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Franz König

Pro Oriente

Erstmals gemeinsamer Appell von Papst und Ökumenischem Patriarchen für Bewahrung der Schöpfung

Botschaft zum Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung wurde am Freitagmorgen zeitgleich vom Vatikan und vom Phanar veröffentlicht – Eindringlicher Appell an die Politiker in Sachen Klimawandel

Vatikanstadt-Istanbul, 01.09.17 (poi) Im Zeichen der intensivierten ökumenischen Annäherung zwischen katholischer und orthodoxer Kirche haben Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. erstmals zum Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung am 1. September (dem Beginn des orthodoxen Kirchenjahrs) und zur anschließenden „Schöpfungszeit“ (die bis zum Fest des Heiligen Franziskus am 4. Oktober dauert) eine gemeinsame Botschaft veröffentlicht. Papst Franziskus hatte die gemeinsame Initiative bei der Generalaudienz am Mittwoch mit den Worten angekündigt, es gehe um eine Einladung, im Hinblick auf die Schöpfung eine „respektvolle und verantwortungsbewusste Haltung“ einzunehmen: „Wir appellieren an alle, die Einfluss haben, den Schrei der Erde und den Schrei der Armen zu hören, die am meisten durch die Störung des ökologischen Gleichgewichts leiden“. In einem Kommunique des Heiligen Stuhls am Donnerstag hieß es dann, die Einladung von Papst und Patriarch zu einem „einfachen und solidarischen“ Leben und zur „verantwortlichen Nutzung“ der Naturschätze richte sich an alle Gläubigen und alle „Menschen guten Willens“. Der Vatikan und der Phanar veröffentlichten die gemeinsame Botschaft am Freitag zeitgleich um 8 Uhr MEZ in sieben Sprachen.

Der Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung am 1. September war vom Ökumenischen Patriarchat im Jahr 1989 eingeführt worden. Bald wurde die Initiative auch von den anderen christlichen Kirchen übernommen. Offiziell wurde der Weltgebetstag für die katholische Kirche von Papst Franziskus im Jahr 2015 eingeführt; wörtlich stellte der Papst damals fest: „In Gebetsgemeinschaft mit unseren orthodoxen Brüdern und mit allen Menschen guten Willens wollen wir einen Beitrag zur Überwindung der ökologischen Krise leisten, die die Menschheit derzeit erlebt“.

Würde und Wohlergehen des Menschen „sind tief mit unserer Sorge um die ganze Schöpfung verbunden“, betonen Franziskus und Bartholomaios in ihrer gemeinsamen Botschaft mit Verweis auf den Schöpfungsbericht. Jedoch habe die Menschheit Gottes Auftrag, für das „erhabene Geschenk“ der Schöpfung gemeinsam Sorge zu tragen, bis heute mit Füßen getreten. Wörtlich stellen Papst und Patriarch fest: „Unsere Neigung, das feine und ausgewogene Ökosystem zu stören, unsere unersättliche Lust, die begrenzten Ressourcen zu manipulieren und zu kontrollieren, und unsere Gier nach grenzenlosem Gewinn an den Märkten – all das hat uns dem ursprünglichen Ziel der Schöpfung entfremdet. Wir achten die Natur nicht mehr als ein gemeinsames Geschenk; stattdessen betrachten wir sie als einen privaten Besitz. Wir verbinden uns nicht mit der Natur, um sie zu erhalten; stattdessen herrschen wir über sie, um unsere eigenen Konstrukte abzusichern.“

Die Folgen seien „tragisch und dauerhaft“. Die Auswirkungen des Klimawandels beträfen vor allem jene, „die in Armut im letzten Winkel dieser Welt leben. Unsere Verpflichtung, die Güter der Erde verantwortungsbewusst zu gebrauchen, beinhaltet die Anerkennung und die Achtung gegenüber allen Menschen und allen Lebewesen“. Alle Menschen, insbesondere Verantwortungsträger in Wirtschaft und Weltpolitik, müssten „den Schrei der Erde hören“ und sich um die Menschen kümmern, die in diesem Szenario „an den Rand“ gedrängt würden.

Vor allem mit Blick auf die aktuellen Divergenzen beim Klimaschutz rufen Franziskus und Bartholomaios eindringlich zu einem „Konsens der Welt“ auf. Die Staatenvertreter sollten „auf die Bitte von Millionen antworten“, um die „verwundete Schöpfung“ zu heilen, formulieren die Bischöfe des Alten und des Neuen Rom gemeinsam: „Wir sind überzeugt, dass es keine echte und nachhaltige Lösung zur Veränderung der ökologischen Krise und des Klimawandels gibt, wenn wir keine übereinstimmende und gemeinsame Antwort geben, wenn wir nicht zusammen Verantwortung und Rechenschaft übernehmen, wenn wir nicht der Solidarität und dem Dienst den Vorzug geben“.

