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Franz König

Pro Oriente

Große Feiern zum „Tag der Taufe der Rus“ in Kiew

Delegationen und Pilgergruppen aus vielen orthodoxen Kirchen in aller Welt kommen zu den Gottesdiensten der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Kirche in die ukrainische Hauptstadt, wo auch des 25. Jahrestages des „Konzils von Charkow“ gedacht wird – Prozession mit Marien-Ikonen aus allen Teilen der Ukraine - Metropolit Antonij (Pakanytsch) betont in Interview, dass sich die orthodoxe Kirche nicht in eine politisierte Situation drängen lassen wird – Appell zur Überwindung von Hass und Aggressionen

Kiew, 26.07.17 (poi) Der „Tag der Taufe der Rus“, der 28. Juli, wird heuer von der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche besonders eindrucksvoll gefeiert. Bereits am Donnerstagabend versammeln sich die Bischöfe der kanonischen orthodoxen Kirche – mit dem Metropoliten von Kiew, Onufrij (Berezowskij), an der Spitze -, hunderte Priester, Mönche und Nonnen sowie zehntausende Pilger aus allen Teilen der Ukraine am Fuß des Monuments für den Großfürsten Wladimir, um eine Fürbitt-Vigil zu halten. Vom Wladimir-Hügel zieht dann die große Prozession zum berühmten Höhlenkloster. An der Spitze der Prozession werden Marien-Ikonen aus allen Teilen der Ukraine getragen. Es handelt sich um Ikonen, die sich in den letzten 25 Jahren als wundertätig erwiesen haben. Während des ganzen Monats Juli sind diese Marien-Ikonen durch die ukrainischen Städte gepilgert. Gottesdienste und Gebete am 27. /28. Juli stehen im Zeichen des Gebets um den Frieden und um die Einheit der Kirche und des ukrainischen Volkes. Zugleich wird des 25. Jahrestages des „Konzils von Charkow“ gedacht, bei dem die Weichen für den Weg der kanonischen orthodoxen Kirche in der Ukraine gestellt wurden. „Damals wurde beschlossen, dass sich die orthodoxe Kirche in der Ukraine im Sinn der Synodalität (sobornost) auf der Basis des kanonischen Rechts entwickeln soll“, sagte der Kirchenkanzler der ukrainisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Antonij (Pakanytsch) von Boryspol, in einem Interview, das weltweit von orthodoxen Websites verbreitet wurde. Metropolit Antonij kündigte an, dass Delegationen und Pilgergruppen aus vielen orthodoxen Kirchen in aller Welt zur Feier des „Tages der Taufe der Rus“ nach Kiew kommen. Dabei gehe es nicht um Kirchendiplomatie, „unsere Freunde kommen, um mit uns die Heilige Eucharistie zu feiern, die Einheit der Orthodoxie zu betonen und gemeinsam für den Frieden in der Ukraine und in der Kirche zu beten“.

In dem Interview nahm der Metropolit auch zur aktuellen Situation in der Ukraine Stellung. Das Leben in der Ukraine sei sehr politisiert und leider gebe es Kräfte, die auch die orthodoxe Kirche in eine politisierte Situation drängen wollen: „Aber die Kirche wurde von unserem Herrn Jesus Christus nur zu dem einen Zweck gegründet, dass die Menschen zu Gott gelangen können“. Natürlich lebten auch die orthodoxen Gläubigen in einer „konkreten politischen Situation“, betonte Metropolit Antonij: „Wir lieben unsere Heimat, wir leiden mit ihr. Aber der gläubige Mensch unterscheidet sich vom Nichtglaubenden dadurch, dass er, obwohl er auf Erden lebt, Bürger des Himmels bleibt, wie es schon die Kirchenväter ausgedrückt haben“. Zweifellos sei das in einer Situation schwer zu leben, in der „alles von Aggression, Hass und Intoleranz erfüllt ist“. Aber es hänge von den Gläubigen ab, ihren inneren Frieden zu bewahren. Der gläubige Mensch habe nicht das Recht, auf Aggressionen mit Aggression zu antworten, „sonst würde er sich ja von den Nichtglaubenden nicht unterscheiden“: „Christus hat ein einziges Zeichen genannt, das die Gläubigen von den anderen Menschen unterscheiden soll, das ist die Nächstenliebe“. Bisweilen scheine das Ausmaß „des Hasses und der Verleumdung gegen die orthodoxe Kirche“ jedes menschliche Maß zu übersteigen, aber durch „Demut, Nächstenliebe und Gebet“ könnten die Gläubigen die Kraft Gottes erfahren.

