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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

„Pro Oriente“-Dialoge sind mehr als „gelehrte Symposien“

Prof. Winkler beim 5. „Colloquium Syriacum“: Es geht um positive Auswirkungen für die Gläubigen der Kirchen der syrischen Tradition an der Basis

Wien, 22.02.17 (poi) Die ökumenischen Dialoge der Stiftung „Pro Oriente“ mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen sind nicht nur gelehrte Symposien, vielmehr sei das eigentliche Ziel eine positive Auswirkung für die Gläubigen dieser Kirchen an der Basis. Dies betonte der Salzburger Ostkirchenexperte (und Vorsitzende der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion) Prof. Dietmar W. Winkler beim 5. „Colloquium Syriacum“ von „Pro Oriente“, das derzeit in Wien stattfindet. Angesichts der problematischen Situation in den ursprünglichen Heimatländern der orientalisch-orthodoxen Christen und der Schwierigkeiten in der Diaspora wäre es notwendig, eine Vereinbarung über das sakramentale Leben und die entsprechende Praxis abzuschließen, wie das bereits 1984 zwischen der syrisch-orthodoxen Kirche und der römisch-katholischen Kirche geschehen sei, so Prof. Winkler. Eine solche Vereinbarung zwischen allen betroffenen Kirchen sollte es ermöglichen, einander im Fall seelsorglicher Notwendigkeiten zu unterstützen. Wörtlich sagte Prof. Winkler in diesem Zusammenhang: „Es gibt einen dringenden Bedarf für ökumenische pastorale Lösungen schon jetzt, bevor wir unsere volle Gemeinschaft entdeckt haben“.

Der Leiter des Salzburger „Zentrums zur Erforschung des Christlichen Ostens“ (ZECO) verwies beim „Colloquium Syriacum“ auf die Bedeutung der „Pro Oriente“-Dialoge, die – weil „inoffiziell“ – einen offenen Meinungsaustausch zwischen orthodoxen bzw. orientalisch-orthodoxen Theologen und ihren römisch-katholischen Kollegen ermöglichen. Dieser „inoffizielle“ Dialog habe vielfach Wege für die Aufnahme des offiziellen Dialogs auf der Ebene der Kirchenleitungen ermöglicht.

Als besonders eindrucksvolles Beispiel nannte Prof. Winkler das 1984 von Papst Johannes Paul II. und dem syrisch-orthodoxen Patriarchen Mar Ignatius Zakka I. Iwas unterzeichnete Übereinkommen über die Christologie, dessen Basis die 1971 bei der ersten „Pro Oriente“-Konsultation zwischen orientalisch-orthodoxen und römisch-katholischen Theologen erzielte „Wiener Christologische Formel“ ist. In dem Übereinkommen von 1984 werde zwar festgestellt, dass es noch keine „volle“ glaubensmäßige Übereinstimmung zwischen den beiden Kirchen gibt, dass aber trotzdem die pastorale Zusammenarbeit im sakramentalen Leben möglich ist. Papst und Patriarch hätten damals festgelegt, dass sich angesichts der „bedenklichen Bedingungen in diesen schwierigen Zeiten“ syrisch-orthodoxe und römisch-katholische Gläubige an Priester der jeweils anderen Kirche wenden könnten, um die Sakramente der Buße, der Eucharistie und der Krankensalbung zu empfangen. Im Hinblick darauf hätten Johannes Paul II. und Mar Ignatius Zakka I. Iwas auch für Zusammenarbeit bei der Priesterausbildung und der theologischen Erziehung plädiert. Prof. Winkler merkte an, dass die Zeiten seit 1984 sogar noch „schwieriger“ geworden seien. Daher könne man sich die Frage stellen, ob die Vereinbarung von 1984 nicht auch ein Modell für andere Kirchen der syrischen Tradition sein könnte.

Der Salzburger Ostkirchenexperte verwies darauf, dass viele Christen den Nahen Osten wegen der Kriege in ihren Heimatländern verlassen müssen. Ökumenischer Dialog und ökumenische Beziehungen bedeuteten daher heute nicht nur „theologischen Disput“, sondern verlangten auch Hilfe, Unterstützung und Solidarität. Prof. Winkler: „Der Ökumenismus ist jetzt noch wichtiger, weil ‚orientalische‘ und ‚westliche‘ Christen Nachbarn geworden sind“. Diese „existenziellen Tatsachen“ müssten mitbedacht werden, wenn man über Identität, Dialog und Ökumenismus diskutiere.

Im Hinblick auf das Thema des 5. „Colloquium Syriacum“ – „Identität und Zeugnis: Der Beitrag der syrisch-christlichen Tradition für die universale Kirche und die Welt“ - unterstrich Prof. Winkler die außerordentliche Bedeutung dieser Tradition für die ganze Christenheit. Die zentrale Frage sei, wie die syrische Tradition und die entsprechenden Kirchen ihr reiches Erbe in neuen und unterschiedlichen Kontexten und im Bewusstsein einer sich ständig verändernden Welt und Modernität bewahren können.

