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Franz König

Pro Oriente

Katholische Patriarchen des Nahen Ostens appellieren an Papst Franziskus

„Osservatore Romano“ verbreitet „Hilferuf“ – Exodus der orientalischen Christen bedeutet „Genozid“, der eine „menschliche Katastrophe“ und eine „Beleidigung der ganzen Menschheit“ darstellt

Vatikanstadt-Beirut, 14.08.17 (poi) Einen Hilferuf an Papst Franziskus haben die katholischen Patriarchen des Nahen Ostens zum Abschluss ihrer Konferenz im libanesischen Dimane, dem Sommersitz des maronitischen Patriarchen, formuliert. Nur der Papst könne die Mächtigen der Welt dazu bewegen, der Situation der Christen im Nahen Osten Aufmerksamkeit zu widmen, heißt es in dem Hilferuf, der von der offiziösen Vatikanzeitung „L‘Osservatore Romano“ verbreitet wurde. Die Patriarchen prangern den erzwungenen Exodus der Christen aus den Regionen des Nahen Ostens an, dem die internationale Gemeinschaft tatenlos zusehe. Es handle sich um einen „Genozid“, der eine „menschliche Katastrophe“ und eine „Beleidigung der ganzen Menschheit“ darstelle. Die Patriarchen erinnern daran, an wie vielen Tagungen, Seminaren, Begegnungen aller Art sie teilgenommen haben, um der Welt die Schändlichkeit des Schicksals begreiflich zu machen, das den Christen auferlegt wurde: „Aber wir sind keine ‚Nation‘ mit weitgespannten Grenzen, die die Aufmerksamkeit der Giganten der Finanzwelt auf sich zieht; wir sind nur eine friedfertige ‚kleine Herde‘“. Die orientalischen Kirchen hätten im Nahen Osten seit den Tagen der Apostel geblüht, aber jetzt sei ihre Existenz „akut in Gefahr“. Bei den Beratungen in Dimane war auch der Apostolische Nuntius im Libanon, Erzbischof Gabriele Caccia, anwesend. Am ersten Tag der Begegnung gab es eine Begegnung mit den nichtkatholischen Patriarchen Youhanna X. (antiochenisch-orthodoxe Kirche), Mar Ignatius Aphrem II. (syrisch-orthodoxe Kirche) und Aram I. (armenisch-apostolische Kirche), die die Sorge ihrer katholischen Amtsbrüder teilen.

Es sei Zeit, zum „Zeugnis der Wahrheit“ einen „prophetischen Appell“ zu formulieren, heißt es in der Erklärung der katholischen Patriarchen des Nahen Ostens: „Wir bleiben unserer orientalischen Identität und unserer Mission treu. In der Sorge um unsere klein gewordene Herde sind wir betrübt angesichts des Ausblutens unserer christlichen Gemeinschaften, die ihre Heimat im Nahen Osten verlassen. Die Unterdrücker, die in voller Absicht handeln, die Toren, die unsere Friedfertigkeit missbrauchen, sollen sich bewusst sein, dass die Gerechtigkeit Gottes das letzte Wort haben wird“. Die Christen seien jetzt gleichsam der Sauerteig, das Licht einer Welt, die sich nach dem „lebenspendenden Geist“ sehnt: „Wir bleiben dem Land der Väter und der Vorfahren treu, gegen alle Hoffnung hoffen wir auf eine Zukunft, in der wir – als Teil eines authentischen Erbes – als Quelle des Reichtums für unsere Gesellschaften und für die universale Kirche in Ost und West verstanden werden“.

Es sei Aufgabe der Christen, die Wahrheit in Liebe zu verkünden, mit Mut für die Legitimität der Trennung zwischen Staat und Religion in den Verfassungen der nahöstlichen Staaten einzutreten „und für die Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger im Hinblick auf Rechte und Pflichten, ohne Unterschied der religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit“. Vor allem dieser Punkt sei eine unverzichtbare Bedingung für die Sicherheit der Christen.

Ausdrücklich wenden sich die Patriarchen auch an die internationale Gemeinschaft, an die Vereinten Nationen und an die direkt in „Syrien, Irak, Palästina“ involvierten Regierungen mit dem dringenden Appell, die Kriege und kriegerischen Auseinandersetzungen zu stoppen. Das Ziel dieser Kriege sei nur allzu klar, es gehe darum, zu zerstören, zu töten, zum Exodus zu zwingen, den Geist der Intoleranz zwischen Religionen und Kulturen zu verbreiten. Wörtlich heißt es in der Erklärung: „Das Fortdauern dieser Situation und die Unfähigkeit, in der Region einen gerechten, umfassenden und dauerhaften Frieden herzustellen, der den Vertriebenen die Rückkehr an den heimatlichen Herd in Würde und Gerechtigkeit ermöglicht, wird für das ganze 21. Jahrhundert ein Schandfleck bleiben“.

In der Erklärung wird die Vorbildfunktion des Libanon gewürdigt, mit dessen Präsidenten Michel Aoun die Patriarchen zusammentrafen. Der Libanon sei ein demokratisches Modell, das die arabischen Länder nachahmen sollten, „vor allem im Hinblick darauf, dass es im Libanon keine Staatsreligion gibt“. Allerdings könne der Libanon die Belastung durch die große Zahl von syrischen und palästinensischen Flüchtlingen nicht mehr weiter tragen, die politische, wirtschaftliche und soziale Sicherheit des Landes sei bedroht.

Nuntius Caccia versicherte den Patriarchen die Aufmerksamkeit des Papstes „und der ganzen Weltkirche“ für die Situation der orientalischen Christen. Das habe sich u.a. in der Sonderbischofssynode von 2010 gezeigt. Der päpstliche Vertreter betonte seine Hoffnung, dass es durch die Unterstützung „von Seiten Russlands und der Vereinigten Staaten“ im Syrien-Konflikt zu einer politischen Lösung kommt, die „zum Frieden, zur Gerechtigkeit und zur Stabilität“ führt.

„Chaos ist größte Gefahr für die Christen“

„Das Chaos ist die größte Gefahr für die Christen im Nahen Osten“, sagte der syrisch-katholische Patriarch Ignace III. Younan, unmittelbar nach dem Patriarchentreffen in Dimane im Gespräch mit „Radio Vatikan“. Wörtlich meinte der Patriarch: „Wir haben die Pflicht, an die Zukunft unserer Kirchen zu denken. Da sind wir auf die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft sowie auf die Weltkirche angewiesen. Wir sind bereit, Christus auf dem Weg der Passion zu folgen, doch wir akzeptieren nicht, dass unsere Kirchen für andere Zwecke geopfert werden“. Damit meinte der Patriarch die politischen Abmachungen, die die westliche Großmächte mit den örtlichen und regionalen Machthabern treffen. Die Christen in der Region fühlten sich oft als Spielball missbraucht und fürchten nun, dass diese Tendenz nach dem Wiederaufbau des Iraks und Syriens nochmals verstärkt werden könnte.

Den Patriarchen sei es aber wichtig gewesen, in Dimane auch ein „Wort der Hoffnung“ zu verkünden: „Unsere Gläubigen und Gemeinschaften leben in einer sehr schwierigen Zeit, doch wo Gott uns prüft, da schenkt er auch seine Güte. Wir fühlen uns als Zeugen unseres Glaubens und das soll uns auch für die Zukunft stärken“. (ende)