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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Papst Franziskus in Georgien

Die zweite Kaukasus-Reise nach Tiflis und Baku „vervollständigt“ die Visite in Armenien im Juni – Drei Kardinäle begleiten den Papst – Ökumenische und interreligiöse Akzente

Tiflis, 30.09.16 (poi) Papst Franziskus hat am Freitag seinen zweiten Kaukasien-Besuch angetreten (vor drei Monaten war er in Armenien). Er flog am Freitagmorgen vom römischen Flughafen Fiumicino in die georgische Hauptstadt Tiflis, wo er am Flughafen von Staatspräsident Giorgi Margwelaschwili empfangen wurde und anschließend mit dem georgisch-orthodoxen Katholikos-Patriarchen Elias (Ilia) II. zusammentraf. Am Sonntag reist der Papst in das heute mehrheitlich muslimische und turksprachige Azerbaidschan weiter (ursprünglich der dritte christliche Kaukasus-Staat mit dem Namen Albanien und einer autokephalen östlichen Kirche). Die Reise des Papstes steht im Zeichen der Bemühungen um Frieden zwischen den drei Kaukasus-Republiken Georgien, Armenien und Azerbaidschan.

„Radio Vatikan“ überträgt die wichtigsten Momente der Kaukasien-Reise des Papstes direkt: Am Freitag die Begegnung des Papstes mit Vertretern von Politik und Gesellschaft Georgiens. Direkt im Anschluss daran wird das Treffen von Papst Franziskus mit Katholikos-Patriarch Ilia II. und der Gottesdienst mit dem Papst in der chaldäisch-katholischen Pfarrkirche St. Simon Bar Sabbas übertragen, bei dem Patriarch Mar Louis Raphael Sako und viele chaldäische Bischöfe mit dem Papst konzelebrieren. Am Samstag, 1. Oktober, wird die Morgenmesse des Papstes im Mikhail-Meskhi-Stadion in Tiflis ausgestrahlt, „Radio Vatikan“ überträgt auch die Begegnung des Papstes mit Priestern und Ordensleuten in Tiflis. Den Samstag wird der Papst mit einem Besuch in der orthodoxen Kathedrale in Mzkheta, dem „Herz“ der orthodoxen Landeskirche, beschließen. Aus Baku wird am Sonntag, 2. Oktober, die Papst-Messe aus der Marienkirche im Jugendzentrum der Salesianer Don Boscos gesendet. Am Nachmittag steht die Begegnung mit den Vertretern von Gesellschaft und Politik auf dem Programm, dann das Treffen mit dem Scheich-ul-Islam Allahschukur Paschazade, dem orthodoxen Bischof von Baku, Aleksander (Ischtschein), und dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde.

Der vatikanische Pressesprecher Greg Burke hatte bei einer Pressekonferenz im Vorfeld der 16. Auslandsreise des Papstes betont, dass die Kaukasien-Visite im Zeichen des Friedens, der Versöhnung, der Ökumene sowie des interreligiösen Dialogs stehe. „Der Papst bringt eine Botschaft des Friedens und der Versöhnung für die ganze Region“, sagte Burke. Die Katholiken sind in den beiden kaukasischen Republiken kleine Minderheiten. In Georgien machen die Katholiken weniger als ein Prozent der Bevölkerung aus, während die große Mehrheit, rund 87 Prozent, sich zur orthodoxen Kirche bekennt. Die Bewohner Azerbaidschans gelten überwiegend als Muslime, allerdings ist diese Republik – ähnlich wie Estland – in der sowjetischen Zeit besonders stark „atheisiert“ worden. In der Hauptstadt Baku gibt es nur eine katholische Pfarrgemeinde.

Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin und der Substitut im Staatssekretariat, Erzbischof Angelo Becciu, der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch sowie der Präfekt der Ostkirchenkongregation, Kardinal Leonardo Sandri, begleiten den Papst auf der kaukasischen Reise.
Zehn Ansprachen, davon zwei Predigten und ein Gebet, wird Franziskus im Kaukasus halten – ausnahmslos auf italienisch. Beim Rückflug von Baku nach Rom plant er, wie bei ihm mittlerweile üblich, wieder eine „Fliegende Pressekonferenz“.

Mit Spannung wird vor allem erwartet, wie deutlich sich Franziskus in Anwesenheit der Präsidenten Giorgi Margwelaschwili (Georgien) und Ilham Alijew (Azerbaidschan) zur Lage der Menschenrechte äußern wird, um die es in beiden Ländern nicht gut bestellt ist. Ebenso gibt es große Aufmerksamkeit im Hinblick auf päpstliche Wortmeldungen zur permanenten Krise zwischen Azerbaidschan und Armenien. Diese Krise konzentriert sich geographisch auf zwei Bereiche: Die akute Krise bezieht sich auf das armenische Gebiet Arzach (Berg-Karabach), das von den Kommunisten in den 1920er-Jahren Azerbaidschan angeschlossen wurde; nach dem Ende der Sowjetunion befreiten sich die Armenier von Arzach von der azerbaidschanischen Herrschaft. Zusammen mit der Armee der Republik Armenien besetzten sie zudem das azerbaidschanische Gebiet zwischen der Westgrenze von Arzach und der Ostgrenze Armeniens. Auf diesem Hintergrund herrscht zwischen Azerbaidschan und Armenien permanenter Kriegszustand, der von der internationalen Gemeinschaft mit Mühe „eingefroren“ worden ist. Der zweite – kaum je in den Schlagzeilen behandelte – Brennpunkt betrifft die azerbaidschanische Exklave Nachitschewan an der armenisch-iranischen Grenze. Dieses Gebiet hatte ursprünglich eine große armenische (vor allem armenisch-katholische) Minderheit, die in den letzten Jahrzehnten vertrieben wurde. Das azerbaidschanische Regime beseitigte in den letzten Jahren fast alle Spuren der armenischen Vergangenheit, darunter auch die berühmten Khatschkare (Kreuzsteine) auf dem Friedhof der Stadt Dschulfa.

