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Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Patriarchat von Bulgarien

  • Gläubigeca. 7 Millionen
  • SitzSofia (Bulgarien)
  • Diözesen15 Diözesen, davon je 1 in Westeuropa und in den USA
  • Statusautokephal
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheKirchenslawisch und Bulgarisch
  • Kalendermeletianisch
  • Titel des ErsthierarchenMetropolit von Sofia und Patriarch von Bulgarien
  • e-mailinfo@bg-patriarshia.bg

Fresko aus Trojanski-Kloster in BulgarienDie Bulgaren können nicht ohne Stolz auf eine lange christliche Tradition zurückblicken. So ist bereits im Jahr 343 Serdica (das heutige Sofia) Versammlungsort einer wichtigen Synode gewesen, in der die Bischöfe der Region über die Irrlehre des Arius debattierten. Sie ist zu einem wichtigen Meilenstein in der Kirchen- und Theologiegeschichte geworden.

Weitere Informationen über das Patriarchat von Bulgarien

Das Jahr 864 kann schließlich als offizieller Beginn der Geschichte Bulgariens als einer christlichen Nation bezeichnet werden: In diesem Jahr ließ sich der bulgarische Fürst (Khan) Boris I. von einem byzantinischen Bischof taufen, was die Weichen stellte für die Christianisierung seiner Untertanen in byzantinischer Tradition. Kurzzeitig suchte Boris I. zwar auch den Kontakt zu Rom, da er vom Papst die Errichtung eines eigenen Bulgarischen Patriarchats erhoffte, doch schon im Jahr 870 wurde auf dem Konzil in Konstantinopel geklärt, dass Bulgarien zum Jurisdiktionsbereich des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel gehöre. – Auch wenn es in den folgenden Jahrhunderten der Kirchengeschichte des Landes immer wieder Annäherungen an Rom gegeben hat, die meist politisch motiviert waren, so blieb der Einfluss der Westkirche doch gering, so dass Bulgarien durch die Zeiten hindurch bis heute immer ein genuin orthodoxes Land geblieben ist.

Im 10. Jahrhundert erlangte Bulgarien die politische Selbständigkeit und im Jahr 927 kam es zur Errichtung des Ersten Bulgarischen Patriarchats, das bis 1018 Bestand hatte. Zuvor musste der vom Ökumenischen Patriarchen als autokephal anerkannte Patriarch von Bulgarien seinen Sitz 971 von Preslav (Ostbulgarien) nach Ochrid (heute ehemalige jugoslawische Teilrepublik Mazedonien) verlegen, da das Byzantinische Reich Ostbulgarien erobert hatte. Im Jahr 1018 fiel auch der übrige Teil des Landes an Byzanz, womit auch die Unabhängigkeit der Bulgarischen Kirche ein zwischenzeitliches Ende fand.

1186 erlangte Bulgarien wieder seine politische Unabhängigkeit. In der nun folgenden Periode des so genannten Zweiten Bulgarenreichs, die bis 1396 andauerte, kam es zu einer großen Blüte des kirchlichen Lebens. Viele Klöster wurden in dieser Zeit gegründet, so unter anderem das bis heute bedeutende Rila-Kloster südlich von Sofia, das sich zu einem geistlichen Zentrum für die Bulgarische Orthodoxe Kirche entwickelte.

1204 kam es zu einer Kirchenunion mit Rom, die aber nur bis 1235 andauerte, da der bulgarische König eine Allianz mit den Griechen gegen Konstantinopel schloss, das sich zu dieser Zeit in der Hand der Lateiner befand. Im selben Jahr wurde auch wieder das Bulgarische Patriarchat anerkannt, so dass die politische Hauptstadt des Landes, Tirnovo, auch zur Residenz des Patriarchen wurde. Dieses Zweite Bulgarische Patriarchat fand ebenfalls sein Ende mit dem Untergang des Zweiten Bulgarenreichs 1396.

