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Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Patriarchat von Serbien

  • Gläubigeca. 9 Millionen
  • SitzBelgrad (Serbien)
  • Diözesen36, davon je 3 in Westeuropa und den USA und 1 in Australien
  • Statusautokephal
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheKirchenslawisch und Serbisch
  • Kalenderjulianisch
  • Titel des ErsthierarchenErzbischof von Pec, Metropolit von Belgrad und Karlovci und Patriarch von Serbien
  • e-mailinfo@spc.rs

GracanicaDer heute als Nationalheilige Serbiens hoch verehrte Hl. Sava war Sohn des Groß-Zupans Stefan Nemanja, der 1171 einen unabhängigen serbischen Staat errichtete. Sava lebte zunächst als Mönch auf dem Berg Athos bis er in seine Heimat zurückkehrte, um eine vom bisherigen Erzbistum Ochrid unabhängige Kirche aufzubauen. 1219 wurde er vom Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel zum ersten Erzbischof der nunmehr autokephalen Serbischen Orthodoxen Kirche geweiht. Er gilt als Organisator und eigentlicher Begründer der Serbischen Kirche, auch wenn die ersten Anfänge des christlichen Glaubens byzantinischer Prägung in dieses Region bereits für das 9. Jahrhundert nachweisbar sind.

Weitere Informationen über das Patriarchat von Serbien

1346 wird das Oberhaupt der Serbischen Kirche von dem groß-serbischen König Stefan Duschan in den Rang eines Patriarchen erhoben, was im Jahr 1375 von Patriarchen von Konstantinopel anerkannt wird. Der Sitz des Serbischen Patriarchats lag in Peć, im heutigen Kosovo. Ebenfalls im Kosovo fand die für das serbische Geschichtsbewusstsein eminent wichtige Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) statt, in der die Serben dem türkischen Heer unterlagen und in das Osmanische Reich eingegliedert wurden. Aufgrund des osmanischen Millet-Systems waren die orthodoxen Serben jurisdiktionell wieder dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel unterstellt.

1459 wurde das Serbische Königreich aufgelöst und die Serbische Orthodoxe Kirche wurde wieder – wie in ihrer Anfangszeit – dem bulgarischen Erzbistum Ochrid unterstellt. 1557 wurde das Patriarchat von Peć jedoch durch den serbischstämmigen Großwesir Mehmed-Pascha Sokolovic wiedererrichtet. Im Jahr 1766 wurde das Erste Serbische Patriarchat von Peć (1346–1766) vom Ökumenischen Patriarchat aufgelöst, ein Jahr später auch das Erzbistum von Ochrid.

Viele Serben siedelten sich ab 1690 auf habsburgischem Gebiet in Südungarn an, da sie nicht mehr unter osmanischer Herrschaft stehen wollten. Kaiser Leopold I. gewährte ihnen zahlreiche Sonderrechte, erwartete im Gegenzug von den dort ansässigen „Wehrbauern“ aber die Verteidigung des Grenzgebiets. Die auf habsburgischem Gebiet liegende Metropolie von Sremski Karlovci erlangte in der Folgezeit immer mehr an Bedeutung und wurde schließlich 1848 von den österreichischen Behörden zu einem autokephalen Patriarchat erhoben.

Nach der Wiedererlangung der staatlichen Souveränität Serbiens im Zuge der Balkankriege und der nationalen Befreiungsbewegung 1877/78 und der Wiedererrichtung des Königreichs Serbien, in dem der Erzbischof von Peć zum autokephalen Oberhaupt der Serbischen Staatskirche wurde, kam es zeitweise zu einer Doppelhierarchie der Serbischen Orthodoxen Kirche: Der außerhalb der serbischen Stammlande residierende Patriarch von Sremski Karlovci stand dem Erzbischof von Peć gegenüber.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer Wiedervereinigung aller serbischen Metropolien, und das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel erkannte die Wiederherstellung des Serbischen Patriarchats an, das seither seinen Sitz in Belgrad hat. In seinen Titeln „Erzbischof von Peć, Metropolit von Belgrad und Karlovci und Patriarch von Serbien“ vereinigt das Oberhaupt der Serbischen Orthodoxen Kirche alle drei Patriarchatssitze in seiner Person. Auch wenn der Patriarch in Belgrad residiert, wird er bis heute in Peć inthronisiert.

