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Franz König

Pro Oriente

Jerusalem als „Sehnsuchtsort dreier Religionen“

„Pro Oriente“-Veranstaltung mit P. Nikodemus Schnabel, dem Prior-Administrator der Dormitio-Abtei auf dem Berg Zion, am 6. Februar im „Quo vadis?“-Zentrum am Stephansplatz

Wien, 03.02.17 (poi) Jerusalem als „Sehnsuchtsort dreier Religionen“ steht im Mittelpunkt einer „Pro Oriente“-Veranstaltung mit P. Nikodemus Schnabel OSB am Montag, 6. Februar, um 19 Uhr im „Quo vadis?“, dem geistlichen Zentrum im Zwettlerhof am Stephansplatz 6. P. Nikodemus ist Prior-Administrator der Dormitio-Abtei in Jerusalem (und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft), er gehört auch der „Pro Oriente“-Kommission junger orthodoxer und katholischer Theologinnen und Theologen an. Er ist vor 14 Jahren in die Abtei auf dem Berg Zion eingetreten. Originalzitat des Benediktiners: "Wer so verrückt ist, im 21. Jahrhundert Mönch zu werden, der kann es auch gleich in Jerusalem tun!" In seinem Vortrag unter dem Titel „Du sollst ein Segen sein: Abrahams Kinder heute“ schildert P. Nikodemus das von historischen und aktuellen Konflikten geprägte Zusammenleben in Jerusalem. Er geht der Frage nach, was an Herausforderungen vielleicht neu dazugekommen oder bereits längst überholt ist, welches Miteinander nicht oder doch möglich ist und warum Jerusalem Heimat für Juden, Christen und Muslime bedeutet.

Auch die Dormitio hat bewegte Zeiten hinter sich. Am 26. August 2016 ernannte Abt P. Ansgar Schmidt OSB, Abtpräses der Benediktinerkongregation von der Verkündigung (zu der auch die Dormitio-Abtei in Jerusalem gehört), P. Nikodemus mit sofortiger Wirkung für 18 Monate zum Prior-Administrator der Dormitio-Abtei. P. Nikodemus war zuvor u.a. Subprior und Pressesprecher der Gemeinschaft. Als Prior-Administrator hat er praktisch dieselben Rechte und Pflichten wie ein Abt. Diese Personalentscheidung bildete den Abschluss einer schwierigen Zeit für die Dormitio, zu der neben der Abtei auf dem Zionsberg auch das abhängige Priorat Tabgha am See Genezareth gehört, das im Sommer 2015 Angriffsziel eines verheerenden Brandanschlags wurde. Im November 2015 zog sich der damalige Abt der Dormitio, P. Gregory Collins OSB, zunächst in eine Sabbatzeit zurück und erklärte dann Ende Juni 2016 seinen Rücktritt.

Nach Ablauf der 18 Monate, also im Frühjahr 2018, wird die Mönchsgemeinschaft zu einer Abtwahl zusammenkommen. Die Monate bis dahin dienen der Konsolidierung der Gemeinschaft im Inneren, aber auch im Äußeren, vor allem was den Wiederaufbau von Tabgha betrifft. Dank vieler jüngerer Brüder und einer gesunden Altersstruktur der Gemeinschaft haben die derzeit 16 Heilig-Land-Mönche der Dormitio und von Tabgha allen Grund, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen.

Der aus Stuttgart stammende P. Nikodemus hat seine Erfahrung der Heiligen Stadt, die zugleich Brennpunkt des Nahostkonflikts ist, in seinem Buch „Zuhause im Niemandsland. Mein Leben im Kloster zwischen Israel und Palästina“ verarbeitet. Das Buch erschien im September 2015 im „Herbig“-Verlag. Der Titel des Buches bezieht sich darauf, dass die Dormitio-Abtei im streng völkerrechtlichen Sinn im „Niemandsland“ liegt. Vielleicht dient sie auch deshalb oft als Begegnungsstätte für Geistliche unterschiedlicher Konfession, Politiker, Diplomaten und Korrespondenten aus aller Welt. Als Mönch erlebte P. Nikodemus hautnah die Konflikte der Heiligen Stadt, Feindseligkeiten ebenso wie Toleranz und interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen. In seinem Buch „Zuhause im Niemandsland“ versuchte er, die Fragen zu beantworten, die ihm Besucherinnen und Besucher aus aller Welt immer wieder stellen: Wie ist das Leben im Kloster an dieser Nahtstelle des Nahostkonflikt und wie das Mit- und Gegeneinander der verschiedenen Religionen im Heiligen Land? Was fasziniert ihn an dieser Stadt und wie ist das Leben für die Christen? In seinen reflektierten Beobachtungen und seinem kritischen Hinterfragen aller einfachen Lösungen zeigt der Benediktiner, der mit 24 in die Abtei auf dem Berg Zion eingetreten ist, dass es abseits der plakativen medialen „Wahrheit“ noch sehr viele Zwischentöne gibt.

Die Benediktinerabtei „Dormitio“ gehört als Blickfang zur Silhouette Jerusalems. Der Bau des Klosters auf dem Zionsberg am Rande der Altstadt begann im März 1906. Es befindet sich dort, wo nach kirchlicher Überlieferung das Letzte Abendmahl Jesu und die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Apostel stattfanden. Seine Entstehung verdankt das Kloster einem Besuch von Kaiser Wilhelm II. in Jerusalem. (ende)