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Pro Oriente

Syro-Malabarische Kirche

  • Gläubigeca. 4 Millionen, vor allem in Indien im südlichen Bundesstaat Kerala und etwa 90.000 in den USA
  • SitzKochi, Kerala (Indien)
  • Diözesen30 (Erz-)Diözesen, davon 29 in Indien und 1 in den USA
  • RitusOstsyrisch
  • LiturgiespracheMalayalam (südindische Sprache)
  • MutterspracheMalayalam
  • KalenderGregorianisch
  • Titel des ErsthierarchenGroßerzbischof von Ernakulam-Angamaly

Altar einer syro-malabarischen Kirche in KeralaDie Syro-Malabarische Kirche ist mit ihren etwa vier Millionen Gläubigen die größte der zahlreichen Ostkirchen des indischen Subkontintents. Zugleich ist sie auch die mit Abstand größte Kirche ost-syrischer Tradition, neben zwei weiteren vorwiegend im Nahen Osten und in der weltweiten Diaspora beheimateten Kirchen der Apostolischen Kirche des Ostens und der Chaldäischen Kirche, wovon die letztgenannte, wie die Syro-Malabarische Kirche, in Einheit mit dem Bischof von Rom steht.

Weitere Informationen über die Syro-Malabarische Kirche

„Malabar“ bezeichnet ebenso wie „Malankara“ die Westküste des heutigen südindischen Bundesstaates Kerala, das bis heute das Hauptsiedlungsgebiet der so genannten Thomaschristen ist, also dem etwa ein Viertel aller indischen Christen, das auf eine lange ostkirchliche Tradition zurückschauen kann und das heute in mehreren Kirchen verschiedener Konfession organisiert ist. Unter dem Aspekt der liturgischen und kirchlichen Tradition lassen sich zwei große Gruppen innerhalb der Thomaschristen unterscheiden: auf der einen Seite die Malankaren, welche die Sammelbezeichnung für die Gläubigen der verschiedenen Kirchen des west-syrischen Ritus’ auf dem Subkontinent darstellt, und auf der anderen Seite die Malabaren, welche der terminus technicus für die Gläubigen der ost--syrischen Tradition ist.

Während die Malankaren sich heutzutage konfessionskundlich gesehen als ein komplizierter und fein verästelter Baum darstellen, bieten die Malabaren ein geschlosseneres Bild: Neben den Mitgliedern der Syro-Malabarischen Kirche gibt es noch etwa 15.000 Malabaren, die zur eingangs erwähnten Apostolischen Kirche des Ostens zählen und einem eigenen Metropoliten unterstehen. Sie sind in der Literatur oftmals unter der Bezeichnung Mellusianer zu finden, da sie auf den 1908 verstorbenen chaldäischen Bischof Elias Mellus zurückgeführt werden können, der eine Vereinigung der beiden Katholischen Ostkirchen ostsyrischer Tradition, nämlich der Syro-Malabarischen und der Chaldäischen Kirche, durchzusetzen versuchte. Rom stellte sich gegen dieses Vorhaben, worauf sich im Todesjahr von Elias Mellus eine kleinere Fraktion seiner Anhänger sich der von Rom getrennten Apostolischen Kirche des Ostens anschloss.

Die Mellusianer wie die Syro-Malabarische Kirche können auf den längsten Traditionsstrang gelebten Christentums auf dem indischen Subkontinent zurückblicken: Kam nämlich das Christentum in seinen verschiedenen westlichen Ausprägungen erst ab Beginn des 16. Jahrhunderts nach Indien (zuerst durch die Portugiesen, dann später durch die Niederländer und Briten) und sind die verschiedenen Ostkirchen west-syrischer Tradition in Indien erst als eine Gegenbewegung auf die Zwangslatinisierung der einheimischen Christen durch die Portugiesen zur selben Zeit entstanden, kann das Christentum ost-syrischer Prägung auf eine Jahrhunderte lange ununterbrochene Glaubensgeschichte auf dem Subkontinent zurückblicken.

