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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Bartholomaios I.: „Die orthodoxe Kirche ist keine Nationalkirche“

Offizieller Besuch des Ökumenischen Patriarchen in den Niederlanden auf Einladung der altkatholischen Kirche - Betonung der großen Fortschritte in der Ökumene.

Den Haag-Istanbul, 28.04.14 (poi) Die orthodoxe Kirche muss ihre fundamentalen Prinzipien im Hinblick auf Katholizität und Synodalität der Kirche verwirklichen und auf diese Weise alle gegen sie erhobenen Vorwürfe des „Ethnozentrismus“ beantworten. Dies betonte der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. bei einer Ansprache in der altkatholischen Kathedrale St. Gertrud in Utrecht (der Patriarch hielt sich von 23. bis 27. April auf Einladung des altkatholischen Erzbischofs Joris Vercammen zu einem offiziellen Besuch in den Niederlanden auf). Bartholomaios I. erinnerte daran, dass die orthodoxe Kirche den Nationalismus bereits im Jahr 1872 – „und seither noch viele Male“ – verurteilt hat. Das Konzept der Nation könne nicht ein entscheidender Faktor des kirchlichen Lebens oder eine Achse der kirchlichen Organisation sein. Wann immer eine orthodoxe Kirche der „nationalistischen Rhetorik“ erliegt, verliere sie den Blick auf die „authentischen theologischen Prinzipien“ und gebe einer Denkweise nach, die dem Kern der Orthodoxie völlig fremd sei.

Die echte orthodoxe Mentalität komme auch in der Teilnahme der Kirche an der ökumenischen Bewegung zum Ausdruck, so der Patriarch von Konstantinopel weiter. Die im ökumenischen Dialog erarbeiteten Texte stellten eine Bestätigung der gemeinsamen Wurzeln in der unteilbaren Kirche dar. Wenn das Hauptziel der ökumenischen Bewegung die sichtbare Einheit der Kirche ist, dann müsse die Ekklesiologie (die Lehre von der Kirche) im Mittelpunkt des Dialogs stehen, unterstrich Bartholomaios I. Ein Ökumenismus, der nur auf guten Absichten beruht, genüge nicht; es gehe um den „authentischen Gehalt“ von Einheit und den eucharistischen Aspekt der Kirche.

Bei einer Begegnung mit führenden Repräsentanten der niederländischen Ökumene in Den Haag – der katholische Bischof von Rotterdam, Johannes van den Hende, hatte dabei die Gesprächsleitung inne – stellte der Ökumenische Patriarch das von der Kommission für Glaube und Kirchenverfassung (Faith and Order) des Weltkirchenrats im März des Vorjahrs veröffentlichte Dokument „Die Kirche: Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision“ in den Mittelpunkt. Die Kirchen in aller Welt sollen bis Ende 2015 zu diesem Dokument Stellung nehmen.
Bartholomaios I. bedauerte, dass die Spaltung der Christenheit sich ständig weiter ausbreite, man betreibe eine „liberale Theologie“, die keine Verbindung zu den apostolischen Wurzeln der alten Kirche habe. Das sei heute die Tragödie der Teilung. Das Ökumenische Patriarchat habe bereits 1920 durch ein Rundschreiben an die Kirchen in aller Welt dazu eingeladen, ein Instrument zu schaffen, um im Hinblick auf die Einheit einen Dialog unter den getrennten Kirchen in Gang zu bringen. Die Gründung des Weltkirchenrats im Jahr 1948 sei die Antwort auf diese herausfordernde Einladung gewesen. Die ökumenischen Anstrengungen hätten große Fortschritte gemacht. Leider gebe es aber nach wie vor Hindernisse auf dem Weg zur eucharistischen Tischgemeinschaft. Die Verwirklichung des gemeinsamen Tisches sei für viele – einschließlich der orthodoxen Kirche – noch in weiter Ferne.

In dem neuen Dokument von „Faith and Order“ gehe es um die Frage, was die getrennten Christen gemeinsam über die Kirche des Dreifaltigen Gottes sagen können, um in der Gemeinschaft zu wachsen, gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt einzutreten und vergangene und gegenwärtige Trennungen zu überwinden. Freilich sei es noch nicht gelungen, zwei parallele Auffassungen von Kirche zu integrieren, so Bartholomaios I.: Die eine sehe die Kirche als Zeichen der heilbringenden Präsenz Gottes in der Welt, die andere betrachte die Kirche als den Wechselfällen der Geschichte unterworfene Gemeinschaft der Gläubigen.

Eindringlich betonte der Ökumenische Patriarch in den Niederlanden, dass die Orthodoxie auf die Ewigkeit ausgerichtet, aber keine „Religion des Jenseits“ sei. Jede Form von Eschatologie, die die Geschichte ignoriere, sei unvereinbar „mit der heiligen Aufgabe des Volkes Gottes“. Die Kirche Christi sei zwar nicht „von der Welt“, aber „in der Welt“, genau hier sei sie aufgerufen, ihr heilbringendes Zeugnis abzulegen.