Anlässlich des Weltgebetstages laden Papst und Patriarch „alle Menschen guten Willens“ zum Gebet für die Schöpfung ein. Dieses Gebet könne dazu beitragen, „unsere Wahrnehmung der Welt zu verändern, um unsere Beziehung zur Welt zu erneuern“, schreiben sie in ihrer Botschaft. Es gehe darum, sich „mutig eine größere Einfachheit und Solidarität“ im Leben zu eigen zu machen. Der dringende Aufruf, für die Schöpfung Sorge zu tragen, sei eine Einladung an alle Menschen, auf eine „nachhaltige und ganzheitliche Entwicklung“ hinzuwirken.

Wortlaut der gemeinsamen Botschaft

Die gemeinsame Botschaft von Franziskus und Bartholomaios lautet in offizieller deutscher Übersetzung: Der Schöpfungsbericht gewährt uns einen herrlichen Rundblick über die Welt. Die Heilige Schrift offenbart, dass Gott „im Anfang“ wollte, dass die Menschheit bei der Erhaltung und Bewahrung der natürlichen Umwelt mitarbeite. Zu Beginn, wie wir im Buch Genesis lesen, „gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher und wuchsen noch keine Feldpflanzen; denn Gott, der Herr, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen und es gab noch keinen Menschen, der den Erdboden bearbeitete“ (Gen 2,5). Die Erde wurde uns anvertraut als ein erhabenes Geschenk und Vermächtnis, für das wir alle gemeinsam Verantwortung tragen, bis „am Ende“ in Christus alles zusammengeführt wird, alles, was im Himmel und auf Erden ist (vgl. Eph 1,10).

Unsere menschliche Würde und unser Wohlergehen sind tief mit unserer Sorge um die ganze Schöpfung verbunden.
In der „Zwischenzeit“ zeigt uns die Weltgeschichte jedoch ein ganz anderes Bild. Es offenbart ein Szenario im moralischen Verfall, in dem unsere Haltung und unser Benehmen gegenüber der Schöpfung unseren Ruf als Mitarbeiter Gottes verdunkeln. Unsere Neigung, das feine und ausgewogene Ökosystem zu stören, unsere unersättliche Lust, die begrenzten Ressourcen des Planeten zu manipulieren und zu kontrollieren, und unsere Gier nach grenzenlosem Gewinn an den Märkten – all das hat uns dem ursprünglichen Ziel der Schöpfung entfremdet. Wir achten die Natur nicht mehr als ein gemeinsames Geschenk; stattdessen betrachten wir sie als einen privaten Besitz. Wir verbinden uns nicht mit der Natur, um sie zu erhalten; stattdessen herrschen wir über sie, um unsere eigenen Konstrukte abzusichern.

Die Folgen dieser abweichenden Weltsicht sind tragisch und dauerhaft. Die menschliche Lebenswelt und die natürliche Umwelt verschlechtern sich gemeinsam und dieser Verfall des Planeten lastet auf seinen verwundbarsten Bewohnern. Die Auswirkung des Klimawandels betrifft vor allem jene, die in Armut im letzten Winkel dieser Welt leben. Unsere Verpflichtung, die Güter der Erde verantwortungsbewusst zu gebrauchen, beinhaltet die Anerkennung und die Achtung gegenüber allen Menschen und allen Lebewesen. Der dringende Aufruf und die Aufgabe, für die Schöpfung Sorge zu tragen, sind eine Einladung an alle Menschen, auf eine nachhaltige und ganzheitliche Entwicklung hinzuwirken.

Wir sind in derselben Sorge um die Schöpfung Gottes verbunden und bekennen, dass die Erde ein gemeinsames Gut ist. Daher laden wir eindringlich alle Menschen guten Willens ein, am 1. September eine Zeit dem Gebet für die Umwelt zu widmen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir dem liebenden Schöpfer für das großherzige Geschenk der Schöpfung Dank sagen und ihm unseren Einsatz für ihren Schutz und ihre Bewahrung um der künftigen Generationen willen versprechen. Schließlich wissen wir, dass wir vergeblich arbeiten, wenn nicht der Herr uns zur Seite steht (vgl. Ps 127), wenn das Gebet nicht im Zentrum unserer Reflexion und Feier steht. Ein Ziel unseres Gebets ist nämlich, unsere Wahrnehmung der Welt zu verändern, um unsere Beziehung zur Welt zu erneuern. Das Ziel unseres Versprechens ist, uns mutig eine größere Einfachheit und Solidarität in unserem Leben zu eigen zu machen.

Wir richten einen dringenden Appell an die gesellschaftlichen und ökonomischen wie auch politischen und kulturellen Verantwortungsträger, den Schrei der Erde zu hören und sich um die Nöte der an den Rand Gedrängten zu kümmern. Ganz besonders sollen sie aber auf die Bitte von Millionen antworten und den Konsens der Welt zugunsten der Heilung unserer verwundeten Schöpfung unterstützen. Wir sind überzeugt, dass es keine echte und nachhaltige Lösung zur Veränderung der ökologischen Krise und des Klimawandels gibt, wenn wir keine übereinstimmende und gemeinsame Antwort geben, wenn wir nicht zusammen Verantwortung und Rechenschaft übernehmen, wenn wir nicht der Solidarität und dem Dienst den Vorzug geben.

Aus dem Vatikan und dem Phanar, am 1. September 2017

Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios (ende)