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Franz König

Pro Oriente

Türkei: Auseinandersetzung um Enteignung von Kirchen und Klöstern in der Provinz Mardin spitzt sich zu

Mehrstündiges Gespräch zwischen dem Vali von Mardin und syrisch-orthodoxen Repräsentanten blieb ohne greifbares Ergebnis

Ankara-Berlin, 04.07.17 (poi) Die Auseinandersetzung um die Enteignung christlicher Gotteshäuser, Immobilien und Grundstücke in der anatolischen Provinz Mardin spitzt sich zu. Am Montag fand ein mehrstündiges heftiges Gespräch zwischen dem Vali (Gouverneur) von Mardin, Mustafa Yaman, und syrisch-orthodoxen Repräsentanten statt. Der Vorsitzende des „Verbandes der Aramäer in Deutschland“, Daniyel Demir, sagte dazu am Dienstag: „Die Situation ist unverändert alarmierend. Die Absicht, die aramäische Gemeinschaft in erheblichem Maß enteignen zu wollen, hat sich durch das Gespräch erneut bestätigt. Zwar soll die Übertragung der Kirchen und Klöster an die (nur für den islamischen Kultus zuständige) Religionsbehörde ‚Diyanet‘ zur Revision vorgelegt werden. Im Ergebnis bleiben jedoch die Massenenteignungen aramäischen Grundbesitzes an das Schatzamt und regionale Verwaltungseinheiten bestehen, da sind auch Grabstätten, Ackerflächen und Weinberge eingeschlossen“.
Zu den Dutzenden konfiszierten Kirchen und Klöstern zählen u.a. das Kloster Mar Malke aus dem 4. Jahrhundert (wo zwei Mönchspriester und zwei Nonnen leben), die im 7. Jahrhundert errichtete Dorfkirche Mar Efrem und Theodoros in Arkah (wo zwei Priester wirken und 50 aramäische Familien leben) und das wiederaufblühende Kloster Mar Jaqub d-Qarno aus dem 12. Jahrhundert, das mit Spenden aus aller Welt restauriert werden konnte und heute einen Mönch und zwei weitere Bewohner beherbergt. Daniyel Demir appellierte an die Berliner Bundesregierung, diese Massenkonfiszierungen des christlichen Kulturerbes nicht weiter unkommentiert zu lassen und diese Situation im Rahmen des G 20-Gipfels mit den Repräsentanten Ankaras zu thematisieren. Bis heute seien die Christen der syrischen Tradition (Aramäer) in der Türkei nicht als Minderheit anerkannt und könnten daher ihre Rechte – vor allem das „elementare Menschenrecht auf Religionsfreiheit“ – nicht entsprechend ausüben. So sei der Bau und die Erhaltung von Kirchengebäuden mit massiven Schwierigkeiten und Hindernissen verbunden, die Ausbildung des Priesternachwuchses und der Unterricht der aramäischen Sprache – der Sprache Jesu – sei offiziell noch immer verboten. Die Lage der Christen der syrischen Tradition in der Türkei sei von erheblicher Rechtsunsicherheit und von der Willkür der örtlichen Behörden geprägt.

In den letzten Tagen hatte es bereits scharfe Reaktionen auf die von der Zeitschrift „Agos“ aufgedeckten Enteignungs- und Verstaatlichungsmaßnahmen in der Provinz Mardin gegeben, einem der wenigen Gebiete, in denen es auch nach den von jungtürkischen und kemalistischen Verantwortlichen durchgeführten „genozidalen Maßnahmen“ der Jahre 1915-1923 noch eine nennenswerte christliche Präsenz gibt. So bezeichnete die christdemokratische Europarlamentarierin Renate Sommer am Montag in Brüssel die Verstaatlichungen von „jahrtausendealtem urchristlichem Kulturerbe“ als „beispiellos“. Mehr als 50 Kirchen und Klöster inklusive der zugehörigen Friedhöfe seien an die türkische Religionsbehörde „Diyanet“ übertragen worden, so Sommer. Die Abgeordnete erklärte, dieses christliche Kulturerbe könne nun leicht an Dritte veräußert, in Museen oder auch Moscheen umgewidmet werden.

Der Koordinator für den internationalen Religionsdialog in der „Konrad Adenauer-Stiftung“, Otmar Oehring, bezog im Gespräch mit dem Kölner „Domradio“ eine differenzierte Position: „Man müsste jetzt ganz genau wissen, welche Kirchen in der Türkei betroffen sind. Ich habe versucht, das zu recherchieren. Doch das ist so schnell nicht möglich. Die syrisch-orthodoxen Christen, die sich selber in Deutschland als Aramäer bezeichnen, haben vor allem im Südosten der Türkei gelebt. Es gab eine Vielzahl von Dörfern, in denen Kirchen standen und die nun zum großen Teil verlassen sind. Die Rechtslage bei den weiterhin dort stehenden Kirchengebäuden ist jedoch ganz unterschiedlich.