Im Hinblick auf die Angriffe gegen die kanonische orthodoxe Kirche als „Moskauer Kirche“ erinnerte der Metropolit von Boryspol daran, dass die ukrainisch-orthodoxe Kirche eine weithin autonome Kirche mit unabhängiger Administration ist: „Wir sind mit dem Patriarchat von Moskau durch eine spirituelle, eucharistische Union verbunden und über das Patriarchat von Moskau mit der ganzen orthodoxen Weltkirche. Unsere Kirche ist von der ganzen orthodoxen Welt anerkannt, die schismatischen Strukturen sind es nicht“. Diese Tatsache werde in der Ukraine vielfach unter den Tisch gekehrt. In den Medien werde die tatsächliche religiöse Situation in der Ukraine entweder verschwiegen oder gröblich verzerrt dargestellt. Die Existenz der ukrainisch-orthodoxen Kirche als der orthodoxen Ortskirche in der Ukraine werde in Abrede gestellt. Die Schismatiker seien bemüht, eine Situation der Konfrontation in der Gesellschaft zu befeuern, „in einem Geist des Hasses und des Nationalismus, der unserem Volk fremd ist“. Patriotismus sei eine ganz andere Sache, keinesfalls dürfe er zum Anlass für Hass werden. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche sei die der ganzen Ukraine und nicht nur die eines bestimmten Landesteils, auch wenn man das jenen, die „nicht verstehen wollen, schwer erklären kann“. Es komme zu Aggressionen, beispielsweise seien der ukrainisch-orthodoxen Kirche in den letzten drei Jahren mehr als 40 Gotteshäuser – zumeist mit Waffengewalt - entzogen worden. Aber in vielen Orten, wo das geschehen sei, würden bereits dank des Eifers der Gläubigen neue orthodoxe Gotteshäuser erbaut.

Das Schisma sei ein großer Schmerz für jeden Gläubigen, stellte der Metropolit fest. Leider zeige die Situation der letzten Jahre, dass viele von Wiedervereinigung der Kirchen in der Ukraine nur reden. Die Vertreter der nichtkanonischen Strukturen täten alles, damit diese Einheit nicht zustande kommt. Die aggressiven Haltungen im Hinblick auf die ukrainisch-orthodoxe Kirche würden gerade in den nichtkanonischen Strukturen gepflegt. Um einander zu verstehen, seien elementare menschliche Beziehungen notwendig, „konstruktive Diskussionen“. Aber wenn einen die andere Seite nur als „Feind“ sehen wolle und offen „Mythen und Verleumdungen“ in die Welt setze, sei es sehr schwierig, sich über irgendetwas zu einigen, stellte Metropolit Antonij fest.

Der Metropolit betonte in dem Interview, dass die orthodoxe Kirche mit den Menschen in der Ukraine leide: „Die meisten Vertriebenen und Flüchtlinge aus dem östlichen Donbas sind unsere Pfarrangehörigen und wir unterstützen sie in jeder nur möglichen Weise. Wir suchen für sie Wohnungen und Arbeitsplätze, wir organisieren Sommerlager für die Kinder“. Kaum eine andere Organisation leiste so viel humanitäre Hilfe für die Menschen in der Konfliktzone wie die ukrainisch-orthodoxe Kirche. Wörtlich fügte der Metropolit hinzu: „Wir haben auch für die Freilassung von 15 jungen ukrainischen Soldaten gesorgt, aber niemand redet darüber“.

Man müsse endlich zum Verständnis gelangen, dass auf beiden Seiten Ukrainer leben, die darum ringen, ihre Kinder zu ernähren und zu überleben, unterstrich Metropolit Antonij. Es sei besonders schrecklich, dass Kinder, Zivilisten in den bewaffneten Auseinandersetzungen sterben: „Das ist unser Schmerz. Wir müssen alles tun, damit dieser Krieg so rasch wie möglich beendet wird“. Die Ukrainer müssten als einiges Volk ihre Zukunft „unter Beachtung der Besonderheiten der verschiedenen Regionen“ aufbauen. (forts)