Diese autochthonen Thomaschristen Indiens, die heute – wie oben bereits erwähnt – in verschiedene Kirchen west- und ostsyrischer Tradition aufgespaltet sind, lassen sich – unabhängig von ihrer Kirchenzugehörigkeit! – ethnisch wiederum in zwei kastenähnliche Gruppen, nämlich in die so genannten Nordisten und in die Südisten unterteilen. Während die Nordisten sich in direkter Nachfolge der vom Apostel Thomas zum Christentum Bekehrten sehen – sein Grab wird seit Jahrhunderten bis heute in Mailapor südlich von Madras hoch verehrt –, verstehen sich die Endogamie übenden Südisten als Nachkommen der Einwanderer um Thomas Kinaya, welcher im 4. Jahrhundert als syrischer Kaufmann zusammen mit einem Bischof und mehreren Priestern im Auftrag des Katholikos von Seleukia-Ktesiphon, also des Oberhaupts der ostsyrischen Apostolischen Kirche des Ostens, eine Handelsniederlassung an der Südwestküste Indiens gründete. Aus diesem Grund sind die Südisten in der Literatur häufig auch unter der Bezeichnung Kinaniten oder Knanaiten zu finden. Zu den Südisten zählen heute etwa 300.000 Thomaschristen, von denen fast 170.000 der Syro-Malabarischen Kirche angehören und fast 100.000 der dem Syrisch-Orthodoxen Patriarchat von Antiochien jurisdiktionell unterstehenden autonomen Syrisch-Orthodoxen Kirche von Malankara. Aufgrund der streng geübten Endogamie werden Ehen zwischen konfessionsverschiedenen Südisten akzeptiert, nicht jedoch zwischen Angehörigen der gleichen Kirche, wenn der Partner nicht ebenfalls Knanait ist. Da die Knanaiten als Seelsorger ebenfalls nur Südisten akzeptieren, unterstehen die knanaitischen Syro-Malabaren alle der als Personalordinariat für die Südisten 1911 – anfangs als Apostolisches Vikariat – errichteten Erzeparchie (Erzdiözese) Kottayam. Die Erzeparchie Kottayam ist birituell organisiert, da ihr auch die wenigen knanaitischen Syro-Malankaren unterstehen. Aufgrund ihres stark ausgeprägten Kastenbewusstseins sind die Knanaiten – im radikalen Gegensatz zu den Nordisten – missionarisch nicht aktiv.

Seit der Errichtung der Handelsniederlassung durch Thomas Kinaya an der südindischen Westküste im 4. Jahrhundert ist das Christentum dort historisch gesichert greifbar, und zwar in einer ostsyrischen Ausprägung. Dies wird durch Reiseberichte in den späteren Jahrhunderten auch immer wieder bestätigt, so etwa in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts durch den aus Alexandrien stammenden Kosmas Indikopleustes oder am Ende des 13. Jahrhunderts durch Marco Polo, der auf seiner Reise auch das Grab des Apostels Thomas aufsuchte. Auch Vasco da Gama trifft bei seiner Landung an der Malabarküste 1498 ein lebendiges ostsyrisches Christentum an, dessen Metropolit von Indien in Angamaly residierte.

Dieser ostsyrische Metropolit von Indien war in der Regel ein Perser, der in seiner Person die seit dem 4. Jahrhundert bestehende enge Bindung der Metropolie von Indien zu ihrer ostsyrischen Mutterkirche, der Heiligen Apostolischen Katholischen Assyrischen Kirche des Ostens lebendig hielt. Dieser Bischof beschränkte sich in seiner Amtsführung jedoch lediglich auf Pontifikalhandlungen, wie etwa Diakonen- und Priesterweihen. Die faktische Kirchenleitung lag hingegen in den Händen eines einheimischen Priesters, welcher den Titel Archidiakon („Erzdiakon“) führte. Kirchenrechtlich gesehen fand Vasco da Gama also ein ostsyrisches Christentum vor, das in einer autonomen Metropolie unter der Jurisdiktion des Katholikos der Kirche des Ostens organisiert war.

Die ersten Jahre nach der Landung Vasco da Gamas an der indischen Südwestküste waren von großer Harmonie zwischen einheimischen ostsyrischen Thomaschristen und ausländischen portugiesischen Christen lateinischer Tradition gekennzeichnet: Die Portugiesen gewährten den Thomaschristen Schutz und finanzielle Unterstützung und die beiden Kirchen nahmen Sakramentengemeinschaft auf. Dies war ohne weiteres möglich, da die indischen Thomaschristen sich selbst nie als eine von der Gesamtchristenheit getrennte Kirche verstanden haben. Kirchenrechtlich wurde diese Kirchengemeinschaft schließlich dadurch besiegelt, dass sich der Metropolit von Indien 1558 offiziell dem Chaldäischen Patriarchat unterstellte, welches erst kurz zuvor, nämlich 1552, als Abspaltung von der Apostolischen Kirche des Ostens entstanden ist, welche die volle Communio mit Rom aufgenommen hatte.

