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Franz König

Pro Oriente

„Rückkehr der Christen nach Mosul und in die Ninive-Ebene notwendig“

Chaldäisch-katholischer Patriarch Mar Louis Raphael Sako betont außerordentliche symbolische Bedeutung Mosuls für das mesopotamische Christentum – „Wenn die Christen nicht zurückkehren, besteht die Gefahr einer Veränderung der Demographie“

Bagdad-Erbil, 29.07.17 (poi) Die Notwendigkeit der Rückkehr der vertriebenen oder geflüchteten Christen nach Mosul und in die Orte der Ninive-Ebene hat der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako in einem Interview für die Internet-Ausgabe der französischen katholischen Zeitschrift „La Vie“ aus Anlass des Solidaritätsbesuchs des Erzbischofs von Lyon, Kardinal Philippe Barbarin, betont. „Wenn die Christen nicht in ihre Häuser und Wohnungen zurückkommen, werden andere Leute dort einziehen. Es besteht die Gefahr einer Veränderung der Demographie“, sagte der Patriarch wörtlich.

Zugleich betonte Mar Louis Raphael Sako die außerordentliche symbolische Bedeutung von Mosul für das Christentum im Zweistromland: „Es ist der Ursprungsort des Christentums in Mesopotamien“. Die Liturgie der Apostolischen Kirche des Ostens sei im berühmten „Bergkloster“ (dem späteren Kloster der Unbefleckten Empfängnis) auf einem Hügel über Mosul entwickelt worden. Die Terrorherrschaft der IS (Daesh)-Leute habe freilich einen abgrundtiefen Hass gegen alles Christliche sichtbar gemacht.

Trotzdem ist der Patriarch überzeugt, dass ein Miteinander mit den Muslimen möglich ist. Die Christen hätten viel für die Allgemeinheit getan, schließlich seien die ersten Ärzte, die ersten Advokaten Christen gewesen, die christlichen Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen hätten allen Bewohnern von Mosul gedient. Dieses Miteinander sei ihm ein Herzensanliegen. Deshalb habe er als Zeichen der Solidarität beim Mosul-Besuch mit Kardinal Barbarin Lebensmittelpakete für 3.000 Familien mitgebracht.

Die einzige Lösung für die Zukunft sieht Mar Louis Raphael Sako in einem „säkularen Staat mit der Trennung von Religion und Staat“, ein Staat mit gleichen Rechten für alle Bürgerinnen und Bürger. Leider habe es bisher im Irak kein Modell einer „inklusiven Bürgergesellschaft für alle, unabhängig vom Religionsbekenntnis“ gegeben. Die Religion müsse dargelegt, aber sie dürfe nicht aufgedrängt werden. Notwendig sei aber auch der wirtschaftlichen Wiederaufbau des Irak. Nur die Erdölförderung funktioniere, aber es gebe zu wenig Industrie und die Landwirtschaft sei stark zurückgegangen, obwohl sie vor 2003 gute Ergebnisse erbracht habe. Der Tourismus, früher ein wichtiger Devisenbringer, liege völlig darnieder.

Große Sorge bereitet dem Patriarchen die Auswanderungsbewegung. Schon während des Krieges zwischen dem Irak und dem Iran (Erster Golfkrieg 1980/88) seien viele junge christliche Männer emigriert, um den Militärdienst zu vermeiden. Nach dem Sturz des Saddam Hussein-Regimes infolge des Einmarsches der US-Amerikaner und ihrer Alliierten seien dann viele Christen wegen der permanenten Unsicherheit, der islamistischen Agitation und der Wirtschaftskrise emigriert. Heute gebe es zwar keine Statistiken, aber es sei die Rede von zirka 500.000 Christen im Irak. Vor 2003 seien es drei Mal mehr gewesen.

Im Gespräch mit „La Vie“ achtete Mar Louis Raphael Sako darauf, die Schwierigkeiten nicht kleinzureden. Zum Beispiel habe es an der Universität Mosul rund 10.000 christliche Studenten gegeben. Die Studenten seien heute alle in Bagdad, Erbil oder Kirkuk. Er wisse nicht, ob sie zurückkehren wollen, „wenn sie all die Verschleierten sehen, die es früher in Mosul fast gar nicht gegeben hat“. Und für viele Christen aus Mosul sei das Verhältnis zu den muslimischen Nachbarn schwierig, sagte der Patriarch und berichtete aus seinen eigenen Erfahrungen: „Ich habe mir das Haus meiner Familie in Mosul angeschaut. Die Nachbarn haben alle Möbel und sonstigen Einrichtungsgegenstände an sich genommen. Sie haben mir gesagt, sie hätten nicht gewusst, ob und wann meine Familie zurückkommt. Sie wollten nichts Böses tun, aber sie hatten Bedarf. Das macht sie noch nicht zu Dieben“. Sorge bereitet Mar Louis Raphael Sako auch die Tatsache, dass etliche chaldäische Priester ausgewandert sind, um den Gemeinden in der Diaspora zu dienen: „Aber die erste Verpflichtung des Klerus ist es, hier zu bleiben. Sonst gehen alle Christen weg“.

