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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Die Ökumene und das „spannungsreiche Verhältnis“ von Theologie und Geschichte

Der „Pro Oriente“-Summer Course erwies sich bereits zum dritten Mal als ideale Plattform für die Begegnung von ökumenisch interessierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftlern mit erstklassigen Fachleuten und zugleich als wirksames Instrument interdisziplinärer Vernetzung

Wien, 07.07.17 (poi) Das „spannungsreiche Verhältnis“ von Theologie und Geschichte war Zentralthema für den diesjährigen „Pro Oriente“-Summer Course. Bereits zum dritten Mal erwies sich der „Summer Course“ als ideale Plattform für die Begegnung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftlern mit erstklassigen Fachleuten vor allem aus den Bereichen Theologie und Geschichte. Zugleich ging es in der guten Atmosphäre des Wiener Kardinal König Hauses um die Möglichkeit zur internationalen und interdisziplinären Vernetzung junger ökumenisch interessierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und um den Austausch zwischen ihnen, wie die Leiterin des „Pro Oriente“-Generalsekretariats (und Initiatorin des Modells „Summer Course“), Regina Augustin, berichtet. Insgesamt waren 27 Teilnehmende aus acht Nationen und drei Konfessionsfamilien beteiligt. Zur Eröffnung am 3. Juli hatte sich auch der steirische evangelisch-lutherische Superintendent Hermann Miklas (Vorsitzender des Ökumenischen Forums christlicher Kirchen in der Steiermark und Ehrenmitglied von „Pro Oriente“) eingefunden.

Ausgangspunkt der Referate und Workshops war die Erkenntnis, dass die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der wechselvollen Geschichte der „einen“ Kirche für die „vielen“ Kirchen in ihrem Denken und Handeln noch keine Selbstverständlichkeit darstellt. In der Einladung zum „Summer Course“ hieß es daher auch: „Die (geforderte) Treue zur Tradition und die (vorgebliche) Unwandelbarkeit der Lehre befördern eine ‚ahistorische‘ Theologie, die ihre Reflexionen über den christlichen Glauben unabhängig vom historischen Kontext zu formulieren versucht“. Eine solche „zeitenthobene“ Theologie erschwere den ökumenischen Dialog. Wenn es den Kirchen nicht gelinge, die gemeinsam erlebte und dennoch verschieden interpretierte Vergangenheit (selbst)kritisch wahrzunehmen und zu prüfen, dann sei eine Wiederherstellung der Einheit der Kirchen in weiter Ferne. Andererseits gebe es aber auch viele positive Initiativen und Erfahrungen im Rahmen der ökumenischen Arbeit, wenn sich die Beteiligten aus Kirchenleitungen, Theologie und Geschichtswissenschaft dessen bewusst sind, „dass eine Versöhnung nur dann erreicht werden kann, wenn die Konfliktgründe in ihrem jeweiligen Kontext gesehen und analysiert werden, sodass eine neue Vertrauensbasis entstehen kann“.

Partner von „Pro Oriente“ bei der Durchführung des Projekts „Summer Course“ waren in diesem Jahr das Institut für Historische Theologie (Fachbereich Theologie und Geschichte des christlichen Ostens) der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät und das Paderborner Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik. Referierende waren die deutsche evangelische Theologin Dagmar Heller, Dekanin am Ökumenischen Institut in Bossey (und Exekutivsekretärin der Weltkirchenrats-Kommission für Glaube und Kirchenverfassung/“Faith and Order“), der Direktor des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik, Prof. Johannes Oeldemann, der Inhaber des Lehrstuhls für christlich-orthodoxe Theologie am „Centrum für Religiöse Studien“ (CRS) der Universität Münster, Prof. Assaad Elias Kattan, die katholische Theologin Andrea Riedl (Vorstandsmitglied von „Pro Oriente“), der orthodoxe Theologe Stefanos Athanasiou vom Department für Christkatholische Theologie in Bern und der Theologe und Historiker Roland Cerny-Werner von der Katholisch-Theologischen Fakultät Salzburg.

Prof. Oeldemann analysierte die Prägemerkmale der Identität der verschiedenen christlichen Konfessionen und deren historische Entwicklung. Ausgehend von dieser kirchenhistorischen Bestandsaufnahme wandte er sich den heiklen Fragen der „Kunst des Verstehens“ zu: Führt eine historische Kontextualisierung dogmatischer Formulierungen zur Relativierung der „wahren“ Lehre? Wie kann man zwischen Wandelbarem und Unwandelbarem in der Kirche unterscheiden? Oeldemann: „Nur wenn man sich diesen Fragen offen und selbstkritisch stellt, kann der geschichtliche Wandel der Theologie und des Selbstverständnisses der Kirchen als Herausforderung und Chance für den ökumenischen Dialog erkannt werden“.