Während des Zweiten Weltkriegs hatte die Serbische Orthodoxe Kirche Vieles zu erleiden, vor allem in den faschistisch kontrollierten Gebieten: Sie verlor in diesen Jahren ein Viertel ihrer Gebäude und ein Fünftel ihres Klerus wurde hingerichtet oder ermordet.

Die Verfolgung durch die Faschisten mündete nach Ende des Zweiten Weltkriegs unmittelbar in die Diskriminierung durch das kommunistische Jugoslawien unter Tito: Der Kirche wurde es strikt untersagt, im sozialen oder pädagogischen Bereich aktiv zu werden, der Religionsunterricht wurde in den Schulen verboten und auch sonst wurde die Kirche mit immer wieder neuen Hindernissen und Schikanen durch die staatlichen Behörden konfrontiert. Das Zerwürfnis Titos mit der Sowjetunion 1948 und seine Annäherungen an den Westen verhinderten aber kirchenfeindliche Exzesse wie in anderen kommunistischen Staaten dieser Zeit.

Mit dem Zerfall Jugoslawiens und den darauf folgenden Balkankriegen von 1991 bis 1995 sah die Serbische Kirche sich zahlreichen Herausforderungen gegenübergestellt, da ein nicht geringer Teil ihrer Gläubigen zu einer ethnische und religiösen Minderheit in den souverän gewordenen Staaten Kroatien und Bosnien-Herzegowina wurde. Die Serbische Kirche rief in den blutigen Auseinandersetzungen immer wieder zu Gewaltverzicht und Versöhnung auf. Wenig bekannt sind zum Beispiel die Bemühungen der Serbischen Orthodoxen Kirche und der Römisch-Katholischen Kirche in Kroatien, in Zusammenarbeit mit der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und dem Katholischen Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), gemeinsam nach Wegen der Beendigung der kriegerischen Auseinandersetzungen zu suchen. Gescheitert sind sie am Unwillen der verantwortlichen Politiker.

Die Serbische Orthodoxe Kirche ist seit 1965 Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) und zeigt sich offen für den ökumenischen Dialog. Seit der politischen Wende ist die theologische Ausbildung durch die Theologische Fakultät in Belgrad und durch mehrere Priesterseminare gesichert. Besonders im sozialen Bereich leistet die Kirche in den letzten Jahren Beachtliches.

Zurzeit steht die Serbische Orthodoxe Kirche durch die politischen Umwälzungen im ehemaligen Jugoslawien vor großen Herausforderungen. Schon 1958 hat sich die Kirche von Mazedonien einseitig von Belgrad abgespalten und sich für autokephal erklärt. Sie wird von der Gesamtorthodoxie nicht anerkannt und gilt als unkanonisch. Gleiches ist 1993 mit Teilen der Kirche von Montenegro geschehen. Neben diesen Kirchenspaltungen macht vor allem die aktuelle Entwicklung im Kosovo der Serbischen Kirche große Sorgen: Durch die staatliche Unabhängigkeit eines mehrheitlich albanisch dominierten Kosovo sieht sie sowohl die serbische Bevölkerungsminderheit als auch die dort liegenden zahlreichen Klöster und Kirchen gefährdet. Die Situation verkompliziert sich dadurch, dass nicht nur das Amselfeld (Kosovo Polje) im Kosovo liegt, sondern auch das für die Serbische Kirche so wichtige Kloster Peć.

Fokussieren sich westliche Beobachter momentan einseitig auf die aktuelle politische Rolle der Serbischen Orthodoxen Kirche, so würdigen sie oftmals nicht die zahlreichen Neuaufbrüche im sozialen und theologischen Bereich dieser Kirche und ihre eigenständige faszinierende Tradition, vor allem in der Kirchenmusik.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB