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Franz König

Pro Oriente

Maronitischer Patriarch besucht Saudiarabien

Beginn einer neuen Haltung gegenüber anderen Religionen? – Kardinal Rai wird auch mit König Salman und dem Kronprinzen zusammentreffen

Beirut-Riad, 03.11.17 (poi) Der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, wird in den kommenden Wochen auf Einladung der dortigen Behörden Saudiarabien besuchen. Dies hat nun auch offiziell das maronitische Patriarchat bestätigt. “Der Besuch als solcher könnte der Beginn einer neuen Haltung Saudiarabiens gegenüber anderen Religionen sein”, so der Apostolische Vikar für das südliche Arabien, Bischof Camillo Ballin, im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „Fides“. Zu dem Besuch wurde der Kardinal-Patriarch vom Geschäftsträger der saudischen Botschaft im Libanon, Walid Bukhari, eingeladen, der das Oberhaupt der maronitisch-katholischen Kirche am 1. November in der Patriarchalresidenz in Bkerke besucht hatte. Bei seinem Besuch in Saudiarabien soll Kardinal Rai nach Angaben von Bukhari auch König Salman und dem Kronprinzen Mohamed bin Salman begegnen.

Die Einladung von Patriarch Rai entspricht der neuen Strategie der saudischen Regierung gegenüber dem Libanon, mit der man die Konsolidierung der Beziehungen zwischen dem Iran und dem Libanon ausgleichen will. Bereits Ende Oktober hatte der libanesische Premierminister Saad Hariri den Kronprinzen Mohamed bin Salman und den saudischen Untersekretär für die Beziehungen zu den Golfländern, Thamer al Sabhan, in Riad besucht. Die maronitischen Politiker Samir Geagea und Sami Gemayel wurden vom saudiarabischen Kronprinzen bereits im September empfangen.

Auch unter kirchlichen Gesichtspunkten scheint der Besuch von Kardinal Rai in Saudiarabien von Bedeutung. Bisher hatte nur der damalige griechisch-orthodoxe Patriarch von Antiochien, Elias IV., im Jahr 1975 offiziell Saudiarabien besucht. Bechara Boutros Rai ist der erste Kardinal, der offiziell als Gast der Regierung nach Saudiarabien kommt.

Saudiarabien verbietet im Sinn der wahabitischen Ideologie auf seinem Territorium den christlichen Gottesdienst und schon gar den Bau von Kirchen, obwohl zahlreiche christliche Arbeitsmigranten in dem Land leben, unter ihnen mindestens 1,5 Millionen Katholiken (vor allem aus Indien und von den Philippinen). Riad unterhält keine diplomatischen Beziehungen zum Heiligen Stuhl, doch am 6. November 2007 wurde König Abdullah von Papst Benedikt XVI. in Audienz empfangen. Er war damit der erste saudische König, der einen Papst besucht hatte.

„Last ist zu groß für den Libanon“

Der maronitische Kardinal-Patriarch hatte erst vor wenigen Tagen – nach seine Rückkehr von einer Pastoralvisite in den USA, wo er auch am Kongress „In Defense of Christians“ teilgenommen hatte – in einem Interview mit der Beirutiner Tageszeitung „L’Orient Le Jour“ die Gefährdung des Libanon auf „politischer, wirtschaftlicher, demographischer und kultureller Ebene“ durch die Präsenz der syrischen und palästinensischen Flüchtlinge betont. Diese Flüchtlinge stellten mittlerweile mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung der Zedernrepublik.

Der Zustrom der Palästinenser und Syrer habe die Bevölkerungszahl des kleinen Libanon mit seinen 10.000 Quadratkilometern von vier auf sechs Millionen anwachsen lassen, betonte der Kardinal-Patriarch. Der Libanon habe diese Flüchtlinge im Geist der Solidarität aufgenommen, aber das Land könne sich nicht für die anderen opfern. Wörtlich sagte Rai: „Die Flüchtlinge müssen zurückkehren. Die Last ist für uns zu groß geworden“.

Im Hinblick auf die Situation der Christen im Nahen Osten plädierte der maronitische Patriarch für eine differenzierte Betrachtungsweise. Es gebe Verfolgungen, aber keine Völkermord-Bewegung. Wörtlich stellte der Kardinal-Patriarch fest: „Alle sagen, dass man die Präsenz der Christen im Nahen Osten bewahren muss. Das würde bedeuten: Schluss mit dem Krieg, gerechter, dauerhafter und globaler Friede; Recht auf Rückkehr für alle, die ihre Heimat verlassen mussten. Aber das hören wir nicht“.

Der maronitische Patriarch plädierte dafür, zwischen dem Islam und den Integralisten, Fundamentalisten und Terroristen zu unterscheiden, die „im Namen des Islam Zerstörung bringen“. Die historische Erfahrung habe den orientalischen Christen gezeigt, wie man mit den Muslimen leben könne. Aber mit den jetzigen Kriegen seien gerade die Christen die „großen Verlierer“. (ende)