Durch die Glaubensspaltungen in Europa veränderte sich das Klima auf dem Subkontinent radikal: Die als Gegenbewegung gegen die Reformation erwachte, stark apologetisch geprägte Katholische Reform zeigte ihre Auswirkungen auch in Südindien. Vermehrt kamen Jesuiten als Missionare an die Malabarküste, welche die Thomaschristen der Häresie des Nestorianismus bezichtigten – trotz ihrer kirchenrechtlich offiziell bestehenden Communio mit Rom! –, die Gültigkeit der von den Thomaschristen vollzogenen Taufen in Frage stellten und in unsensibler Weise versuchten, die ostsyrische Liturgie durch die lateinische zu verdrängen. Trauriger Tiefpunkt dieser Entwicklung war die Synode von Diamper von 1599, welche den ostsyrischen Ritus teils vollständig beseitigte, teils massiv latinisierte, die Priesterehe verbot und die Thomaschristen zwang – unter Androhung der Strafe der Exkommunikation – die Beschlüsse des Konzils von Trient anzunehmen. In der Folge dieser Synode wurde die Metropolie von Indien ab sofort von einem Jesuiten geleitet und jurisdiktionell vom Chaldäischen Patriarchat getrennt und in die römisch-katholische Kirchenorganisation Portugals eingegliedert.

Diese tiefe Demütigung der Thomaschristen durch die lateinischen Missionare, welche sie zu einem radikalen Bruch mit ihrer eigenen jahrhundertealten ostsyrischen Tradition zwang, ist bis heute der Grund, warum die Thomaschristen Indiens heute konfessionskundlich so ein zersplittertes Bild abgeben: Schuld daran tragen nicht die Thomaschristen selbst, sondern ein in der Kirchengeschichte beispielloses unsensibles Vorgehen westlicher Missionare gegenüber Mitchristen, die ihren Glauben in einer ihnen eigenen Tradition von Generation zu Generation weitergegeben haben!

Als Reaktion auf die Synode von Diamper formierte sich immer stärker eine einheimische Opposition gegen die lateinische kirchliche Fremdherrschaft, die interessanterweise von Anfang an den Schulterschluss mit dem west-syrischen Syrisch-Orthodoxen Patriarchat von Antiochien suchte. Zum endgültigen Bruch mit Rom kam es, als in einer Art Notbischofsweihe 1653 zwölf einheimische Priester dem damaligen Archidiakon von Indien Thoma Parambil (Thomas de Campo) die Hände auflegten, da kein syrisch-orthodoxer Bischof einreisen durfte: Dies war die Geburtsstunde der neuzeitlichen von Rom getrennten Thomaschristen, die 1665 durch die nachträgliche Gewährung der Apostolischen Sukzession durch den Syrisch-Orthodoxen Metropoliten von Jerusalem, Grigorios Abdalgalil, sich fortan jurisdiktionell wie liturgisch in den Traditionsstrom des west-syrischen Christentums stellten.

Papst Alexander VII. und die für die Mission zuständige Kongregation Propaganda fide realisierten das Desaster, das die Jesuitenmissionare unter den Thomaschristen in Indien angerichtet hatten und versuchten gegenzusteuern: Sie schickten 1656 den Orden der Karmeliten unter der Leitung von Joseph von der heiligen Maria (Hieronymus De’ Sebastiani) an die Malabarküste, welche sich mit großer Sensibilität bemühten, das Schisma zu begrenzen und viele Thomaschristen wieder für die Communio mit Rom zurück zu gewinnen. Als die Niederländer 1663 die Malabarküste eroberten und als neue Kolonialherren alle Europäer zwangen, Südindien zu verlassen, weihte Joseph kurz vor seiner Abreise Chandy Parambil (Alexander de Campo) zum ersten einheimischen Bischof Indiens und übertrug ihm die Jurisdiktion über alle Thomaschristen.

Fast die Hälfte aller Thomaschristen konnten in diesem kurzen Zeitraum von 1656 bis 1663 wieder für die Aufnahme der Communio mit Rom gewonnen werden. Dieses Zahlenverhältnis spiegelt sich bis heute in Indien unter den Thomaschristen wieder: Während die eine Hälfte der Thomaschristen der mit Rom in voller Gemeinschaft stehenden Syro-Malabarischen Kirche angehören, zählt die andere Hälfte dieser Christen zu den – teils von Rom getrennten, teils mit Rom in Communio stehenden, teils mit der Anglican Communion sich in Kommuniongemeinschaft befindenden – verschiedenen Malankarischen Kirchen west-syrischer Tradition.

