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Patriarch Danie I. Ciobotea

Pro Oriente

Autonomes Heiliges Kloster und Erzdiözese am Sinai

  • Gläubigeca. 900 Gläubige
  • SitzSt. Katharinen-Kloster auf der Sinaihalbinsel und Kairo (Ägypten)
  • Diözesen1 Erzdiözese
  • Statusautonom
  • Ritusbyzantinisch
  • LiturgiespracheGriechisch
  • Kalenderjulianisch
  • Titel des ErsthierarchenErzbischof des Autonomen Heiligen Klosters und der Erzdiözese am Sinai

Seit dem 3. Jahrhundert sind Einsiedler und ab dem 4. Jahrhundert die ersten Mönchskolonien auf der Sinaihalbinsel nachweisbar. Sie siedelten sich vornehmlich um den Djebel Musa, den „Moseberg“, in der Nähe des antiken Pharan inmitten des Sinai an. Der Djebel Musa wurde schon sehr früh von der christlichen Tradition mit dem Berg der Gottesoffenbarung an Mose (vgl. Ex 3,19) identifiziert.

Weitere Informationen über das Autonome Heilige Kloster und die Erzdiözese am Sinai

Um die Mönche besser vor den ständigen Sarazenenüberfällen zu schützen, ließ Kaiser Justinian I. 557 ein befestigtes Kloster am nördlichen Fuß des Djebel Musa errichten, und zwar über der Stelle, über der die christliche Tradition den brennenden Dornbusch lokalisierte. Im 9. Jahrhundert wurde dieses befestigte Kloster dem Patrozinium der Hl. Katharina von Alexandrien unterstellt, deren Name auch der dem Kloster gegenüberliegende Berg trägt: der Djebel Katharina.

Das Sinai-Kloster gewann rasch an internationaler Strahlkraft: In seinen Mauern lebten und arbeiteten armenische, arabische, äthiopische, griechische, lateinische, slawische und syrische Mönche. Es ist bezeugt, dass die Äbte des 6. Jahrhunderts nicht nur Griechisch, sondern auch Latein, Koptisch und Ge’ez (Alt-Äthiopisch) sprachen. Aus dieser frühen Zeit sind bis heute noch eine Vielzahl von sehr alten und äußerst wertvollen Handschriften und Ikonen erhalten. Letztere sind so bedeutsam, da es sich bei ihnen um Ikonen in Enkaustik-Technik handelt, die noch aus der Zeit vor dem Bilderstreit datieren: Durch den Bilderstreit (Ikonoklasmus) im 8./9. Jahrhundert sind in der übrigen Welt fast alle Ikonen aus dieser Epoche zerstört worden und das Wissen um die besondere Enkaustik-Technik ist verloren gegangen.

Unter den Handschriften ist die bekannteste wohl der Codex Sinaiticus, ein vollständiges Neues Testament in griechischer Sprache aus dem 4. Jahrhundert, der im 19. Jahrhundert dem Kloster durch den deutschen Gelehrten Konstantin von Tischendorff entwendet wurde. Seit einigen Jahren ist der Codex Sinaiticus als Onlineressource für die Allgemeinheit zugänglich, nachdem ein internationales Konsortium die mittlerweile in der ganzen Welt verstreuten Fragmente dieses Manuskripts digitalisiert hat. Viele andere der kostbaren Handschriften sind jedoch noch im Besitz des Klosters und werden teilweise in dem neu eröffneten Museum des Katharinenklosters – neben den erwähnten Ikonen – den Besuchern präsentiert.

Aufgrund seiner starken Befestigungsanlage konnte sich das Kloster in den Jahrhunderten seiner Geschichte meist mit Erfolg gegen Plünderer und Eroberer verteidigen. So wurde schon bald der Abt des Klosters, der Ende des 7. Jahrhunderts zugleich Erzbischof aller auf der Sinaihalbinsel lebenden Christen wurde – die zuvor in verschiedenen Diözesen organisiert waren – zu einem Schutzherrn der Bewohner des Sinai. Die fast ausschließlich muslimischen Beduinenstämme der Sinaihalbinsel rufen ihn bis heute bei Streitigkeiten als Schiedsinstanz an, und innerhalb der beeindruckenden Klosteranlage von St. Katharina liegt auch eine kleine Moschee.
1575 wurde dem Sinai vom Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel der Status der Autonomie verliehen. Der Abt des Sinaiklosters wird von der Mönchsgemeinschaft gewählt, doch seine Weihe und Einsetzung zum Erzbischof erhält er jeweils aus der Hand des Patriarchen von Jerusalem.

Zum Jurisdiktionsbereich des autonomen Erzbistums gehören neben der Sinaihalbinsel mit dem Katharinenkloster und seinen Metochien (Filialklöster), auch abhängige Klöster in Kairo, in Konstantinopel, in Griechenland, im Libanon und auf Zypern. Seit dem 18. Jahrhundert residiert der Abt und Erzbischof des Autonomen und Heiligen Klosters am Sinai in Kairo. Insgesamt ist er als Erzbischof das geistige Oberhaupt von etwa 900 Gläubigen, zum Großteil Mönche der Bruderschaft des Katharinenklosters, für die er in Personalunion auch Abt ist.

Nikodemus C. SCHNABEL OSB