"Zweck der Reise ist der Dialog"

Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin sagte vor Beginn der Papstreise, die Visite in Georgien und Azerbaidschan „vervollständige“ nach dem Armenien-Besuch im Juni das Kaukasien-Programm des Papstes. Wörtlich meinte Parolin: „Ein Zweck dieser Reise ist der Dialog. In der Tat sind das Länder an der Grenze, aber auch Länder mit einem großen Reichtum und Lebensfreudigkeit. Auf der anderen Seite herrschen dort auch Spannungen und viele Konflikte. Deshalb sind die Worte des Papstes, die er dort aussprechen wird, sicherlich dazu da, um alle Seiten einzuladen, aufeinander zuzugehen und gegenseitig zuzuhören. Das ist doch die große Herausforderung der heutigen Zeit“.

Es sei positiv, dass jene Länder, die der Papst besucht, den Weg des Friedens wollen, fügte Kardinal Parolin unter Anspielung auf die diplomatischen Kontakte der drei Kaukasus-Staaten hinzu: „Aber wenn wir an die Herausforderungen denken, dann will ich vor allem eine hervorheben: das Thema der Flüchtlinge. Denn es gibt Flüchtlinge, die aus dem Nahen Osten kommen, weil es geografisch nahe zum Kaukasus liegt und dann dürfen wir nicht die vielen Binnenflüchtlinge im Kaukasus-Bereich selber vergessen. Eines der großen Herausforderungen für jene Länder, die der Papst besuchen wird, ist also die Betreuung jener Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten“.

Auch der Chefredakteur der Jesuiten-Zeitschrift „Civilta‘ Cattolica“, P. Antonio Spadaro SJ, pflichtete den Worten des Kardinal-Staatssekretärs bei: „Das wird eine wichtige Reise, weil sie de facto die Papstreise in den Kaukasus komplett macht“. Auch der enge Vertraute des Papstes sieht den Georgien und Azerbaidschan-Trip als ideelle Fortsetzung der Armenienvisite vom letzten Juni. „Der Kaukasus ist eine offene Wunde – auf der einen Seite ein Ort großen Reichtums, vor allem was das Christentum betrifft, auf der anderen Seite aber ein Ort, der immer schon starke Konflikte erlebt hat und auch jetzt erlebt, wegen sich kreuzender Wirtschafts- und Polit-Interessen. Der Papst liebt es, an Orte zu gehen, wo es offene Wunden gibt, die geheilt werden müssen; die Dimension der Kirche als ‚Feldlazarett‘ steht auch für die therapeutische Dimension Jesu“. Es war Pater Spadaro, dem gegenüber der Papst in einem programmatischen Interview seines ersten Amtsjahres 2013 von der Kirche als „Feldlazarett“ gesprochen hatte.

Der Papst besuche auch einen Ort, „der gleichsam ein tiefer Brunnen christlicher Geschichte ist; es gibt dort ein immer noch aktives Mönchsleben, allerdings fehlt es nicht an Problemen, weil die Beziehungen zur orthodoxen Kirche Georgiens komplex sind“, betonte P. Spadaro. Die orthodoxe Kirche Georgiens verweigere zum Beispiel die Anerkennung der Gültigkeit einer katholischen Taufe; doch werde an den Beziehungen konstant und geduldig gearbeitet: „Wenn wir so wollen, bedeutet die Präsenz des Papstes auch eine sehr klare Botschaft in Richtung Einheit der Christen, indem sie an diese tiefen Wurzeln appelliert, die Georgien hütet. Kultur und Sprache des georgischen Volkes sind ja vom Christentum durchdrungen...“

P. Spadaro begleitet Franziskus nach Tiflis; er war schon unmittelbar vor der Papstreise in Georgien: „Mein Eindruck war, dass es vor allem bei jungen Leuten viel Interesse (am Papstbesuch) gibt, bei jungen Orthodoxen. Man sieht daraus, dass die Gesellschaft sich in Entwicklung befindet. Patriarch Elias II. ist eine historische Gestalt, die gleichsam den Übergang vom Sowjetsystem in die heutige Lage repräsentiert. Es gibt Erwartungen an die Zukunft der georgische Kirche, die es vielleicht neu zu denken gilt, und die Generation, die diese Änderungen miterlebt, ist sehr interessiert am Papstbesuch“. (forts)