Zudem hat 2002, als sich die Türkei und die EU einander angenähert haben und auch Beitrittsverhandlungen im Raum standen, der damalige Ministerpräsident die syrisch-orthodoxen Christen eingeladen, in ihre Heimat zurückzukommen. Das haben nicht viele getan. Aber was viele getan haben: Sie haben die Kirchen in den verlassenen Dörfern renoviert - mit dem Segen der türkischen Behörden.

Wenn es um diese Kirchen geht, muss man also unterscheiden: Da gibt es zum einen Kirchen, die nicht der Kirche selber, sondern der Kirchenstiftung gehören. Zum anderen gibt es viele Kirchen, die einfach Dorfkirchen waren. Die syrisch-orthodoxen Christen sind davon ausgegangen, dass sie ihnen gehören. Die interessante Frage ist also: Um welche Kirchen geht es? Und was hat der türkische Staat wirklich im Sinn?“

In der Türkei – auf deren heutigem Territorium 1914 noch mindestens 35 Prozent der Bevölkerung Christen waren - habe es seit dem Beginn der kemalistischen Machtergreifung im Jahr 1923 viele solcher Fälle gegeben, erinnerte Oehring. Es seien hunderte, wenn nicht tausende kirchliche Gebäude – armenische, griechische, syrische, georgische - faktisch enteignet worden. Die Sakralgebäude seien zum Teil als Militärlager, als Ställe oder für andere Zwecke missbraucht worden.

Die jetzige Regierungspartei AKP habe nach dem kemalistischen Säkularismus auf mehr Religionsfreiheit gesetzt, insbesondere für ihre eigene islamische Klientel. Als Kollateraleffekt habe es dann auch mehr Möglichkeiten für die christlichen Kirchen gegeben. Kirchenrenovierungen seien erlaubt worden, vor rund acht Jahren sei es auch zur Rückgabe von Kirchengebäuden in großer Zahl gekommen. Gleichzeitig seien die Verhältnisse in den letzten Jahren nicht in die Richtung gegangen, die sich die Türkei im Umgang mit der EU gewünscht hat. Die aktuelle Entwicklung für die syrisch-orthodoxen Christen müsse man auch als Folge der politischen Situation im Verhältnis zwischen Brüssel (bzw. einzelnen EU-Mitgliedsstaaten) und Ankara sehen.

Skeptisch äußerte sich Oehring im Hinblick auf Einflussmöglichkeiten der Berliner Bundesregierung. Ankara habe in vielen Gesprächen immer wieder versichert, dass die Türkei ein Rechtsstaat sei und die Regierung daher habe keine Möglichkeit habe, auf Gerichte einzuwirken. Natürlich sei klar, dass das bei der „fragwürdigen Ausprägung des türkischen Rechtsstaats“ eine Ausrede ist. Aber man müsse davon ausgehen, dass man „im Grunde genommen kaum etwas machen kann“.

Bischof Dröge: „Akt von Kulturzerstörung“

Scharf äußerte sich dagegen der Vorsitzende der deutschen „Evangelischen Mittelost-Kommission“ (EMOK), der Berlin-Brandenburger Bischof Markus Dröge: Die evangelische Kirche kritisiere die Türkei wegen ihres Umgang mit den aramäischen Christen. Das Vorgehen des türkischen Staates gegen die Aramäer sei ein „rücksichtsloser Umgang mit der kleinen christlichen Minderheit, der nur als ein bewusst angestrebter Akt von Kulturzerstörung gedeutet werden kann“. Bischof Dröge forderte die internationale Gemeinschaft auf, gegen die Massenkonfiszierungen in der Provinz Mardin Protest einzulegen. Es sei nicht hinnehmbar, dass die türkische Religionsbehörde „Diyanet“ das jahrtausendealte syrisch-orthodoxe Kulturerbe an Dritte veräußere oder in Museen bzw. Moscheen umwidmen wolle.

Der „Bundesverband der christlichen Aramäer in Deutschland“ hatte in der Vorwoche mitgeteilt, dass die Provinzverwaltung von Mardin bekanntgegeben habe, rund 50 Kirchenbesitztümer (Kirchen, Klöster usw.) über das staatliche Schatzamt der Religionsbehörde „Diyanet“ übertragen zu wollen. Derzeit versuchten die im Lande verbliebenen Aramäer herauszufinden, welche der zahlreichen Kirchen im Tur Abdin (aramäisch: Berg der Diener Gottes) in der Grenzregion zu Syrien – und in benachbarten Gebieten - tatsächlich betroffen seien. Der Vorsitzende des Bundesverbands, Daniyel Demir, erklärte damals: „Die aktuellen überfallsartigen Massenkonfiszierungen im Südosten der Türkei sind beispiellos und haben unvorstellbare Ausmaße angenommen. Die Situation stellt sich als komplex und undurchsichtig dar, zumal staatliche Stellen ihr übriges dazu tun. Jedenfalls scheint die Übertragung von bis dato mehr als 50 Kirchen und Klöster inklusive Grabanlagen an die Religionsbehörde ‚Diyanet‘ nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Im Klartext kann das bedeuten, dass das ´Diyanet´ jahrtausendealtes christliches Kulturerbe, Kirchen und Klöster aus den frühen Jahrhunderten, an Dritte veräußern, in Museen oder aber auch Moscheen umwidmen könnte. Wir rufen die Berliner Bundesregierung dazu auf, den Aramäern zur Seite zu stehen.“

