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weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

„Europa braucht ‚christlichen Humanismus‘ und ‚gesunde Laizität‘“

Prager Theologe Tomas Halik bei der von „Pro Oriente“ gemeinsam mit „Renovabis“ und „G2W“ veranstalteten Konferenz „Europa – wohin?“: „Ein Christentum von gestern ist keine Hoffnung für das Europa von heute und morgen“

Wien, 16.03.18 (poi) Christlicher Glaube, der den mystischen Aspekt ernst nimmt und die notwendige Pluralität berücksichtigt, kann angesichts der tiefen Veränderungen auf dem europäischen Kontinent Hoffnung für die Zukunft geben, betonte der tschechische Theologe, Philosoph und Akademikerseelsorger Prof. Tomas Halik am Freitag bei dem von „Pro Oriente“ gemeinsam mit „Renovabis“ und „G2W“ an der Wiener Diplomatischen Akademie veranstalteten Konferenz „Europa – wohin?“. Eindringlich warnte Halik (der 1978 in der damaligen DDR geheim zum Priester geweiht worden war) vor jedem nostalgischen Rückgriff auf eine verklärte Christenheit der Vergangenheit. Wörtlich sagte der Theologe: „Ein Christentum von gestern ist keine Hoffnung für das Europa von heute und morgen“. Gebraucht werde im Sinn von „wirklicher Katholizität und tiefem Ökumenismus“ ein „christlicher Humanismus“ und eine „gesunde Laizität“. Notwendig seien theologische Denker, die kompetent in die gesellschaftliche Diskussion eingreifen können, so Halik: „Wir brauchen ‚public theologians‘ – wie etwa Kardinal Franz König einer war; er hat in für die heutigen Menschen verständlicher Sprache die Botschaft des Christentums zum Ausdruck gebracht“.

Kritisch äußerte sich Halik zu den aktuellen populistischen Strömungen in Europa. Frei nach Karl Marx könne man sagen, „ein Gespenst geht um in Europa, der neue Populismus“. Dieser Populismus betreibe oft „ein Geschäft mit Angst und Dummheit“. Der Erfolg mancher Populisten beruhe darauf, dass „sie das zum Ausdruck bringen, was Menschen denken, die nicht denken“. Der tschechische Theologe nannte als markantes Beispiel die „hysterische Angst vor Flüchtlingen, Migrationsbewegungen und Islamisierung“, die oft dort am größten sei, wo es gar keine Flüchtlinge gibt. Das politische Hauptziel der Populisten sei zweifellos die Desintegration der Europäischen Union.

Prof. Halik warnte vor jedem „ideologischen Missbrauch der Religion“ und jeder „Sakralisierung politischer Interessen“. Bei so manchem lautstarken Befürworter christlicher Traditionen habe man das Gefühl, dass er „noch nie die Bibel in der Hand gehalten hat“. Zugleich machte Halik deutlich, dass die oft mit den Migrationsbewegungen in Zusammenhang gebrachte Identitätskrise vor allem psychologische, kulturelle und geistige Wurzeln hat: „Wir haben unser Identitätsbewusstsein längst verloren. Was wir jetzt brauchen, ist die Debatte über die wahre christliche Identität unserer Zivilisation“.

Der tschechische Theologe brachte seine Überzeugung zum Ausdruck, dass trotz des Rückgangs des institutionellen Christentums in Europa die Säkularisierung „nicht das letzte Wort der geschichtlichen Entwicklung sein wird“. Unter Bezugnahme auf den aus Wien stammenden Religionssoziologen Peter L. Berger meinte Halik, dass der Trend in Richtung „Pluralisierung“ gehen werde. Die angemessene Antwort darauf bestehe in der „Vertiefung von Theologie und Spiritualität“. Als überholt bezeichnete er die Auseinandersetzungen zwischen „Konservativen“ und „Progressiven“ in der katholischen Kirche, beide überschätzten die Bedeutung des institutionellen kirchlichen Bereichs. In Zukunft werde man es mit zwei Tpyen von Christen zu tun haben: den in der Kirche Verankerten und „Eingewohnten“ und den „Suchenden“. Aufgabe von Mission sei es, mit den „Suchenden“ in Verbindung zu treten und sie respektvoll zu begleiten.

Mit Papst Franziskus sei – über die Grenzen der katholischen Kirche hinaus – ein neues Kapitel des Christentums aufgeschlagen worden, unterstrich der Prager Theologe. Bei den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sei es noch um die Auseinandersetzung mit der Modernität gegangen, jetzt gehe es um den Globalisierungsprozess. Dabei spiele eine „Reform der Mentalität der Christen“ eine große Rolle: „Wir brauchen eine ‚Bekehrung‘ von Christen auf der Suche nach Tiefe“. (forts mgl)

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