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Franz König

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Irak: „Tiefer Schmerz“ des Patriarchen über die zivilen Opfer in Mosul

Mar Louis Raphael Sako wird persönlich Hilfslieferungen an 4.000 muslimische Familien übergeben, die aus dem Westteil der Millionenstadt am Tigris geflüchtet sind

Bagdad, 27.03.17 (poi) Die Tötung schuldloser Zivilisten im Zusammenhang mit den militärischen Operationen der internationalen Koalition zur Befreiung der Großstadt Mosul aus der Hand der IS (Daesh)-Terroristen hat in der chaldäisch-katholischen Kirche „tiefen Schmerz und Bestürzung“ ausgelöst, wie aus einem von Patriarch Mar Louis Raphael Sako unterzeichneten Kommunique hervorgeht. An alle an der Mosul-Offensive beteiligten militärischen Einheiten wird appelliert, die „international anerkannten Regelungen“ zu respektieren, damit der Verlust an Menschenleben möglichst gering gehalten wird. Es gebe moralische und religiöse Verpflichtungen zum Schutz der Schuldlosen auch auf Kriegsschauplätzen. Ausdrücklich wird in dem in Bagdad veröffentlichten Kommunique betont, dass man in der chaldäischen Kirche mit großer Aufmerksamkeit die militärische Intervention zur Befreiung Mosuls verfolge, den irakischen Soldaten wird der Dank für ihre Opferbereitschaft ausgesprochen und die Zufriedenheit über den Vormarsch der Truppen in der zweitgrößten Stadt des Irak zum Ausdruck gebracht.

Das chaldäische Patriarchat informiert darüber, dass kirchliche Hilfsmaßnahmen zur Nahrungsmittelversorgung der aus Mosul geflüchteten Zivilisten angelaufen sind. In den nächsten Tagen wird der chaldäische Patriarch persönlich 4.000 muslimischen Familien Hilfslieferungen übergeben. Die Kirche mache bei der Verteilung von Hilfsgütern keine Unterschiede im Hinblick auf Ethnie oder Religionsbekenntnis. Mar Louis Raphael Sako und seine Mitarbeiter appellieren an die internationale Gemeinschaft, das Problem der Flüchtlinge aus der Millionenstadt ernsthaft anzugehen. Abschließend wird in dem Kommunique die Hilfe Gottes im Hinblick auf die Wiederherstellung von Sicherheit, Frieden und Stabilität im Irak angerufen.

Im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ betonte der chaldäisch-katholische Patriarch, dass die Befreiung von Mosul aus der Gewalt der IS-Terroristen „schwierig, aber notwendig“ sei. Bisher habe die militärische Offensive im Westteil der Millionenstadt 4.000 Tote gefordert, 10.000 Wohnungen seien zerstört worden: „Wahrhaft eine Tragödie“. Mar Louis Raphael Sako erinnerte daran, dass „die Christen keine Rache wollen“. Einmal mehr gehe es ihm darum, die Brückenfunktion der Christen und ihre Aufgabe als Wegbereiter des Friedens zu betonen.

In der Altstadt von Mosul mit ihren schmalen Gassen und hohen Häusern stehen die ältesten Kirchen des Zweistromlandes und einige wichtige Klöster. Die Gebäude stammen aus dem 4. bis 7. Jahrhundert und stellen nicht nur kostbare kirchliche Zeugnisse dar, „sondern gehören auch zum historischen und kulturellen Erbe des Irak“. Auch deshalb sei die Befreiung der Stadt notwendig, so der Patriarch. Aber es müsse alles getan werden, damit es so wenig zivile Opfer gebe wie möglich.

Am 17. März waren bei einem Luftangriff der US-geführten internationalen Koalition mehr als 100 Zivilisten getötet worden; es gab auch Informationen, die von bis zu 240 Opfern sprachen. Die IS-Terroristen benützten die Zivilbevölkerung als „menschlichen Schutzschild“, bedauerte Mar Louis Raphael Sako. In der Stadt gab es Gerüchte, dass beim Angriff am 17. März eine halbe Tonne Bomben benützt worden sei, um einen Heckenschützen auf dem Dach eines Hauses unschädlich zu machen, in dem Hunderte Menschen Zuflucht gesucht hatten. (ende)