Eindringlich appellierte der Patriarch an die Christen des Westens, die orientalischen Christen „in ihrem Widerstand, ihrer Hoffnung und ihrem Zeugnis“ zu unterstützen. Durch ihre Spiritualität seien die Christen des Orients, eine Stütze für die ganze Weltkirche: „Wir stehen für den Ursprung des Christentums, daher hat unsere Präsenz im Nahen Osten einen tiefen Sinn“. Durch Besuche wie den von Kardinal Barbarin – der mit einer kleinen Bischofsdelegation in den Irak gekommen war – spürten die orientalischen Christen, dass sie nicht isoliert sind, „auch wenn die Haltung der Kirche im Westen bisweilen ‚schüchtern‘ erscheint“.

Kardinal Barbarin „bewegt und bestürzt“

Kardinal Barbarin hat nach seiner Rückkehr aus Mosul im Gespräch mit „Radio Vatikan“ berichtet, wie bewegt und bestürzt er über das sei, was er in der Tigris-Metropole gesehen habe. In besonderer Weise habe er des 2008 ermordeten chaldäischen Erzbischofs von Mosul, Paulos Faraj Rahho gedacht. Der Erzbischof war am 29. Februar 2008 auf dem Rückweg von einem Kreuzweg-Gottesdienst entführt worden, sein Fahrer und seine beiden Begleiter wurden von den Terroristen sofort erschossen. Erst am 13. März 2008 wurde die Leiche des Erzbischofs auf einem Müllabladeplatz am Stadtrand von Mosul gefunden.

Trotz allem habe er Hoffnung, sagte der französische Kardinal. Vielleicht könne auch die Partnerschaft zwischen Lyon und Mosul ein Ansporn für Vertriebene sein, in ihre Heimat zurückzukehren. Aber das Trauma des IS und der vorangegangenen Untaten seit 2003 sei natürlich in der Stadt überall präsent. Und doch habe er das Vertrauen, „dass die Stadt es schaffen wird“, so Barbarin. Er stelle sich die Debatten innerhalb der christlichen Gemeinschaften und Familien vor, ob man zurückkehren solle. Aber dann müsse er an das Beispiel von Mar Louis Raphael Sako denken, der ihm berichtet habe, dass er drei Mal vertrieben worden sei.

Wendung in Alqosh

t in der Ninive-Ebene, wo der christliche Bürgermeister Fayez Abed Jawahreh wegen angeblicher Korruption abgesetzt wurde, eine neue Wendung ergeben. Die chaldäisch-katholische Christin Lara Yousif Zara wurde zur neuen Bürgermeisterin von Alqosh gewählt; zunächst hatte der Vorsitzende des provisorischen Provinzrates von Ninive, Bashar Al-Kiki, den Kurden Adel Amin als Bürgermeister eingesetzt. Die neue Bürgermeisterin wurde 1982 geboren, 2006 machte sie einen Universitätsabschluss in Wirtschaft und Management. Sie ist Mitglied der kurdischen Regierungspartei KDP und hatte für das Regionalparlament in Erbil kandidiert, war aber nicht gewählt worden.

Die Wahl von Lara Yousif Zara könnte die Spannungen und den Unmut mildern, der in der Ninive-Ebene nach der Absetzung von Fayez Abed Jawahreh aufgekommen war, heißt es in einem Bericht der katholischen Nachrichtenagentur „Fides“. Die Absetzung von Abed Jawahreh war als Schachzug von kurdischen politischen Kräften interpretiert worden, die eine Einbeziehung der Ninive-Ebene in das kurdische Gebiet anstreben, in dem am 25. September ein Unabhängigkeitsreferendum stattfinden wird. Die internationale assyrische Nachrichtenagentur AINA berichtete allerdings, dass auch Lara Yousif Zara von vielen Bewohnern von Alqosh abgelehnt werde. Die Absetzung von Abed Jawahreh sei illegal gewesen, Bashar Al-Kiki habe gehandelt, ohne die anderen Mitglieder des provisorischen Provinzrates zu fragen. (ende)