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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Papst Franziskus gedachte der neuen Märtyrer

Zugleich nahm er bei seinem Besuch in der von der Gemeinschaft Sant’Egidio betreuten Basilika San Bartolomeo auf der römischen Tiber-Insel neuerlich unmissverständlich zur Flüchtlingsdiskussion Stellung – „Viele Flüchtlingslager sind Konzentrationslager, schon wegen der Menschenmenge, die sich dort zusammendrängt“

Rom, 23.04.17 (poi) Die Bedeutung der „neuen Märtyrer“ hat Papst Franziskus am Samstagabend bei einer Gedenkfeier der Gemeinschaft Sant’Egidio in der Basilika San Bartolomeo auf der römischen Tiber-Insel betont. Das Gedenken an die heroischen Zeugen des Evangeliums in frühchristlicher wie in heutiger Zeit stärke das Bewusstsein für die „Kirche der Märtyrer“, sagte der Papst und fügte hinzu: „Die Kirche braucht sowohl Märtyrer als auch ‚Heilige des Alltags‘“. Ohne sie könne die Kirche nicht voranschreiten. Die Heiligen des Alltags, des konsequent geführten normalen Lebens, seien genauso wichtig wie jene, „die den Mut haben, die Gnade zu akzeptieren, Zeugen bis zum Ende zu sein, bis zum Tod um des Glaubens willen“.

Wenn man genauer hinsehe, stelle sich heraus, dass die die Ursache der Christenverfolgung immer der Hass ist, erinnerte Papst Franziskus und verwies auf das Jesus-Wort aus dem Johannes-Evangelium: „Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat“. Das lebendige Erbe der Märtyrer gebe den Christen heute „Frieden und Einheit“. „Sie lehren uns, dass man mit der Kraft der Nächstenliebe, mit der Milde gegen Anmaßung, Gewalt, Krieg ankämpfen und den Frieden mit Geduld verwirklichen kann“, so der Papst.

Im Rahmen der Gedenkfeier in San Bartolomeo nahm Papst Franziskus neuerlich unmissverständlich zur Flüchtlingsdiskussion Stellung. Er wolle zu den Ikonen der „neuen Märtyrer“ in der Basilika auf der Tiber-Insel eine weitere hinzufügen, das Bild einer jungen Syrerin, von der er bei seinem Besuch (gemeinsam mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I.) auf Lesbos gehört habe. Ein zirka 30-jähriger Flüchtling aus Syrien mit drei Kindern habe ihm gesagt, berichtete der Papst sichtlich bewegt: „Vater, ich bin Muslim. Meine Frau war Christin. Die Terroristen sind gekommen, sie haben von meiner Frau verlangt, dass sie ihr Kruzifix auf den Boden wirft. Sie hat es nicht getan und daraufhin haben sie sie vor meinen Augen abgeschlachtet. Wir hatten uns so sehr geliebt“.

Er wisse nicht, ob dieser junge Mann noch auf Lesbos sei oder ob es ihm gelungen sei, woanders hin zu kommen. Wörtlich sagte Papst Franziskus: „Ich weiß nicht, ob es ihm gelungen ist, aus diesem Konzentrationslager herauszukommen. Viele Flüchtlingslager sind Konzentrationslager, schon wegen der Menschenmenge, die sich dort zusammendrängt“. Mit deutlicher Bezugnahme auf die Situation in Griechenland und Italien fügte der Papst hinzu, dass die „großzügigen Völker“, die die Flüchtlinge aufnehmen, auch diese Last tragen müssen, weil die internationalen Abkommen offenbar wichtiger seien als die Menschenrechte.

Zum Abschied wurde der Papst vor der Basilika noch deutlicher: “Denken wir an die Grausamkeit, die sich heute gegen so viele Menschen richtet, die Ausbeutung der Leute…Die Leute kommen in Booten an, sie bleiben in großzügigen Ländern wie Italien und Griechenland, die sie aufnehmen, aber dann lassen die internationalen Verträge nicht mehr zu. Wenn in Italien jede politische Gemeinde zwei Migranten aufnehmen würde, wäre Platz für alle. Die Großzügigkeit des Südens – Lampedusa, Sizilien, Lesbos - sollte auch den Norden anstecken. Es stimmt: Wir sind eine Kultur, die keine Kinder hat, aber wir verschließen auch die Tore vor den Migranten. Das nennt sich Selbstmord. Beten wir !“

Bei der Abschiedszeremonie gab es eine Begegnung des Papstes mit einer Gruppe von Flüchtlingen, die von der Gemeinschaft Sant’Egidio betreut wird. Unter den Flüchtlingen war auch der junge Eritreer Tadese Fisaha, ein Überlebender des großen Unglücks vom 3. Oktober 2013, bei dem zahlreiche afrikanische Flüchtlinge (vor allem Christen aus Eritrea) ertranken. Fisaha überreichte dem Papst eine Fotografie, auf der viele der Opfer des 3. Oktober 2013 zu sehen sind.