Seit Jahren weise der „Bundesverband“ sowohl Berlin als auch die entsprechenden europäischen Institutionen mit großer Sorge auf unzählige systematische Enteignungsprozesse hin, die Kirchen, Klöster und Ortschaften der Aramäer im Südosten der Türkei betreffen. Sowohl die Welle von Enteignungsverfahren im Hinblick auf das Kloster Mor Gabriel aus dem 4. Jahrhundert, welche noch immer fortdauern, als auch die endgültige Beschlagnahme der einstigen syrisch-orthodoxen Peter-Paul-Kathedrale in Urfa im vergangenen November seien scharf zu kritisieren.

Es begann im Jahr 2012

Die assyrische Nachrichtenagentur AINA berichtete detailliert über den Enteignungsvorgang. Er begann im Jahr 2012, als Mardin zu einer städtischen Großgemeinde (büyükşehir belediyesi) erhoben wurde. Damals wurde ein „Transfer- und Liquidationskomitee“ eingerichtet, dass das Grund- und Immobilieneigentum von Institutionen verteilen sollte, deren legale Existenz abgelaufen war. 2016 übertrug dieses Komitee an das staatliche Schatzamt und an andere öffentliche Institutionen zahlreiche Kirchen, Klöster, Friedhöfe und andere Besitztümer der Christen der syrischen Tradition (die verschiedenen Konfessionen angehören). Das Schatzamt habe dann – so AINA – die kirchlichen Immobilien und Grundstücke an das „Diyanet“ übertragen, ein Teil der Friedhöfe sei in der Zuständigkeit der Stadtverwaltung gelandet. Für die Erhaltung mehrerer der betroffenen Kirchen und Klöster sorgt die Stiftung des Mor Gabriel-Klosters (die Kirchen haben in der Türkei keine eigene Rechtspersönlichkeit; vielmehr ist jedes Gotteshaus, Kloster usw. nach islamischem Vorbild von einer „geistlichen Stiftung“, türkisch: Vakif getragen). Der Vorsitzende der Stiftung des Mor Gabriel-Klosters, Kuryakos Ergün, teilte mit, dass er mit seiner Stiftung gegen zahlreiche Enteignungsbescheide – mindestens 30 – vor Gericht gegangen sei.

Im Gespräch mit „Agos“ sagte Ergün, dass christliche „geistliche Stiftungen“ (vakiflar) jahrelang kein Eigentum erwerben konnten. Erst 2002 sei das wieder möglich geworden, woraufhin die Stiftung des Mor Gabriel-Klosters mehrere Besitztitel erworben habe. Leider sei es nicht möglich gewesen, für alle umstrittenen Kirchen und Klöster Besitztitel zu erwerben. Zugleich habe aber auch die Neuerfassung aller Besitztitel durch das Katasteramt begonnen. In diesem Amt habe es keinerlei Sensibilität für die 2002 eröffnete Besitzmöglichkeit für christliche „geistliche Stiftungen“ gegeben. In mehreren Fällen, in denen die Stiftung des Mor Gabriel-Klosters nicht eingreifen konnte, sei es daher zur Übergabe von Klöstern an (heute zumeist nicht mehr christlich dominierte) Dorfgemeinden gekommen. Ergün kündigte an, dass er sich sowohl an die „Generaldirektion der Stiftungen“ in Ankara (die eine eigene Abteilung für christliche Stiftungen hat) als auch an die Gerichte wenden werde.

Seitens der Stiftung des Mor Gabriel-Klosters wurde auch darauf verwiesen, dass die Vorgangsweise in der Provinz Mardin eine Verletzung des Friedensvertrags von Lausanne 1923 darstelle. Im Artikel 42/3 des Vertrags habe sich die türkische Regierung verpflichtet, alle Kirchen, Klöster, Synagogen, Friedhöfe usw. der Minoritäten zu schützen. Darüberhinaus sei auch festgelegt worden, dass die Regierung sich nicht gegen die Etablierung neuer „geistlicher Stiftungen“ wenden und ihnen die gleichen Besitzrechte wie den althergebrachten Stiftungen zueignen werde. Zugleich sei im Lausanner Vertrag vorgesehen, dass alle auf die Minoritäten bezüglichen Bestimmungen den Charakter von Grundgesetzen haben sollen, die durch keinerlei Gesetze, Verordnungen etc. geändert werden können. Dies sei bei den Vorgängen in der Provinz Mardin eindeutig missachtet worden. (ende)