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Franz König

Pro Oriente

Wien: Arabische Klänge im Stephansdom

Maronitischer Erzbischof von Beirut feierte festlichen Gottesdienst in arabischer Sprache – „Forum Syriacum“ der Stiftung „Pro Oriente“ setzte sich mit der aktuellen Situation der Kirchen syrischer Tradition auseinander

Kurzbericht

Wien, 05.03.15 (poi) Arabische Klänge im Wiener Stephansdom: Am Mittwochabend zelebrierte der maronitische Erzbischof von Beirut, Boulos Matar, einen festlichen Gottesdienst im Ritus seiner Kirche in arabischer Sprache. An dem Gottesdienst nahmen zahlreiche in Wien lebende arabischsprachige Christen teil. Erzbischof Matar war zur Teilnahme am diesjährigen „Forum Syriacum“ der Stiftung „Pro Oriente“ nach Wien gekommen. Zu Beginn seiner Predigt dankte der unierte Erzbischof – die maronitische Kirche steht in voller Kirchengemeinschaft mit dem Papst in Rom - in herzlichen Worten auf deutsch Kardinal Christoph Schönborn für die Möglichkeit, in der Wiener Kathedrale eine feierliche Messe im altehrwürdigen Ritus der Kirche von Antiochien zelebrieren zu können. Er bete für Österreich, aber auch für den Frieden im Libanon und im ganzen Nahen Osten, sagte Matar. In seiner arabischen Predigt unterstrich der Erzbischof, dass sich die Menschen im Nahen Osten an der Haltung der Europäer nach dem Zweiten Weltkrieg orientieren sollten: Damals sei man in Europa von der Überzeugung „Nie wieder“ ausgegangen, dorthin müsse man auch im Nahen Osten gelangen. Bei den Fürbitten wurde in besonderer Weise für die wegen ihres Glaubens verfolgten orientalischen Christen gebetet, „damit sie in der Bedrängnis die Hoffnung nicht verlieren“.

Beim „Forum Syriacum“ betonte Erzbischof Matar, dass es für den Nahen Osten nur dann eine gute Zukunft gebe, wenn für die Christen und Angehörige anderer religiöser Minderheiten volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung, angefangen von umfassender Religionsfreiheit, gesichert sei. Es müssten Voraussetzungen geschaffen werden, damit Bürgerinnen und Bürger unterschiedlicher religiöser und ethnischer Zugehörigkeit miteinander die Gesellschaft aufbauen können. „Die Christen sind nicht für dieses oder jenes Regime, sie wollen ihre Rechte“, sagte Matar wörtlich.

„Pro Oriente“-Präsident Johann Marte hatte zum Auftakt des 9. „Forum Syriacum“ die Solidarität mit den bedrohten Kirchen der syrischen Tradition betont. Das „Forum Syriacum“ der Stiftung „Pro Oriente“ ist weltweit das einzige Gremium, das den Dialog zwischen den neun Kirchen syrischer Tradition ermöglicht und pflegt. Die Mitglieder des „Forums“ – dessen wissenschaftliche Leitung der Salzburger Ostkirchenexperte (und Vorsitzende der Salzburger Sektion von „Pro Oriente“) Prof. Dietmar W. Winkler innehat – bestimmen die theologischen und nicht-theologischen Themenkreise, die in Form von wissenschaftlichen Tagungen („Colloquium Syriacum“) behandelt werden sollen. Ziel ist es, das 2.000-jährige Erbe der Kirchen syrischer Tradition und ihre kulturelle Vielfalt zu bewahren und in die Entwicklung der weltweiten Christenheit einzubringen. Die Kirchen der syrischen Tradition sind aus dem Patriarchat von Antiochien beziehungsweise aus dem Katholikosat von Seleukia-Ctesiphon (später Bagdad) hervorgegangen; sie verbreiteten die Botschaft des Evangeliums in Syrien, Mesopotamien, Arabien, Persien, Ostanatolien, Indien, Zentralasien, China und Japan.