Gedenken an die entführten Metropoliten von Aleppo

Die Bedeutung des 5. „Colloquium Syriacum“ kam auch in den Grußworten kirchlicher Verantwortungsträger zum Ausdruck, die im Pallotti-Haus verlesen wurden. Im Grußwort von Kardinal Christoph Schönborn wurde daran erinnert, dass die Kirchen der syrischen Tradition das „ungebrochene Erbe des Frühchristentums“ repräsentieren. Die Bewahrung dieses Erbes auch in der Diaspora sei von besonderer Bedeutung. Der Wiener Erzbischof – und Vorsitzende des „Pro Oriente“-Kuratoriums – dankte den österreichischen Ordensgemeinschaften für ihre Sponsorentätigkeit im Hinblick auf das „Colloquium Syriacum“.

Msgr. Gabriel Quicke vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen überbrachte die Überzeugung seines Präsidenten, Kardinal Kurt Koch, dass die ganze Kirche „von den orientalischen Christen lernen kann“. Kardinal Koch verwies darauf, dass die syrische Tradition für die Entwicklung des Christentums im ersten Jahrtausend ebenso wichtig war wie die griechische und die lateinische Tradition. Die Kirchen der syrischen Tradition hätten sowohl im Römischen Reich als auch im Persischen Reich außerordentliche Bedeutung gehabt. „Pro Oriente“ trage dazu bei, die kostbaren Schätze der syrisch-christlichen Literatur, der Liturgie, der Kirchengeschichte allgemein zugänglich zu machen.

Kardinal Koch unterstrich in seinem Grußwort, dass die Kirchen der syrischen Tradition heute mit den „tragischen Konsequenzen des Terrorismus“ konfrontiert seien. Sein Gebet gelte der Beendigung der Konflikte, unter denen gerade die Christen im Nahen Osten so viel zu leiden hätten. In diesem Zusammenhang erinnerte der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen an die beiden entführten Metropoliten von Aleppo, Mar Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi, sowie „an alle anderen Entführten“. Es gebe heute eine „Ökumene des Martyriums“, so der Kardinal. Wie im Altertum sei auch in der Gegenwart das Blut der Märtyrer Same eines neuen Aufbruchs der Christenheit.

Der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako – der erst vor wenigen Tagen mit dem Kardinal-König-Solidaritätspreis der Kardinal-König-Stiftung ausgezeichnet worden ist – erinnerte in seinem Grußwort an den großen Beitrag von „Pro Oriente“ für die Ökumene im Nahen Osten: „Der Geist geschwisterlicher Liebe und gegenseitigen Respekts ist an die Stelle des früheren wechselseitigen theologischen Verdachts getreten“. Die Toleranz und die ökumenische Entschlossenheit Kardinal Königs, des Gründers von „Pro Oriente“, habe weit über die Grenzen Österreichs hinaus große Wirkung entfaltet.

„Pro Oriente“ habe durch den theologischen Dialog und die Ermöglichung des ehrlichen Austausches zwischen den getrennten Christen auf allen Ebenen wesentlich zum ökumenischen Fortschritt beigetragen, so der chaldäische Patriarch. Wörtlich fügte Mar Louis Raphael Sako hinzu: „Ich erlaube mir den Wunsch, dass ‚Pro Oriente‘ auch einen rationalen Dialog zwischen Muslimen und Christen ermutigen möge, denn eine solche Versöhnung ist der einzige Weg, um Stabilität in unserem Land und in der ganzen Region zu sichern. Das gilt besonders für diesen Augenblick, in dem wir dem Gebrauch und Missbrauch der Religion für politische Zwecke begegnen“.

Mar Louis Raphael Sako ist seit langem mit „Pro Oriente“ verbunden. U.a. organisierte er – damals noch als Metropolit von Kirkuk – im Mai 2010 mit „Pro Oriente“ in Suleimaniyah eine Studientagung zur Vorbereitung der römischen Bischofssynode für den Nahen Osten. Es war die einzige ökumenische Vorbereitungstagung, Repräsentanten der orientalisch-orthodoxen Kirchen und der Apostolischen Kirche des Ostens nahmen teil.

„Pro Oriente“-Präsident Johann Marte unterstrich bei der Eröffnung des 5. „Colloquium Syriacum“, dass es in Zeiten ständiger Veränderung besonders wichtig sei, dass die ökumenische Freundschaft unverändert bleibt. An die Adresse der Kirchen der syrischen Tradition gewandt, betonte Marte: „Wir möchten Ihnen einen Ort der Begegnung bieten, an dem Sie Kraft, Mut und neue Hoffnung schöpfen können“. Beim Solidaritätsbesuch des Präsidenten der Kardinal-König-Stiftung, Bischof Manfred Scheuer, in Erbil habe er vor wenigen Tagen wieder feststellen können, wie die orientalischen Christen in ungebrochener Treue den Glauben des Evangeliums bekennen. (forts mgl)