Erst 1840 taucht erstmals die Bezeichnung Syro-Malabaren für die katholischen Ostsyrer in Südindien auf. 1887 wurden erstmals eigene Apostolische Vikariate für die Syro-Malabaren errichtet, die ab 1896 von einheimischen Bischöfen geleitet wurden: Die Jahrhunderte davor waren die Syro-Malabaren von ausländischen römisch-katholischen Missionsbischöfen lediglich „mitbetreut“ worden. 1923 erhielt die Syro-Malabarische Kirche unter Papst Pius XI. die Struktur einer selbständigen – von den römisch-katholischen Diözesen jurisdiktionell unabhängigen – Kirchenprovinz und im Jänner 1993 wurde die Syro-Malabarische Kirche in den Rang eines Großerzbistums erhoben und erhielt damit den Status einer Quasi-Patriarchatskirche. In den letzten Jahren wird die wachsende Selbständigkeit der Syro-Malabarischen Kirche in vielen Bereichen des kirchlichen Lebens aktiv von Rom aus gefördert.

1934 wurde auf Initiative Roms die ursprüngliche Form der ostsyrischen Liturgie wiederhergestellt und im Jahr 1962 das bereits 1957 edierte chaldäische Pontifikale eingeführt. Nach der liturgischen Erneuerung durch das II. Vaticanum approbierte der Heilige Stuhl im Dezember 1985 die aufgrund historischer Quellen rekonstruierte ostsyrische Liturgie. Um ein klares Zeichen für das von den Syro-Malabaren wiederzuentdeckende reiche ostsyrische Erbe zu setzen, führte Papst Johannes Paul II. im Februar 1986 persönlich die wiederhergestellte ostsyrische Liturgie in Kottayam ein.

Heute stellt sich die Syro-Malabarische Kirche als eine Glaubensgemeinschaft voller Vitalität dar. Aufgrund ihrer zahlreichen geistlichen Berufungen sind viele Priester und Ordensleute – und sogar Bischöfe – in den aus der neuzeitlichen Heidenmission hervorgegangenen lateinischen Diözesen auf dem gesamten indischen Subkontinent tätig. Auch werden immer wieder neue syro-malabarische Missions-Diözesen in Mittel- und Nordindien errichtet: so zuletzt erst in den Jahren 2007, 2010 und 2012. Kaum ein großer Orden der Katholischen Kirche, der nicht syro-malabarische Mitglieder in seinen Reihen zählt, wenn er nicht sogar eigene gänzlich syro-malabarische Klöster oder eigene syro-malabarische Provinzen unterhält. Vermehrt wirken auch immer mehr syro-malabarische Ordensleute und Priester pastoral, karitativ oder missionarisch in Westeuropa und in den USA. (Seit 2001 gibt es mit der Eparchie St. Thomas of Chicago erstmals auch eine Syro-Malabarische Diözese außerhalb Indiens.) Syro-Malabaren sind in der Katholischen Weltkirche in fast allen Positionen zu finden: Sei es im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls oder als Mitarbeiter in der Römischen Kurie.

Diese traditionell enge Vernetzung mit der Römisch-Katholischen Kirche im Westen ist zugleich Segen und Fluch für die Syro-Malabarische Kirche: Einerseits bewahrt sie diese Vernetzung vor einer Ghetto-Mentalität, andererseits ist sie bis heute ständig in Gefahr – nach einer langen Phase der Zwangslatinisierung von außen – sich selbst zu latinisieren. Insbesondere die ältere Generation des höheren Klerus, die meist in Rom studiert hat, tut sich sichtbar schwer, die Wiederentdeckung und Erneuerung der spezifisch eigenen ostsyrischen Liturgietradition aktiv zu fördern. Die jüngere Generation hingegen ist diesem Anliegen gegenüber sehr offen und bemüht sich intensiv um eine Wiedergewinnung ostkirchlicher Authentizität. Dieser Umbruchsprozess ist zurzeit immer noch im Gange: Es ist die große aktuelle Herausforderung der Syro-Malbarischen Kirche, alle ihre Gläubigen auf diesem Weg mitzunehmen und sie neu dafür zu sensibilisieren, dass sie nicht nur ein integraler Bestandteil der Katholischen Weltkirche sind, sondern auch weltweit eine der wichtigsten Bewahrer des kostbaren Schatzes ostsyrischen Christentums.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB