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Franz König

Pro Oriente

Chaldäischer Patriarch: „Neue irakische Verfassung muss Gleichheit aller Bürger sichern“

„Daesh ist militärisch besiegt, aber ideologisch prägt das Denken der Terroristen nach wie vor das Bewusstsein vieler Menschen im Irak“

Paris-Bagdad-Erbil, 19.11.17 (poi) Für eine irakische Verfassung, die „die Gleichheit aller Bürger sichert“, hat sich der chaldäisch-katholische Mar Louis Raphael Sako bei einem Besuch in Paris ausgesprochen. Wörtlich stellte der Patriarch fest: „Ich bin irakischer Bürger, es kommt nicht darauf an, ob ich Christ, schiitischer Muslim, sunnitischer Muslim, Kurde bin. Die Religion darf uns nicht trennen. Die Religion ist eine persönliche Entscheidung: Ich muss frei sein, zu glauben oder nicht zu glauben, die Religion darf nicht aufgezwungen werden“. Keinesfalls dürfe die Religion die normale Abwicklung der Staatsangelegenheiten prägen. Die Erarbeitung einer neuen Verfassung sei aber schwer in einem Land, in dem der Islam eine nationale und zivile Identität darstellt, sagte Mar Louis Raphael Sako. Die IS (Daesh)-Terroristen seien militärisch besiegt worden, aber ideologisch prägten sie nach wie vor das Bewusstsein vieler Menschen.

Die vorrangige Sorge der Menschen im Irak gelte heute der Sicherheit und der Stabilität, betonte der chaldäische Patriarch. Das Land benötige eine gesunde Laizität. Daher genüge es für den Wiederaufbau nicht, Steine und Ziegel aufeinander zu schichten, es müsse auch ein Wiederaufbau der Gesellschaft erfolgen, die von den Verwüstungen durch die IS-Terroristen zutiefst betroffen sei.

Mar Louis Raphael Sako war zu einem Besuch des „Institut du Monde Arabe“ (IMA) nach Paris gekommen, wo derzeit die großartige Ausstellung „Christen des Orients. 2.000 Jahre Geschichte“ gezeigt wird. Er traf aber auch mit dem Präsidenten des Senats, Gerard Larcher, und anderen Senatoren zusammen. Außerdem konferierte er auch mit dem Direktor des kirchlichen „Oeuvre d’Orient“, Msgr. Pascal Gollnisch, und dessen Mitarbeitern.

In ähnlichem Sinn wie Mar Louis Raphael Sako hat sich auch einer seiner engsten Mitarbeiter, Kurienbischof Shlemon Warduni, in einem Interview mit der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ geäußert. Alle Bürger müssen vor der Verfassung gleich sein, betonte Warduni. Der Einsatz der Christen des Irak für Frieden, Sicherheit und staatsbürgerliches Zusammenleben ziele auf die Verwirklichung dieses Prinzips. Nach den Jahren des Krieges und der interkonfessionellen Gewalt müsse der Wiederaufbau auf den „Säulen von Gerechtigkeit und Freiheit“ erfolgen. Man könne nicht von Gewissensfreiheit sprechen, wenn die „Sharia“, das islamische kanonische Recht, die Regierungstätigkeit präge, wie das leider auch auf Grund der Verfassung von 2005 der Fall sei.

Bischof Warduni nannte zwei signifikante Beispiele: Die minderjährigen Kinder eines zum Islam konvertierten Elternteils werden automatisch ebenfalls als Muslime geführt. Erst mit 18 können sie entscheiden, ob sie wieder Christen sein wollen. „Wo bleiben da Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit?“, fragte der Bischof. Ebenso inakzeptabel sei ein Gesetzesvorschlag, der minderjährigen Mädchen – „bis hinunter zu neun Jahren“ – Eheschließungen erlauben will. Es gebe eine Gruppe von Parlamentariern, die dieses „schändliche Gesetz“ durchdrücken wolle. In den letzten Wochen sei es im Irak allerdings zur Bildung einer breiten Koalition von Persönlichkeiten vor allem aus den Bereichen von Zivilgesellschaft und Kultur gekommen, die das unter allen Umständen verhindern möchten.

Der Kurienbischof nahm in dem Interview aber auch auf die Spannungen zwischen der Zentralregierung in Bagdad und der autonomen kurdischen Regionalregierung in Erbil
Bezug. Diese Spannungen behinderten auch die Rückkehr der christlichen Vertriebenen in die Städtchen und Dörfer der Ninive-Ebene. Wörtlich sagte der Bischof in diesem Zusammenhang: „Wir Christen sind ein Element des Ausgleichs. Wir möchten, dass alle Komponenten des Landes für die Versöhnung arbeiten. Aber es gibt leider auch Leute, die Sonderinteressen verfolgen oder Geld machen wollen. Die neue Atmosphäre der Gewalt zwischen Arabern und Kurden birgt das Risiko eines neuen massiven Exodus der bereits vom Krieg und von der Barbarei der IS-Terroristen getroffenen Christen“.

Forderungskatalog des Weltkirchenrats

Das Exekutivkomitee des Weltkirchenrats hat bei seiner derzeitigen Tagung in Amman zur Situation im nördlichen Irak Stellung genommen. Die Befreiung der Ninive-Ebene und Mosuls aus der Gewalt der IS-Terroristen habe einen „hohen und tragischen“ Preis an Menschenleben gefordert und viele Zerstörungen mit sich gebracht. Daher gelte den Politikern in Bagdad und Erbil die Forderung, „den Dialog wiederaufzunehmen und in Verhandlungen zur Lösung der gegenwärtigen Krise einzutreten, um jeden weiteren Konflikt in einer Region zu vermeiden, die schon zuviel Gewalt und Leiden gesehen hat“. Die irakischen Behörden seien „dringend“ gefordert, für die Rückgabe von Wohnungen, Häusern, Werkstätten und Betrieben an die Vertriebenen Sorge zu tragen.

An die internationale Gemeinschaft appellierte das Exekutivkomitee des Weltkirchenrats, großzügig und rasch den Wiederaufbau von Infrastruktur und Gesellschaft im Irak zu unterstützen und Initiativen zur Stärkung des gesellschaftlichen und religiösen Zusammenhalts unter die Arme zu greifen. Dieser Appell gelte insbesondere jenen Ländern, die im Jahr 2003 an der Invasion des Irak beteiligt waren.

Der Weltkirchenrat werde sich seinerseits für die Förderung des interreligiösen Dialogs und für die Unterstützung der Christen und der Angehörigen anderer betroffener religiöser Minderheiten im Irak (Mandäer, Jeziden usw.) einsetzen. (ende)

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