Im Gespräch mit den altkatholischen Bischöfen würdigte der Ökumenische Patriarch die Ergebnisse des orthodox-altkatholischen Dialogs. Das gemeinsame Komitee für den theologischen Dialog habe 26 Basistexte produziert, die Meilensteine in den Beziehungen zwischen den beiden Kirchenfamilien darstellen. Seit 2003 arbeite eine andere Kommission des Ökumenischen Patriarchats und der Utrechter Union der altkatholischen Kirchen an aktuellen Fragen, bei denen es um das gemeinsame Zeugnis im Hinblick auf die „Zeichen der Zeit“ gehe. Die Kirchen seien berufen, ihren Heilsdienst zu leisten, indem sie Widerstand gegen jede Form der Unterdrückung leisten und den an den Rand Gedrängten, den Unterdrückten, den Ausgebeuteten und den Verfolgten Würde, Liebe, Solidarität und Compassion zuteil werden lassen.

„Glaube und Umwelt“

Der Patriarch von Konstantinopel hielt in Utrecht die diesjährige „Quasimodo Lecture“ der altkatholischen Kirche, wobei er das Thema „Glaube und Umwelt“ wählte. Bartholomaios I. betonte, dass die ökologischen Probleme weltweiter Natur sind. Die Vergiftung der Umwelt mache nicht an nationalen Grenzen halt, sie betreffe nicht nur die gegenwärtige Menschheit, sondern auch die künftigen Generationen. Nach Auffassung der orthodoxen Theologie sei die Verantwortung für die Schöpfung „eucharistischer“ und „aszetischer“ Natur. Das griechische Wort „eucharistia“ bedeute Dank und erinnere daran, dass die geschaffene Welt nicht einfach Besitz des Menschen ist, sondern ein Geschenk. Die Haltung gegenüber diesem Geschenk könne nur Dankbarkeit sein. Ein Mensch mit dieser Haltung besitze die Dinge nicht, sondern habe Anteil an ihnen, er sei in Gemeinschaft mit anderen Menschen, als Teilhabern am gemeinsamen Leben. Bei der Aszese gehe es um die Haltung des einfachen Lebens. Diese Haltung werde in der orthodoxen Kirche von allen Gläubigen verlangt, nicht nur von den Mönchen und Nonnen. Die Geschenke Gottes seien für die Bedürfnisse aller da und müssten fair verteilt werden, ohne Missbrauch und Verschwendung. Selbstbeherrschung und Bereitschaft zum Teilen seien Ausdruck der Liebe zur Menschheit und zur ganzen Schöpfung.

Die Sorge um ökologische Fragen sei direkt mit der Sorge um Fragen der sozialen Gerechtigkeit, vor allem des Hungers in der Welt, verbunden, unterstrich der Patriarch von Konstantinopel. Wörtlich stellte Bartholomaios I. fest: „Eine Kirche, die das Gebet für die natürliche Umwelt vernachlässigt, ist eine Kirche, die der leidenden Menschheit Speise und Trank verweigert“. Im Hinblick auf die Anstrengungen für die Bewahrung der natürlichen Umwelt müsse die Frage gestellt werden, wie sehr die Menschen bereit seien, etwas von ihrem „gierigen Lebensstil“ zu opfern. Bartholomaios I.: „Wann werden wir lernen, dass gerechte Behandlung aller Menschen, einschließlich der Armen, besser ist als Akte der Mildtätigkeit? Werden wir uns abwenden von dem, was wir wollen, und dem zuwenden, was die Welt braucht? Wir können den Hungrigen Brot geben, aber wann werden wir an einer Welt arbeiten, die keinen Hunger mehr hat?“

Abschließend erinnerte der Ökumenische Patriarch daran, dass das 20. Jahrhundert das gewalttätigste in der Geschichte der Menschheit war – sowohl im Hinblick auf zwischenmenschliche Brutalität als auch, was die Gewalt gegen die natürliche Umwelt angeht. Es gebe Stimmen, denen zufolge nach zwei extrem blutigen Weltkriegen der Dritte Weltkrieg jetzt gegen die natürliche Umwelt geführt werde. Obwohl die Konsequenzen der fortdauernden Umweltzerstörung für das Überleben der Menschheit klar seien, werde weiterhin so gehandelt, als ob diese Gefahr nicht bekannt wäre. Die Zerstörung der Umwelt und die soziale Ungerechtigkeit hätten ihren Ursprung im Herzen des Menschen. Hier müsse auch die Heilung ansetzen, die Bekehrung des Menschen vom Haben zum Sein. Zu dieser Bekehrung könne der religiöse Glaube beitragen, der entscheidende Werte und Wahrheiten für den Menschen mit seiner kostbaren Gabe der Freiheit anbiete.

Gespräch mit König und Außenminister

Bartholomaios I. wurde in Den Haag von König Wilhelm Alexander auf Schloss Eikenhorst empfangen. Eine längere Aussprache hatte der Ökumenische Patriarch mit dem niederländischen Außenminister Frans Timmermanns. Bereits bei seiner Ansprache in der Kathedrale St. Gertrud hatte Bartholomaios I. seine tiefe Sorge und Trauer über die „inakzeptable Flut der Gewalt“ im Nahen Osten, „der Wiege des Glaubens an den einen Gott“, zum Ausdruck gebracht. All dies gelte umso mehr, als dort der Name Gottes als Kriegsparole missbraucht werde. Er erneuere auch von den Niederlanden aus den Appell zur sofortigen Einstellung des Blutvergießens und zur Einleitung eines Prozesses der Versöhnung, so der Patriarch.

Den Abschluss des Besuches des Ökumenischen Patriarchen in den Niederlanden bildeten Gottesdienste im orthodoxen Marienkloster in Asten in Nordbrabant und in der orthodoxen Nikolauskirche in Rotterdam. (ende)

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