1396 eroberten die Osmanen Bulgarien und beherrschten es für fast 500 Jahre. Nach den Prinzipien der Religionspolitik der osmanischen Herrscher wurde die Bulgarische Kirche dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel unterstellt. Das spezifisch bulgarische Erbe wurde in dieser langen Periode besonders in den Klöstern gepflegt und wach gehalten.

1870 wurde vom Sultan ein Bulgarisches Exarchat gegründet, was einen autonomen Status der Bulgarischen Orthodoxen Kirche zur Folge hatte. Diesem Schritt war der seit einigen Jahrzehnten andauernde nationale Aufbruch Bulgariens vorangegangen, als dessen geistige Väter viele Mönche und Geistliche ausgemacht werden können. Das erste greifbare Ergebnis dieser „Wiedergeburt Bulgariens“ war 1850 die Legalisierung der bulgarischen Kirchengemeinden von Seiten der osmanischen Herrscher und schließlich 1878 die Staatsgründung Bulgariens.

Das Streben des Bulgarischen Exarchats nach Autokephalie führte 1872 zwischenzeitlich zum Schisma mit dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, das 1945 mit der Anerkennung der Autokephalie der Bulgarischen Orthodoxen Kirche endete. 1953 wurde auch mit der Zustimmung der Gesamtorthodoxie das Patriarchat in Sofia wiedererrichtet, womit die Zeit des Dritten Bulgarischen Patriarchats eingeläutet werden konnte.

Die Zeit des kommunistischen Regimes (1945–1989) war für die Bulgarische Kirche eine äußerst schwierige Zeit, da der Staat beinahe alle kirchlichen Gebäude konfiszierte und alles daran setzte, das kirchliche Leben zu eliminieren. Mit der Wende von 1989 wurden zahlreiche Gebäude der Kirche wieder zurückgegeben, darunter das 1961 verstaatlichte Rila-Kloster, und auch die freie Religionsausübung wurde nicht mehr behindert. Ein wichtiges Zeichen war wohl auch, dass 1991 die Theologische Fakultät wieder in die Sofioter Universität integriert wurde, nachdem sie 1950 zwangsweise geschlossen worden war.

1992 kam es zu einem Riss innerhalb der Bulgarischen Orthodoxen Kirche als einige Bischöfe die Rolle des amtierenden Patriarchen während des Kommunismus, besonders die Umstände seiner damaligen Wahl, kritisch anfragten und Neuwahlen forderten. Durch pan-orthodoxe Bemühungen konnte dieser interne Streit weitgehend beigelegt werden, wenn auch der Prozess der Versöhnung noch nicht vollständig abgeschlossen ist. Den Austritt der Bulgarischen Orthodoxen Kirche aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) im Jahr 1998, dem sie seit 1961 angehört hatte, muss sicher vor diesem Hintergrund gesehen werden. Der Bulgarischen Kirche gebührt größter Respekt, wie sie zurzeit ihre Vergangenheit kritisch aufarbeitet und sich mutig den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft stellt.

Die Bulgarische Orthodoxe Kirche ist eine Kirche, die nicht nur auf eine reiche Kultur zurückblicken kann, sondern auch hervorragende Theologen und geistliche Väter aus ihren Reihen hervorgebracht hat: Für das Mittelalter sind besonders der als Heiliger hoch verehrte Johannes von Rila, heutiger Landespatron Bulgariens, zu nennen und Prochorus von Psinja, Gabriel von Lesnovo und Joachim von Osogovo. In jüngerer Zeit ist es Stefan Zankov (1881–1965), der die Theologie maßgeblich geprägt hat und sich als Pionier der Ökumenischen Bewegung hervorgetan hat. Durch den Beitritt Bulgariens zur Europäischen Union am 1. Jänner 2007 zeichnet sich ab, dass das reiche Erbe der Bulgarischen Orthodoxen Kirche wieder stärker in das Bewusstsein des übrigen Europas rückt.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB