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Franz König

Pro Oriente

"Seit dem Kriegsbeginn hat sich nichts geändert"

Kein Wasser, kein Strom: Zwei Jahre nach dem Irak-Krieg zieht Gabriel Kassab, Basras Erzbischof, Bilanz. (Interview von Christian Ultsch)

Bildunterschrift:
Gabriel Kassab, 1938 in Telkeif (Nordirak) geboren, ist seit 1996 chaldäisch-katholischer Erzbischof der südirakischen Provinzhauptstadt Basra. Er ist auf Einladung der Stiftung Pro Oriente in Wien, um für seine Sozialprojekte zu werben und Vorträge über die Situation der Christen im Irak zu halten. | (c) Fabry


Die Presse: Was hat sich seit dem Sturz Saddam Husseins vor zwei Jahren für die Iraker verändert?

Gabriel Kassab: Es gibt mehr Freiheit, mehr Demokratie, auch Meinungsfreiheit. All das haben wir jahrzehntelang bitter vermisst. Wir haben einiges erreicht, aber wir haben auch vieles verloren.

Was haben Sie verloren?

Kassab: Sicherheit. Sicherheit und Stabilität sind wesentlich, damit ein Volk leben kann.

Von den 750.000 Christen im Irak haben im vergangenen Jahr 200.000 ihre Heimat verlassen . . .

Kassab: Das stimmt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Viele Menschen haben Angst um ihr Leben. Das betrifft alle im Irak, nicht nur Christen. Dazu kommen die hohe Arbeitslosigkeit und der Mangel an Grundvoraussetzungen, um ein respektables Leben führen zu können.

Nun gab es aber auch terroristische Attacken gegen Christen.

Kassab: Kirchen wurden ebenso angegriffen wie Moscheen. Wir Christen sind ebenso betroffen wie andere Teile der Bevölkerung. Im Übrigen wollen wir nicht als Minderheit betrachtet werden. Unser Motto war immer: "Irak für alle, alle für den Irak".

Wie stark ist der Islamismus als politische Kraft im Irak? Könnte so wie im Iran ein islamischer Gottesstaat entstehen?

Kassab: Dass es radikale Tendenzen im Irak gibt, ist eine Tatsache. Doch wir hoffen, dass die gemäßigte Mehrheit der Moslems es doch schafft, den Irak so zu lenken, dass er nicht zu einem totalitären islamischen Staat wird. Die Kirche erkennt den Islam an.
Wir akzeptieren, dass Moslems 95 Prozent der Bevölkerung stellen. Meine persönliche Beziehung zu Moslems in Basra ist ausgezeichnet. Wir haben jedoch Angst vor Radikalen, die das Christentum im Wesentlichen gar nicht kennen. Es handelt sich großteils dabei nicht um Iraker, sondern um Ausländer. Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Terroristen in den Irak einsickern.

Wie leben die Menschen in Basra?

Kassab: Die Stadt ist sehr zerstört, sehr müde. Es gibt zu wenig Medikamente, zu wenig Trinkwasser.

Zu wenig Trinkwasser?

Kassab: Frisches Trinkwasser ist nach wie vor eine Rarität in der gesamten Südprovinz. Auch unter Strommangel leiden wir. Alle Schulen, alle Spitäler sind desaströs ausgestattet.

Ist die Situation schlechter als vor dem Krieg?
Kassab: Ja, sicherlich. Vom Kriegsanfang bis heute hat sich nichts geändert. Und davor waren wir im Südirak Opfer doppelter Sanktionen. Es trafen uns die Sanktionen der UNO und die Zwangsmaßnahmen Saddam Husseins.

Wer hatte in den vergangenen zwei Jahren die Verantwortung für die Versorgung mit Trinkwasser und mit Strom?

Kassab: Alle sind verantwortlich. Die Regierung, die militärischen Besatzer, alle! Ist es akzeptabel, dass man bei 60 Grad Hitze und 80 Grad Luftfeuchtigkeit Menschen ohne Wasser und ohne Strom leben lässt?

Hätten Sie sich von den britischen und amerikanischen Besatzungstruppen mehr erwartet?

Kassab: Wir haben uns nach dem Krieg keinen Luxus, sondern ein ganz normales Leben erhofft. Wir warten noch immer auf dieses ganz normale Leben.

Ist die Lage im Süden des Irak nicht besser als in anderen Gegenden?

Kassab: Nur die Sicherheitslage ist besser als anderswo. Aber auch in Basra kann es von Zeit zu Zeit sehr gefährlich werden.

Welche Maßnahmen müssen Ihrer Ansicht nach ergriffen werden, damit der Irak wieder ein stabiles Land wird?

Kassab: Wenn wir eine Regierung haben, dann sind wir schon ein Stück weiter.

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