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Franz König

Pro Oriente

Chaldäischer Patriarch besucht befreite Ninive-Ebene

Kirche wird Flüchtlingen helfen, die in ihre Häuser zurückkehren wollen

Bagdad, 27.01.17 (poi) Eine Delegation der chaldäisch-katholischen Kirche unter Leitung von Patriarch Mar Louis Raphael Sako hat die vor kurzem von der Regierungsarmee befreite Ninive-Ebene besucht. Lokale Politiker empfingen den Patriarchen und seine Delegation am Donnerstag, wie die katholische Nachrichtenagentur „Fides“ berichtet. In der Herz-Jesu-Kirche in Tel Kaif (aramäischer Name: Tel Keppe), wo seit kurzem wieder das von den Dschihadisten entfernte Kreuz auf dem Kirchendach sichtbar ist, betete der Patriarch mit den Gläubigen für den Frieden in der Region und für die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Häuser.

Wie das chaldäische Patriarchat mitteilt, wurden auch erste Spenden der chaldäisch-katholischen Kirche im Umfang von insgesamt fast 500 Millionen Dinar (380.000 Euro) für den Wiederaufbau von Wohnungen und Kirchen bereitgestellt, die während der Herrschaft der IS-Terroristen beschädigt worden sind. Damit soll auch die Rückkehr der Flüchtlinge erleichtert werden, die im August 2014 nach dem Vormarsch der Terroristen fliehen mussten. Die Verwüstung sei vor allem in der Stadt Batnaya besonders groß. In Tel Kaif sei das Ausmaß der Schäden geringer.

In Tel Kaif hatten die Regierungstruppen nach der Befreiung die 60-jährige Christin Georgette Hanna gefunden, die von einer muslimischen Nachbarsfamilie versteckt gehalten wurde. Georgette war es im Juni 2014 nicht gelungen, mit anderen Christen aus Tel Kaif zu fliehen; seither war sie bei ihren muslimischen Nachbarn untergekommen, die sie in ihrer Wohnung versteckt hielten. Mit der Befreiung der Stadt aus der Hand der IS-Terroristen endete nach mehr als zweieinhalb Jahren auch die Isolation dieser irakischen Christin.

Am Donnerstag besuchte Patriarch Sako auch al-Nour, 15 Kilometer von Mosul entfernt. Er wollte u.a. die Heilig-Geist-Kirche ansehen; der für die Kirche zuständige Priester war ermordet worden. Vor Journalisten nahm Mar Louis Raphael Sako auch zur Situation in Mosul Stellung. „Der nordöstliche Teil der Stadt, den die Armee jetzt befreit hat, ist der größere“, erklärte der chaldäische Patriarch: „Der südöstliche Teil, der als nächstes befreit werden soll, ist zwar kleiner, aber auch komplizierter. Die Häuser dort sind alt, es leben mehr Menschen dort, es gibt keine Straßen, das sind eher Gässchen, nur für Fußgänger, Autos kommen dort nicht durch. Darum ist die Lage dort sehr schwierig“.

Der Patriarch ist besorgt über die Härten, denen die Flüchtlinge aus Mosul ausgesetzt sind: „Es ist jetzt wirklich sehr kalt. Die Leute bräuchten eigentlich irgendwelche Wärmequellen, aber die gibt es nicht. Viele dieser Menschen wohnen in Zelten... Es fehlt an Nahrungsmitteln, Medikamenten, Wasser. Eine sehr, sehr schwierige Situation!“ Werden die christlichen Flüchtlinge nach Mosul und in ihre Dörfer in die Ninive-Ebene zurückkehren? Das ist nur eine der vielen Fragen, die den Patriarchen quälen. Was wird überhaupt mit Mosul, der zweitgrößten Stadt des Irak? Wird die Zentralregierung von Bagdad aus wirklich in der Lage sein, die Stadt zu kontrollieren? Oder wird die Stadt der kurdischen Region zugeschlagen?

Die Antwort des Patriarchen an die internationale Gemeinschaft lautet: „Priorität hat die Sicherheit, sodass alle in ihre Häuser zurückkehren können. Dann die Politik: Der Staat sollte eine globale Politik für den Irak entwerfen, an der alle Gruppen teilhaben und wo alle integriert sind. Ich hoffe, dass sich die Regierung einigermaßen neutral verhalten wird und alle Bürger gleiche Rechte genießen können. Wiederaufbau der Häuser, der Infrastruktur, also Wasser, Strom, Schulen, Krankenhäuser – all das müsste bis zum Ende des Sommers über die Bühne sein, damit die Menschen in ihre Häuser zurückkehren können!“

Unter den christlichen Flüchtlingen aus Mosul und der Ninive-Ebene gibt es viele, die sich ein Zusammenleben Tür an Tür mit ihren früheren muslimischen Nachbarn kaum noch vorstellen können - nach allem, was passiert ist, als sich im Zug des Triumphs der IS-Terroristen Muslime am Eigentum ihrer christlichen Nachbarn vergriffen. „Es gibt noch gar keine Christen in Mosul“, sagt der Patriarch: „Sie leben weiter als Flüchtlinge in der kurdischen Region, in Duhok, in Bagdad, in Kirkuk. Und auch viele Muslime haben alles verloren, sie leben in Lagern. Den Menschen hingegen, die in ihren Häusern geblieben sind, mangelt es jetzt an fast allem“.

Trotz allem sieht Mar Louis Raphael Sako Hoffnungszeichen: „Wir als Kirche werden jetzt bald damit anfangen, die Häuser derer, die zurückkehren wollen, wiederaufzubauen oder zu reparieren, vor allem im nördlichen Teil der Ebene. Da gibt es eine ganze Kette von Dörfern, die komplett chaldäisch sind, dorthin können sie zurückkehren! Wir haben in den letzten Tagen eine Liste der Familien erstellt, die sofort zurückkehren wollen, und ein bisschen Geld in allen chaldäischen Eparchien aufgetrieben, um bei dieser Rückkehr zu helfen, um die Häuser zu reparieren. Wenn das erst einmal ins Rollen kommt, wird das auch andere zu einer Rückkehr ermutigen. Es ist ein Anfang. Danach werden wir noch mehr tun. Wir werden unsere Gläubigen, aber auch katholische Hilfswerke wie ‚Kirche in Not‘, Caritas usw. bitten, uns zu unterstützen, denn es wäre schade, wenn all diese Menschen weggehen und nicht in ihre Dörfer zurückkehren würden“. (ende)