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Franz König

Pro Oriente

Syrien: „Ohne Bildung wächst die nächste IS-Generation heran“

Syrische Bischofsdelegation überbrachte Bilder und Botschaften syrischer Kinder an Spitzenrepräsentanten der Europäischen Union und der Vereinten Nationen – „Christen wird in Syrien auch von muslimischen Nachbarn großes Vertrauen entgegengebracht“

Brüssel-Genf-Damaskus, 18.10.16 (poi) Mit Bildern und Botschaften syrischer Kinder ist eine Delegation hochrangiger Kirchenvertreter nach Brüssel und Genf gereist, um Spitzenrepräsentanten der Europäischen Union und der Vereinten Nationen den Hilfeschrei um „ein Ende des Sterbens, mehr Sicherheit und bessere Bildungschancen“ zu übergeben. Die Bilder und Botschaften waren bei einem landesweiten Gebets- und Aktionstag unter dem Motto „Frieden für Kinder“ entstanden, der in mehreren syrischen Städten wie Homs, Aleppo und Damaskus durchgeführt wurde. Die Aktion wurde vom päpstlichen Hilfswerk „Kirche in Not“ und orthodoxen Hilfswerken unterstützt. Als „Botschafter der Kinder“ reisten der melkitische griechisch-katholische Patriarch Gregorios III. Laham, der griechisch-orthodoxe Metropolit von Homs, George (Abou Zakham), und der syrisch-orthodoxe Metropolit dieser Stadt, Mar Silvanos Petros Al-Nemeh, nach Brüssel und Genf. Die kirchlichen Repräsentanten unterstrichen bei den Begegnungen mit EU- und UN-Vertretern die herausragende Bedeutung der Bildung: „Ohne Bildung wächst die nächste Generation von IS-Terroristen heran“.

In Brüssel traf die Delegation u.a. mit Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz zusammen. „Es wird nur dann Frieden in Syrien geben, wenn die Weltgemeinschaft sich endlich wieder an einen Tisch setzt. Nur so können Sicherheit und Stabilität wiederhergestellt werden. Aber Frieden kann nicht von außen befohlen werden, er muss in den Herzen beginnen – und das zu vermitteln, ist und bleibt die Aufgabe der Kirchen“, sagte Patriarch Gregorios III. beim Gespräch mit Schulz. Der Parlamentspräsident hob seinerseits hervor, dass die EU mit großer Sorge die Situation in Syrien verfolge: „Es ist für uns wichtig, eine Innenansicht des Kriegsgeschehens und der Situation der Menschen in Syrien zu bekommen. Ihr Besuch hat bei allen Gesprächspartnern einen tiefen Eindruck hinterlassen“. Schulz dankte den Kirchen ausdrücklich für die humanitäre Hilfe und ihren Friedenseinsatz.

Am Sitz der Vereinten Nationen in Genf trafen die Bischöfe mit dem Hochkommissar für Menschenrechte, Prinz Zaid Al-Hussain, und dem Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, zusammen. Dabei lag der Fokus auf einer intensiveren Zusammenarbeit der Kirchen mit den lokalen UN-Institutionen. „Die Vereinten Nationen brauchen die Kirchen als Friedensbotschafter, denn sie erreichen die Herzen der Menschen“, hob Grandi hervor.

Auf die hohe Bedeutung der Christen für die syrische Gesellschaft ging Metropolit George (Abou Zakham) ein. „Christen wird auch von den muslimischen Nachbarn großes Vertrauen entgegengebracht. Das erleben wir auch jetzt bei unseren Hilfsaktionen. Man kann sagen, dass wir der ,Kitt‘ der syrischen Gesellschaft sind“. Aufgabe der Kirchen sei es, die Spaltungen der Kriegsparteien zu überwinden und so den Weg für Frieden zu bereiten. So geschehe es zum Beispiel in seiner Bischofsstadt Homs, wo man eng mit den Muslimen zusammenarbeite. Im Frühjahr und Sommer wurden Stadt und Region Homs von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ befreit. Viele Menschen kehrten jetzt in ihre Heimat zurück. Die Kirche unterstütze Christen wie Muslime gleichermaßen. „Wir erleben, wie das soziale Leben wieder zu blühen beginnt. Das muss auch für die anderen Regionen möglich werden“, sagte der orthodoxe Metropolit.

Mar Silvanos Petros Al-Nemeh fügte hinzu: „Die Präsenz der Christen überall im Land ist die Garantie dafür, dass die Einheit Syriens erhalten bleibt“. Das wirksamste Mittel, den IS zu bekämpfen, sei Bildung: „Ohne Schulen wächst die nächste Generation des IS heran. Die Kirchen bauen überall im Land die Schulen wieder auf. Sie sind offen für jeden“. Mehr als 90 Prozent der Schüler in kirchlichen Schulen seien oft Muslime, „denn die Eltern schätzen die Qualität unserer Ausbildung und wollen, dass ihre Kinder gemeinsam mit Christen aufwachsen“, erklärte der Metropolit..

Derzeit können nach Informationen der „Oxford Research Group“ mehr als zwei Millionen syrische Kinder aufgrund des Krieges keine Schule besuchen. „Die Kirchen sind in einigen Regionen die einzigen, die Unterricht organisieren und der notleidenden Bevölkerung effektiv helfen“, erklärte der Nahost-Experte von „Kirche in Not“, Andrzej Halemba. Auch viele Hilfsorganisationen hätten sich aus Sicherheitsbedenken aus den umkämpften Gebieten zurückgezogen. Umso wichtiger sei es deshalb, die kirchlichen Einrichtungen zu unterstützen, so Halemba: „Nur wenn wir an Ort und Stelle helfen, können wir verhindern, dass noch mehr Menschen flüchten müssen“. (ende)