Prof. Kattan setzte sich mit der Frage auseinander, wie die Dogmen zu verstehen sind. Im Gespräch mit den jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern führte er als Beispiel u.a. die Wiener Christologischen Formel von 1971 an, und verdeutlichte, wie terminologische Missverständnisse, die viele Jahrhunderte kirchentrennend waren, überwunden werden können. Man müsse sich vor Augen halten, dass Texte – auch dogmatische Texte – immer Antworten auf Fragen einer bestimmten Zeit sind. Anhand zweier Thesen des Sankt-Irenäus-Arbeitskreises versuchte er den Studieren zu vermitteln, wie ein gemeinsames Verständnis einer Dogmen-Hermeneutik erarbeitet werden kann. Die historische Bedingtheit von Dogmen, die jeweilige Sprache, sind „Marker“ dafür, dass Dogmen begrenzt sind.

Prof. Heller stellte den Beitrag von theologischen Dialogen zur Versöhnung zwischen Kirchen in den Mittelpunkt. Aus ihrer Genfer Erfahrung schilderte sie die Dialoge zwischen den orientalisch-orthodoxen und den byzantinisch-orthodoxen Kirchen, zwischen der römisch-katholischen Kirche und dem Ökumenischen Patriarchat, zwischen der römisch-katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund und zwischen dem Lutherischen Weltbund und den Mennoniten. Dabei zeigte sie auf, welche Konfliktpunkte zwischen den jeweiligen Kirchen zur Spaltung führten, wie sie aufgearbeitet wurden, welche Voraussetzungen dazu nötig waren und welche Methoden dabei entwickelt und angewandt wurden.

Die Referate waren bereits dialogisch angelegt, in den drei Workshops wurde dieses Arbeitsprinzip noch vertieft. Im Workshop 1 („Kirchenbild und Kircheneinheit“, Leitung: Andrea Riedl/München) wurde davon ausgegangen, dass immer schon Einheitsmodelle entwickelt, argumentiert und verteidigt wurden, die „letztlich ein Spiegel dessen sind, wie die jeweilige Kirche sich selbst versteht“. Der Gang durch die Geschichte zeige, dass Ekklesiologien („Kirchenbilder“) nie abstrakt oder unveränderlich, sondern immer schon historisch gewachsen sind und dementsprechend in ihrem Kontext interpretiert und „entschlüsselt“ werden müssen.

Im Workshop 2 (Leitung: Roland Cerny-Werner/Salzburg) ging es um die Frage: Wozu braucht man Kirchengeschichte? Ausgangspunkt war die Überzeugung, dass Geschichte und Theologie untrennbar miteinander verbunden sind, weil die Kirche seit 2.000 Jahren als gesellschaftlicher „Makro-Akteur“ wirkmächtig ist und ihre gesellschaftliche Relevanz in Spannungsfeldern unübersehbar die Geschichte der Menschheit begleitet. Am Beispiel der österreichischen Diözesansynoden nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil („eine spannende und wegweisende Epoche österreichischer Zeitgeschichte“) wurde nach der Relevanz der Kirchengeschichte als Wissenschaft und nach ihrer „Verortung“ in der Theologie gefragt.

Workshop 3 (Leitung: Stefanos Athanasiou/Bern) widmete sich einem spezifisch orthodoxen Thema: „Die Ungeschichtlichkeit der Geschichte. Die Bedeutung der Eschatologie für das orthodoxe Verständnis der Geschichte“. Dieses Verständnis geht davon aus, dass ohne eine ausformulierte Lehre vom Ende der Welt keine klare Geschichtsphilosophie zu formulieren ist, „weil eine Sache im Grunde nur nach ihrem Schluss vollkommen interpretiert und dargestellt werden kann“. Im Workshop wurde die orthodoxe Liturgie als ein Ort des historischen Gedenkens einerseits und der eschatologischen Hoffnung andererseits dargestellt. Aber auch die Texte der Väter wurden herangezogen, um die Bedeutung der Eschatologie für das Geschichtsverständnis in der orthodoxen Kirche und in den orthodox geprägten Gesellschaften darzulegen. (ende)