Beim Wortgottesdienst hatte ein syrischer Flüchtling aus Aleppo, der durch das italienische (mittlerweile von Frankreich nachgeahmte) System der „humanitären Korridore“ nach Rom gekommen war, dem Papst die Skulptur einer Taube von der Ikonostase einer während der Kämpfe schwer beschädigten Kirche in der nordsyrischen Metropole überreicht. Die Skulptur hat auf dem Altar der Kapelle in San Bartolomeo, die dem Andenken der nahöstlichen Märtyrer gewidmet ist, einen neuen Platz gefunden.

Im Rahmen des Gottesdienstes kamen auch drei „Zeugen“ zu Wort, die über drei mit ihnen verbundene Märtyrer berichteten. Dabei handelte sich um Karl A. Schneider, den Sohn des im Juli 1939 im KZ Buchenwald ermordeten evangelischen Pastors Paul Schneider, der überzeugt war, dass die Ziele der Nationalsozialisten mit der Botschaft des Evangeliums unvereinbar seien, um Roselyne Hamel, die Schwester des im Juli 2016 von zwei radikalisierten Jugendlichen kabylischer Herkunft ermordeten 85-jährigen französischen Priesters Jacques Hamel, und um Francisco Guevara, einen Freund des im September 2009 ermordeten jungen salvadorianischen katholischen Aktivisten William Quijano.

Schon bei der Begrüßung des Papstes hatte Prof. Andrea Riccardi, der Gründer von Sant’Egidio, betont: „Die Märtyrer erinnern daran, dass die Christen nicht durch Macht, Waffen, Geld, Konsens siegreich sind, sondern nur durch die demütige Kraft von Glaube und Liebe“. In einer von Gewalt, Krieg und Terrorismus gekennzeichneten Epoche bedürfe es vor allem eines Sieges des Friedens und der Humanität. Zugleich versicherte Riccardi Papst Franziskus des Gebets für dessen bevorstehende Reise nach Ägypten, „das Land der Märtyrer und des Dialogs“.

Gedenken der Märtyrer vereint die Christen

In seinem Leitartikel für die neueste Ausgabe der italienischen katholischen Zeitschrift „Famiglia Cristiana“ hatte Prof. Riccardi daran erinnert, dass die Basilika San Bartolomeo das Gedenken an die „Märtyrer unserer Zeit“ bewahrt. Darin komme ein Bewusstsein zum Ausdruck, das im Jubiläumsjahr 2000 herangereift ist: „Die Kirche ist wieder eine Gemeinschaft von Märtyrern geworden wie in den ersten Jahrhunderten“. Dieser Gedanke sei damals vielen nicht bewusst gewesen, „denn die Christen wurden eher als Verfolger und nicht als Verfolgte angesehen“. Johannes Paul II. sei vom Gegenteil überzeugt gewesen: Er sei zunächst Zeuge der nationalsozialistischen Verfolgung und des Massakers an den Juden gewesen und habe anschließend den antireligiösen Kampf des Kommunismus erlebt. „Für ihn war das 20. Jahrhundert das Jahrhundert der Märtyrer“, so Riccardi: „Daher rief er eine Kommission ins Leben, die Geschichten von neuen Märtyrern sammelte (sie tagte in der Nähe von San Bartolomeo). Viele leidvolle und häufig unbekannte Geschichten kamen zum Vorschein. Am 7. Mai 2000 leitete Johannes Paul II. in San Bartolomeo im Beisein einiger Zeugen der Verfolgung eine ökumenische Gedenkfeier für die neuen Märtyrer, denn das Blut der Märtyrer vereint die Christen“.

Auf Initiative der Gemeinschaft Sant’Egidio und durch eine Entscheidung von Johannes Paul II. sei San Bartolomeo zum Gedenkort für die neuen Märtyrer geworden. In der Apsis befinde sich eine große Ikone der Glaubenszeugen, u.a. mit Erzbischof Romero aus El Salvador, den Armeniern, die ab 1915 Opfer des jungtürkischen Völkermords wurden, den von italienischen Faschisten 1937 getöteten äthiopischen Mönchen von Debra Libanos, mit russischen Christen und vielen anderen.

In den sechs Kapellen gebe es einige „Reliquien“ der heutigen Märtyrer: Den Kelch von Don Andrea Santoro, der in der Türkei (in Trapezunt) getötet wurde, das Zingulum des argentinischen Bischofs Angelelli, der von den Militärs ermordet wurde, die Bibel eines jungen Mannes aus Ruanda, der beim Genozid ums Leben kam, oder der Brief eines evangelischen Pastors aus dem NS-deutschen Konzentrationslager Buchenwald. Riccardi: „Ihr Gedenken ruft jedoch nicht zur Rache auf. Die Märtyrer offenbaren, dass der Christ eine ‚schwache Kraft‘ besitzt, die Kraft des Glaubens und der Liebe, um dem Bösen Widerstand zu leisten. Das Testament der Märtyrer muss in der Kirche von heute geöffnet und gelebt werden“. (ende)