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Wenn die großen nichts
machen, dann sollen die
kleinen beginnen.

Kardinal Franz König

Pro Oriente

Friedensgebet für Äthiopien und Eritrea (Dezember)

Ökumenisches Gebet mit Bischof Tiran und Weihbischof Scharl

Die in Wien beheimateten orthodoxen und katholischen Gemeinde aus Äthiopien und Eritrea beteiligten sich am Friedensgebet, das am 8.12.2020 in der Canisiuskirche in Wien unter der Leitung des armenisch-apostolischen Bischofs Tiran Petrosyan und des Wiener Weihbischofs Franz Scharl stattfand.

Im Zeichen der Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium stand am Dienstagabend das Ökumenische Friedensgebet für Äthiopien und Eritrea in der Wiener Canisiuskirche, zu dem „Pro Oriente“ und die Nationaldirektion für die katholische anderssprachige Seelsorge in Österreich in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft der afro-asiatischen und lateinamerikanischen Gemeinden in der Erzdiözese Wien eingeladen hatten. Die entscheidenden Verse aus dem 5. Kapitel des Matthäus-Evangeliums („Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet“) wurden auf Amharisch, Tigrinya und Deutsch proklamiert. „Pro Oriente“-Vizepräsident Prof.i.R,. Rudolf Prokschi bezeichnete beim Friedensgebet, das vom armenisch-apostolischen Bischof Tiran Petrosyan und dem Wiener Weihbischof Franz Scharl geleitet wurde, diese Worte der Bergpredigt als „größte Herausforderung, ja Zumutung“. Aber diese Herausforderung hänge zutiefst mit der Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus zusammen.

Prof. Prokschi zitierte in seiner Predigt den großen Theologen Karl Rahner, der die Menschwerdung als das „letzte, tiefste und schönste Wort Gottes in die Welt hinein“ definierte: „Dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch“. Die Liebe Gottes sei durch Jesus Christus kundgemacht worden. Gerade im Hinblick auf die Feindesliebe zeige sich, dass diese Liebe „ohne Maß“ ist und die menschlichen Grenzen sprengt, die sonst im Kleinen wie im Großen spürbar werden. Die Liebe Jesu sei aber auch „nüchtern und konkret“, sie gelte im buchstäblichen Sinn dem „Nächsten“, dem Leidenden. Schließlich habe Jesus nicht nur „etwas“ von sich selbst hingegeben, sondern alles, sein Leben. Diese Lebenshingabe habe nichts mit einem „rächenden Gott“ zu tun, der durch ein Opfer versöhnt werden müsse, sondern besage, dass die Erlösung allen gelte, „auch den Feinden“. Die Besinnung auf zentrale Aussagen des christlichen Glaubens bedeute, „bei Gott Maß zu nehmen“.

In den Fürbitten wurde von Vertretern der äthiopischen und eritreischen Gemeinden in Österreich dafür gebetet, „dass die Gemeinden in Gebet und Solidarität verbunden sind“, aber auch „für alle Menschen, die vor Krieg und Gewalt, Armut und Hunger fliehen, dass sie Zuflucht und Heimat finden“. Der Präsident von „Pro Oriente“, Botschafter i.R. Alfons M. Kloss, gedachte in seiner Fürbitte der verfolgten Christen: „Für alle, die wegen ihres Glaubens benachteiligt, verfolgt oder getötet werden, dass sie durch ihre Treue zu Christus Vorbild für andere Gläubige werden und durch ihr Zeugnis der Einheit der Christen den Weg bereiten“.

An dem Friedensgebet wirkten zwei in Wien tätige äthiopisch-orthodoxe Priester (Abba Zet Haimanot Deresu und Abba Birhanu Debebe) und ein eritreisch-katholischer Priester (Abba Yonas Yohanes Hagos) mit Vertretern aus ihren Gemeinden mit; auch die äthiopisch-katholische Gemeinde war vertreten, die erst im Jänner einen eigenen Priester erhalten wird. Im Hinblick auf die Präsenz von Vertretern aus katholischen Ostkirchen war auch der Generalvikar für die Gläubigen der katholischen Ostkirchen in Österreich, Yuriy Kolasa, anwesend. Die Priester sangen Psalmen und Gebete aus ihren jeweiligen Traditionen. Das Vater unser wurde von allen Anwesenden gemeinsam in ihren Sprachen gebetet. Das Friedensgebet fand in der Canisiuskirche statt, weil dieses Gotteshaus im 9. Bezirk der Sitz der Arbeitsgemeinschaft der afro-asiatischen und lateinamerikanischen Gemeinden in der Erzdiözese Wien ist. Auch die beiden äthiopisch-orthodoxen Priester wohnen dort. Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft ist der Theologe Alexander Kraljic, der seit einigen Monaten als Nationaldirektor für die anderssprachige katholische Seelsorge auch österreichweit Verantwortung trägt.

Das Friedensgebet war eine gemeinsame Initiative von Alexander Kraljic mit „Pro Oriente“-Vizepräsident Rudolf Prokschi (der auch Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich ist) und „Pro Oriente“-Generalsekretär Bernd Mussinghoff. Ausschlaggebend waren die bedrückenden Nachrichten über die blutigen Auseinandersetzungen zwischen äthiopischen Bundestruppen und der Regionalregierung der nordäthiopischen Region Tigray. Obwohl Addis Abeba offiziell ein Ende der Kämpfe proklamiert hat, scheint die Region nach wie vor von der Umwelt abgeschnitten zu sein. Die Zahl der Opfer der Kämpfe ist nicht bekannt, mindestens 40.000 Menschen sind in den Sudan geflüchtet, zugleich werden die rund 100.000 eritreischen Flüchtlinge in Tigray zur Rückkehr nach Eritrea gedrängt. In der verworrenen Situation sollte mit dem Friedensgebet ein Zeichen aus der starken christlichen spirituellen Tradition der beiden Nachbarländer Äthiopien und Eritrea gesetzt werden. (E. Leitenberger)

Sektion: Wien

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