Der chaldäisch-katholische Bischof von Aleppo, Antoine Audo, und andere Teilnehmer aus dem syrisch-mesopotamischen Raum zeichneten ein bedrückendes Bild der Situation der Kirchen syrischer Tradition auf Grund der politisch-militärischen Vorgänge. Man könne sagen, dass die antiochenischen Christen heute das Leiden Christi leben, meinte ein Teilnehmer. Als besonders schmerzlich wurde die Vertreibung der Christen aus Mosul und aus den Städten und Dörfern der Ebene von Ninive geschildert. Die syrisch-katholische Kirche hat mit Mosul ihre bedeutendste Eparchie verloren. Die Hälfte der Christen Syriens dürfte das Land verlassen haben. Derzeit stelle sich die Situation so dar, dass die wohlhabenden Christen in den Libanon oder nach Übersee gehen, viele junge Leute suchten in Europa oder Nordamerika neue Möglichkeiten, die Mittelklasse sei arm geworden und die Armen seien ins Elend abgesunken. Die Region der Djazira zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris – die früher sehr stark christlich geprägt war, vor allem durch die Nachkommen der Überlebenden des Völkermords von 1915-1923 in den unmittelbar nördlich anschließenden ostanatolischen Gebieten – entleere sich wegen der herrschenden Unsicherheit und des Zusammenbruchs der Wirtschaft.

Die Bewahrung der Identität

Breiten Raum nahm in den Beratungen des „Forum Syriacum“ das Problem der Bewahrung der Identität der Kirchen syrischer Tradition ein. Infolge der politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen sind alle diese Kirchen heute weltweit präsent, vor allem in Europa, Nord- und Südamerika sowie Ozeanien. Daher stellt sich die Frage nach den bestimmenden Elementen der Tradition (Sprache, Liturgie, Spiritualität, Familie). Symptomatisch für die Identität der Christen syrischer Tradition sei aber auch die Tatsache, dass sie immer „mit anderen“ – Muslime, Hindus – gelebt hätten. In der Diskussion wurde betont, dass die Herausforderung der Bewahrung der Identität sowohl in der ursprünglichen Heimat als auch in der Diaspora mit ihren säkular geprägten Gesellschaften bestehe. Da wie dort gehe es um eine Frage des „Überlebens“. Diaspora und Heimat benötigten einander. Das für 2016 oder 2017 geplante nächste „Colloquium Syriacum“ wird sich daher mit dem Thema „Identität und Zeugnis – Der Beitrag der syrischen Tradition für die universale Kirche“ befassen.

Aus den Berichten der Forumsteilnehmer wurde aber auch klar, dass es positive ökumenische Entwicklungen gibt. So berichtete P. Frans Bouwen aus Jerusalem von bemerkenswerten Äußerungen des griechisch-orthodoxen Patriarchen der Heiligen Stadt, Theophilos III.: „Die christlichen Gemeinschaften des Heiligen Landes stellen den Dialog in den Mittelpunkt ihrer gemeinsamen Mission…Wir haben ernsthaft an der Überwindung von Feindseligkeit und Vorurteil gearbeitet, an der Heilung des Gedächtnisses…Das eindrucksvollste jüngste Zeugnis der Früchte unseres Dialogs war die Begegnung zwischen Papst Franziskus und Patriarch Bartholomaios in der Grabeskirche. Dieser sichtbare Ausdruck des gemeinsamen Ziels war Dialog in Aktion, wir dürfen die Kraft dieser Aktion zur Formung des Bewusstseins unserer Leute nicht unterschätzen“.

Aufschlussreich waren auch die Hinweise aus Südindien. So berichtete der syro-malabarische (unierte) Alterzbischof Joseph Powathil, dass es im Dialog mit der indisch-orthodoxen malankarischen Kirche Fortschritte gebe: Der Vorschlag einer gemeinsamen Kommission für die Aufnahme der Sakramentengemeinschaft im Bereich von Eucharistie, Buße und Krankensalbung wurde von beiden Kirchen akzeptiert.

Wie beim „Forum Syriacum“ mitgeteilt wurde, wird Salzburg in Zukunft besondere Bedeutung für die syrisch-orthodoxe Kirche haben: An der Salzach wird ein syrisch-orthodoxes Seminar entstehen. Patriarch Mar Ignatius Aphrem II. hat vor kurzem seine Zustimmung erteilt, die Eröffnung soll noch heuer erfolgen. In Salzburg wird dann die Priesterausbildung für die syrisch-orthodoxen Gemeinden in ganz Europa erfolgen, zugleich wird in Zusammenarbeit mit der Katholisch-Theologischen Fakultät, wo der syrisch-orthodoxe Theologe Prof. Aho Shemunkasho lehrt, ein Brennpunkt der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der syrischen Theologie entstehen. (ende)