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Franz König

Pro Oriente

Patriarch von Antiochien fordert internationale Friedensinitiative für Nahen Osten

Youhanna X. bei der großen orthodoxen Wallfahrt auf den Heiligen Berg von Grabarka im östlichen Polen – Internationale Pilgerfahrt zur Ikone der Barmherzigen Muttergottes in Vilnius

Warschau-Vilnius, 20.8. 17 (poi) Eine internationale Friedensinitiative für den Nahen Osten hat der orthodoxe Patriarch von Antiochien Youhanna X. am Sonntag bei der traditionellen Wallfahrt zum Fest Verklärung Christi auf dem Heiligen Berg von Grabarka in der ostpolnischen Landschaft Podlachien gefordert. Vor rund 30.000 Pilgern sagte der Patriarch – dessen Bruder, der orthodoxe Metropolit von Aleppo, im Jahr 2013 zusammen mit seinem syrisch-orthodoxen Amtskollegen Mar Gregorios Youhanna Ibrahim von „Unbekannten“ entführt worden ist –, dass der vom Nahen Osten ausgehende Terrorismus und Extremismus zur Gefahr für die ganze Welt werde. Die Menschen im Nahen Osten hätten ein Recht auf ein „Leben in Sicherheit“. Es sei Aufgabe der internationalen Gemeinschaft, im Nahen Osten für die Wiederherstellung friedlicher Verhältnisse zu sorgen. Nur so könne auch der Exodus der Christen aus dem Ursprungsland des Christentums gestoppt werden. Bei dem Pilgergottesdienst mit dem Patriarchen war auch der polnische Staatspräsident Andrzej Duda anwesend. Patriarch Youhanna X. hatte bereits im August des Vorjahrs Polen einen offiziellen Besuch abgestattet.

Der Heilige Berg von Grabarka in der stark orthodox geprägten Landschaft Podlachien ist der bedeutendste orthodoxe Wallfahrtsort in Polen. Seit langem bringen die Pilger Holzkreuze auf den Heiligen Berg mit, die dann dort als Votivkreuze hinterlassen werden. Einen ähnlichen „Berg der Kreuze“ gibt es auch im katholischen Bereich, unweit der litauischen Stadt Siauliai. Die Geschichte des Heiligtums auf dem Hügel von Grabarka reicht ins 13. Jahrhundert zurück, als während der mongolischen Invasion eine Christus-Ikone aus dem nahen Mielnik in den Wäldern von Grabarka verborgen wurde, um sie vor Zerstörung oder Diebstahl zu bewahren. 1710 hatte ein Bewohner der Gegend während einer Cholera-Epidemie die Vision, dass eine Pilgerfahrt auf den Heiligen Berg die Krankheit zum Erlöschen bringen würde, was der Legende zufolge dann auch tatsächlich geschah. Zum Gedenken wurde eine kleine hölzerne Kirche auf dem Heiligen Berg errichtet. In der Zeit der russischen Herrschaft wurde zwischen 1884 und 1895 eine neue Kirche gebaut, die die dramatischen Ereignisse von 1914 bis 1921 und von 1939 bis 1946 unbeschadet überstand. 1990 fiel sie einer Brandstiftung zum Opfer, wurde aber bis 1998 originalgetreu wiedererrichtet. 1947 entstand das Maria-Marta-Nonnenkloster auf dem Heiligen Berg, wo vor allem orthodoxe Nonnen aus den sowjetisch gewordenen Gebieten Zuflucht fanden. 1956 wurde die Kirche des neuen Klosters geweiht.

Das Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Polen, Metropolit Sawa (Hrycuniak), konnte außer Patriarch Youhanna X. weitere orthodoxe Bischöfe aus dem Ausland in Grabarka begrüßen, so den Erzbischof der autonomen Kirche des Sinai, Damianos (Samartsis), der Reliquien der Heiligen Katharina aus dem ihr geweihten Kloster mitbrachte, die jetzt durch die orthodoxen Gotteshäuser Polens „pilgern“ werden, sowie als Repräsentanten des Ökumenischen Patriarchen den Metropoliten von Belgien, Athenagoras (Peckstadt). In den vergangenen Jahren hatten sowohl der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. als auch der Moskauer Patriarch Kyrill I. den Heiligen Berg von Grabarka besucht.

Die Ikone vom „Tor der Morgenröte“

In der sarmatischen Landschaft, die sich über Ostpolen, Litauen, Weißrussland erstreckt, fand zeitgleich mit der großen orthodoxen Wallfahrt auf den Heiligen Berg von Grabarka ein weiteres religiöses Großereignis statt: Die alljährliche Wallfahrt zur Ikone der Barmherzigen Muttergottes in Vilnius (Wilna), die in der Kapelle des „Tores der Morgenröte“ (Ausros Vartai/Ostra Brama) von Katholiken wie Orthodoxen verehrt wird.

In Polen startete die Wallfahrt am 16. August, am 24. August werden die Wallfahrer in der litauischen Hauptstadt eintreffen. Die Wallfahrt sei eine Einladung, die Gottes- und Nächstenliebe zu vertiefen, sagte der neue Erzbischof von Bialystok, Tadeusz Wojda. Der Priester Lukasz Zuk, der die Wallfahrt leitet, betonte die ökumenische Bedeutung des Ereignisses. Die Pilgerfahrt führe nicht nur durch drei Länder (Polen, Weißrussland, Litauen), die Pilger könnten auch die Gastfreundschaft der Orthodoxen, der Katholiken und anderer Christen erfahren.

Die Ikone der Muttergottes vom „Tor der Morgenröte“ ist eines der bedeutendsten Heiligtümer des ganzen sarmatischen Raumes. Im Jahre 1652 kam die Ikone nach Vilnius. Der Schöpfer der Ikone ist nicht bekannt. Sie wird manchmal dem Krakauer Meister Lukasz zugeschrieben, der 1624 eine ähnliche Ikone für die Krakauer Fronleichnamskirche malte. Es gibt jedoch auch andere Versionen zur Herkunft der Ikone, etwa dass Großfürst Algirdas (polnisch Olgierd) sie von der Krim mitgebracht habe. Eine wissenschaftliche Untersuchung aus dem Jahre 1927 ergab, dass die Ikone „wahrscheinlich“ aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stammt und „vermutlich“ von einem italienischen Meister geschaffen wurde. Die Ikone erhielt 1671 ein goldenes Gewand, so dass nur noch das Gesicht der Muttergottes und ihre Hände zu sehen sind. Am 4. September 1993 betete Papst Johannes Paul II. vor der Ikone.

Das Gnadenbild von Ostra Brama spielt auch in der Literatur, vor allem in der polnischen, eine große Rolle, etwa im Versepos „Pan Tadeusz“ von Adam Mickiewicz. (ende)