Ebene zu überwinden und als einheitliche “christliche Gemeinschaft” gegenüber den politischen Partnern aufzutreten.

Mit der Idee eines Unabhängigkeitsreferendums hatten führende kurdische Politiker schon seit langem gespielt. Bereits vor einem Jahr hatte Präsident Masud Barzani auch bei einem Treffen mit christlichen Politikern der Region in Erbil davon gesprochen. Damals forderte Barzani die christlichen Politiker auf, an der Entwicklung eines Plans zur künftigen Verwaltung der Region mitzuwirken. Es wurde die Idee besprochen, die Ninive-Ebene in eine “autonome Provinz mit christlicher Mehrheit” umzuwandeln und die Einwohner der Provinz über eine solche Stellung innerhalb eines unabhängigen Staates Kurdistan und nicht innerhalb des Iraks abstimmen zu lassen. (ende)